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„Es reicht nicht aus die besten Fähigkeiten zu haben!“

29.09.2017 || 11:54 Uhr von:
Im großen Interview spricht Daniele Baiesi unter anderem über sein Verhältnis zu Marko Pesic, sein Scouting-Geheimnis und den Konflikt zwischen Euroleague und FIBA.

basketball.de: Herr Baiesi, die Sommervorbereitung ist vorüber. Wie ist Ihr Eindruck der Mannschaft des FC Bayern Basketball?

Daniele Baiesi: Während einer Saisonvorbereitung ist es zunächst wichtig, als Gruppe zusammenzufinden. Als Gruppe verschiedenster Individuen muss man sich erst einmal kennenlernen und aneinander gewöhnen. Aus basketballerischer Sicht ist es hier für mich umso interessanter, da viele neue Spieler aufeinander treffen.

Zu den neuen Spielern zähle ich auch Spieler, die letzte Saison schon hier waren. Ich habe den Eindruck, dass sie mit einer neuen Motivation hier angekommen sind. Beispielsweise Maik Zirbes: Letzte Saison hat ihn seine Verletzung dauerhaft beeinträchtigt. Jetzt ist er gesund und scheint ein anderer Spieler zu sein.

Das ist zumindest mein Eindruck im Vergleich zum letzten Jahr als ich den FC Bayern ja nur als Außenstehender sah.

Inwiefern ist es für das Zusammenfinden einer Mannschaft problematisch, wenn ein Teil des Teams aufgrund der Europameisterschaft erst spät in die Vorbereitung einsteigen kann?

Das ist natürlich nicht optimal. Uns fehlten ja im Endeffekt beide Power Forwards (Milan Macvan und Danilo Barthel, d. Red.) und der voraussichtliche Starting Point Guard (Stefan Jovic, d. Red). Diese beiden Positionen sind das Rückgrat einer Mannschaft.

Dementsprechend hatte ich zu Beginn noch viele Fragezeichen im Kopf, weil ich stets darüber nachdenke, wie diese Spieler ins Mannschaftsgefüge passen. Während der Vorbereitung ist also jeder Tag und jede Woche hochinteressant gewesen, weil man nie vorhersehen kann, was passieren wird.

„Letzte Saison habe ich mir ungefähr 50 Spiele von Bayern angesehen.“

Sie haben Ihre Rolle als „Außenstehender“ in der vergangenen Spielzeit angesprochen. Welche Unterschiede ergeben sich, wenn Sie ihre Eindrücke aus dem letzten Jahr mit den aktuellen vergleichen?

Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Letzte Saison habe ich mir ungefähr 50 Spiele von Bayern angesehen. Ich musste ja überlegen, wie man diese Mannschaft am besten schlagen kann. Heute ist meine Perspektive eine komplett andere. Ich muss zusehen, dass wir ein Team formen, das gegen jeden Gegner konkurrenzfähig ist.

Können Sie Ihre Rolle beim FC Bayern genauer beschreiben?

Der Begriff Rolle ist für mich klar definiert. Ich arbeite jetzt mit Menschen zusammen, mit denen ich bisher selten gesprochen habe. Zum Beispiel hatte ich noch nie mit Marko Pesic über Details gesprochen, bevor wir begonnen haben, gemeinsam zu arbeiten. Wir waren Konkurrenten.

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Jetzt hat sich unser Verhältnis verändert. Wir verfolgen das gleiche Ziel und arbeiten hervorragend zusammen, tauschen uns unheimlich viel aus. Ein endgültiges Fazit können wir aber erst am Ende der Saison ziehen, wenn man sieht, wo wir dann stehen werden.

Teilen Sie sich ein Büro mit Marko Pesic?

Er teilt sein Büro mit mir (lacht). Wir sprechen sehr, sehr viel miteinander und diskutieren intensiv. Man kann es sich vorstellen wie bei Star Wars, wenn Luke Skywalker und Darth Vader mit dem Laserschwert kämpfen.

„Es reicht nicht aus, das beste Wissen über Basketball zu haben!“

Sie sehen das Formen einer Mannschaft als sehr wichtig an. Wie entscheiden Sie, ob eine Mannschaft noch einen Spieler braucht oder eher nicht?

Es ist immer schwer zu sagen, ob ein Teil im Puzzle fehlt. Ich versuche immer das Ganze zu sehen und die Mannschaft zu verbessern. Dies kann durch Hinzufügen, aber auch durch das Entfernen eines Puzzleteils geschehen.

Die Situation und die Vorgänge innerhalb einer Mannschaft muss man immer beobachten. Nichtsdestotrotz behält man die Möglichkeiten auf dem Spielermarkt im Auge. Es gibt schließlich immer Möglichkeiten, um sich zu verbessern.

Beim Scouting eines Spielers: Worauf achten Sie besonders, um im Optimalfall einen Steal zu landen?

Scouting ist ein sehr komplexer Prozess, wobei nicht nur zählt, was im Scouting-Report steht. Was ein Spieler kann und was er nicht kann sind objektive Kriterien. Diesbezüglich braucht man bei der Verpflichtung oft auch ein bisschen Glück.

Was aber wirklich zählt, ist schwer zu beschreiben. Ich versuche mir selbst immer folgende Frage zu beantworten: Wie würde der Spieler performen, wenn er morgen früh mit meinem Team trainieren würde? Diese Frage betrifft den basketballerischen Aspekt.

Andererseits geht es darum, ein möglichst umfassendes Bild des Spielers als Mensch zu bekommen. Bei Spielern ist es im Endeffekt wie bei Trainern. Im Jahr 2017 reicht es nicht aus, das beste Wissen über Basketball zu haben. Du musst mit deinen Spielern umgehen und kommunizieren können.

Auf Spielerseite reicht es also auch nicht aus, wenn du die besten Fähigkeiten hast. Ich ziehe hier oft gerne ein Mantra der All-Blacks heran: Jeder talentierte Spieler kann einem Team helfen, aber nicht jeder wird dies auch tun.

Es geht darum, wie ein Spieler mit seinen Teamkollegen und seinem Umfeld interagiert.

Wie sammeln Sie diese Informationen über einen Spieler?

Da gibt es im Endeffekt zwei Punkte. Der Erste: Gib nicht immer alles preis, was du weißt. Genau darum kann ich über den zweiten Punkt auch nicht sprechen (lacht). Nein, ich arbeite seit über 16 Jahren im Basketball und weiß, dass netzwerken heutzutage sehr, sehr wichtig ist.

Ich gehe davon aus, dass ich nicht unbedingt der beste Freund von den Leuten bin, mit denen ich mich austausche. Darum geht es aber auch nicht. Egal mit wem man spricht, erhält man neue Informationen. Vielleicht bringt es einen nur dazu, einen zweiten Blick auf eine Sache zu werfen oder einen anderen Blickwinkel wahrzunehmen.

„Wer das meiste Geld hat, geht nicht ins billigste Restaurant“

Beeinflusst der Wettbewerb, an dem ein Team teilnimmt, die Position bei den Verhandlungen mit einem Spieler?

Auf jeden Fall. Wenn du das meiste Geld hast, gehst du nicht ins billigste Restaurant. Heutzutage macht Geld im Basketball zwar viel, aber nicht alles aus. Spieler wollen den Wettbewerb, sie wollen sich auf höchstem Level messen.

Nehmen wir Shane Larkin als Beispiel. Er hat ein Angebot über 2,5 Millionen Dollar netto in Europa abgelehnt, um einen Minimum-Vertrag in der NBA zu unterschreiben. Er war letzte Saison einer der besten Point Guards der Euroleague und geht jetzt das Risiko ein, in der NBA gecuttet zu werden.

Natürlich gibt es auch andere Beispiele wie etwa Brian Roberts, der jetzt bei Olympiacos, einem Titelanwärter in der Euroleague, unterschrieben hat. Hätte er ein gleichwertiges Angebot aus dem Eurocup bekommen, wäre er wohl trotzdem in die Euroleague gegangen. Einfach aus dem Grund, um sich mit den besten Europas zu messen.

Grundsätzlich versuche ich Spielern aber immer folgendes zu erklären. Wenn du auf niedrigerem Niveau überzeugst, kannst du dich für höhere Aufgaben empfehlen. Spielst du im Eurocup gut, wirst du Angebote aus der Euroleague erhalten. Kannst du dich auch dort beweisen, öffnet sich vielleicht die Tür zur NBA.

Es gibt aber auch andere Beispiele. Aaron Jackson hat die Euroleague verlassen, um einen hochdotierten Vertrag in China zu unterschreiben.

Jackson war mit der Situation in Europa vielleicht nicht ganz zufrieden. Er hat seine Meinung ja auch via social media kund getan. Bei ihm hat vielleicht auch das Alter eine Rolle gespielt. Er wird 31 und kann nochmal sehr viel Geld verdienen. Wenn er mit seiner Entscheidung zufrieden ist, dann ist es für alle Beteiligten wohl das Beste.

Bayerns Angriff auf den Titel

Prinzipiell ist die von Ihnen angesprochene Argumentation aber schon hilfreich, um Spieler zu überzeugen im Eurocup anzutreten.

Es geht nicht um eine Argumentation. Ich frage Spieler, was sie möchten. Warum sollte er beispielsweise nach München kommen wollen? Wenn mir ein Spieler sagt, dass er möglichst viel Geld verdienen möchte, soll er lieber wegbleiben. Dafür muss er in China oder irgendwo anders unterschreiben.

Der Spieler muss verstehen, dass wir nicht in der höchsten europäischen Liga antreten. Wir spielen nicht um den Titel in der Euroleague. Gleichermaßen können wir mit den Gehältern, die in China gezahlt werden, schlicht und ergreifend nicht mithalten.

Ein Spieler muss bereit sein, sich uns anzuvertrauen. Er muss verstehen, dass er hier die vielleicht besten Möglichkeiten hat, um seine Ziele zu erreichen. All diese Faktoren müssen in Gesprächen geklärt werden. Den Grundsatz ‚Du kommst zu uns, wir bezahlen dich und du lieferst ab‘ gibt es schon lange nicht mehr. Kommunikation ist in der heutigen Gesellschaft unglaublich wichtig.

Abschließend: Ziel muss es immer sein, dass beide an einem Deal beteiligten Seiten einen Nutzen daraus ziehen. Der Verein, wenn der Spieler gut spielt und der Spieler, wenn er sich durch seine guten Leistungen für höhere Aufgaben empfehlen kann.

„Die meisten Verantwortlichen bei FIBA und Euroleague haben noch nie einen Klub geführt“

In der D-League können Spieler nun deutlich mehr Geld verdienen als bisher. Spüren Sie diese Veränderungen?

Absolut. Speziell in diesem Sommer gab es viele Spieler, die sehr lukrative Angebote aus der Euroleague ausgeschlagen haben, um einen two-way-contract in der NBA zu unterschreiben. Ich weiß nicht, ob die Veränderungen in der D-League dem Basketball zuträglich sind, aber sie werden den Markt erheblich beeinflussen. Damit müssen wir lernen umzugehen und Lösungen zu finden.

Wie sehen Sie den Streit zwischen Euroleague und FIBA?

In diese Diskussion möchte ich eigentlich gar nicht einsteigen. Die ganze Angelegenheit ist ein Politikum, an dem ich mich nicht beteiligen möchte. Was ich dazu sage, gilt nicht nur für Basketball, sondern für viele politische Angelegenheiten weltweit.

Diejenigen, die die Regeln festlegen, mussten sich meistens noch nie damit auseinandersetzen. Die meisten Verantwortlichen haben noch nie einen professionellen Klub geführt, sie haben sich noch nie mit den Problemen der Vereine und der Spieler befasst. Zum Teil haben sie noch nicht einmal selbst Basketball gespielt.

Ich habe grundsätzlich ein Problem damit, wenn Leute über Dinge entscheiden, von denen sie wenig Ahnung haben. Damit möchte ich allerdings niemanden persönlich angreifen.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel, das mit dem Streit zwischen Euroleague und FIBA überhaupt nichts zu tun hat. Zur kommenden Saison wird die Schrittfehler-Regelung geändert. Die neuen Regeln gelten ab dem 01. Oktober 2017. Wir spielen den ersten BBL-Spieltag aber am 30. September. Was soll ich unseren Spieler denn vor dem Spiel sagen? Welche Regeln gelten denn nun? Welche Linie fahren die Schiedsrichter?

Wie kann es sein, dass sich scheinbar niemand darüber Gedanken gemacht hat? Es ist verrückt, aber ich versuche innerhalb der vorgegebenen Grenzen bestmöglich für meine Organisation zu handeln.

Die Nationalmannschaftsfenster während der Saison sind eine vorgegebene Grenze.

Auch das ist wieder ein Politikum. Ein Klub kann nicht sagen, dass er seine Spieler nicht abstellen wird. Im Endeffekt sind die Spieler die Leidtragenden, denn sie können je nachdem wie sie sich entscheiden bestraft werden.

Eine klare Stellung zu den Länderspielen im November zu beziehen ist momentan noch nicht möglich. Diese Angelegenheit wird auf sportpolitischer Ebene noch diskutiert werden müssen. Was im November letztlich passiert, werden wir dann sehen.

Vielen Dank für das ausführliche Gespräch.

„Es reicht nicht aus die besten Fähigkeiten zu haben!“
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