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„Es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle“

20.10.2017 || 10:54 Uhr von:
Europameister Ali Nikolic spricht im Interview über den großen Triumph mit Slowenien, seinen Einsatz in den letzten Minuten sowie seine Rolle in Bamberg in diesem Jahr.

basketball.de: Erstmal Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn der Europameisterschaft mit Slowenien. Was geht dir durch den Kopf, wenn du daran zurückdenkst?

Ali Nikolic: Zuerst taucht der Moment auf, als das Finalspiel zu Ende war und die Emotionen hochkamen. Das war eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle. Das ganze Erlebnis war fantastisch: die Art und Weise, wie wir gewonnen haben; das Team, das wir zusammenhatten und die Chemie, die sich zwischen uns entwickelte. Ich hoffe, sowas nochmal zu erleben, aber es dauert noch ein paar Jahre bis zum nächsten Turnier. Ehrlich gesagt kann ich es bis jetzt nicht richtig begreifen und auch nicht beschreiben, was genau uns da gelungen ist. Aber wir haben eine Medaille geholt, die goldene sogar, und das für unser Land, das so lange darauf gewartet hat.

Wie ging es für euch nach dem Endspiel weiter?

In Ljubljana gab es einen großen Empfang. 20.000 Menschen sind gekommen, um mit uns zu feiern, das war wirklich verrückt. Wenn es nicht so viel geregnet hätte, wären wohl 40.000 gekommen, aber 20.000 … das ist schon unglaublich. Während des Turniers hat das ganze Land mit uns mitgefiebert, und sie sagten, es sei wie im Märchen gewesen.

Du hast während der entscheidenden letzten Minuten im Finalspiel gegen Serbien auf dem Feld gestanden, weil Goran Dragic von Krämpfen geplagt wurde. Hast du vorher damit gerechnet, so eine Rolle für dein Team zu spielen?

Mir war meine Rolle genau bekannt. Ich wusste, was der Trainer von mir verlangte, und daran hielt ich mich während des Turniers. Dass er mich am Ende aufs Feld schicken würde, damit konnte ich natürlich nicht rechnen. Dragic war unser Mann für solche Momente, aber aufgrund seiner Schmerzen gab der Trainer mir die Chance, das Spiel für uns nach Hause zu bringen. Es war verrückt und hat Spaß gemacht und ich bin sehr glücklich, dass ich das Vertrauen bekam.

Du hast große mentale Stärke bewiesen, hast deine Freiwürfe getroffen. Um zu verstehen, wie du als junger Spieler an diesen Punkt gekommen bist, wollen wir ein wenig zurückschauen. Du hast Slowenien im Alter von 16 Jahren hinter dir gelassen und bist zu den OKK Spars nach Sarajevo gewechselt – warum?

Ich habe nach einem Programm außerhalb von Slowenien gesucht, und Sarajevo war die perfekte Lösung. Sie waren das erste Team, das nur junge Spieler in der ersten Liga einsetzte. Außerdem nahmen sie an den Nachwuchsturnieren der Euroleague teil. Für mich war das also die ideale Möglichkeit, um mein Spiel zu verbessern. Diese Entscheidung hat sich ausgezahlt und mich letztendlich hier nach Bamberg gebracht. Deshalb bin ich glücklich, diesen Weg gegangen zu sein.

Schon in jungen Jahren hast du mutige Entscheidungen für deine Karriere getroffen. Lag das auch daran, dass dein Vater sich im Basketballgeschäft auskennt?

Nein. Mein Vater hat mir zwar Ratschläge gegeben, aber die Entscheidungen habe ich am Ende alleine getroffen. Meine Eltern haben mich zu nichts gedrängt, im Gegenteil: sie haben mich unterstützt. Sie sagten: „Wenn es das ist, was du tun willst, wenn sich das richtig anfühlt, dann geh’ dorthin. Es ist deine Entscheidung.“

Nach vier Jahren in Sarajevo bist du nach Bamberg gewechselt. Was sind die Schwierigkeiten für einen jungen Spieler in dieser neuen Situation? Wo muss man sich durchkämpfen?

Schwierig ist das falsche Wort. Ich musste mich zuerst an die Physis gewöhnen, ich war nicht stark genug, daran musste ich arbeiten. Inzwischen bin ich aber auf einem guten Level.

Du sagtest mal, Bamberg habe dir einen Plan vorgelegt, wie deine Entwicklung hier verlaufen sollte. Kannst du diesen Plan ein wenig genauer beschreiben?

Ich sollte für das höchste Level vorbereitet werden. Dafür musste ich unter anderem physisch stärker werden und viel lernen. Von Andrea [Trinchieri] habe ich auch viel gelernt, quasi alles, was ich für das höchste Niveau wissen und können muss. Das war der Plan für die ersten zwei Jahre. Im dritten Jahr ändert sich nun nicht viel. Es gibt viele Bereiche in meinem Spiel, an denen ich noch arbeiten muss. Ich muss insgesamt noch besser werden, aber ich glaube fest daran, dass ich das unter diesem Trainer schaffen werde. Das ganze Programm in Bamberg ist perfekt. Wenn man sich nur anschaut, wie viele Spieler in der Vergangenheit hier besser geworden sind … ich bin überzeugt, dass wir das auch dieses Jahr schaffen.

Aleksej Nikolic und Andrea Trinchieri freuen sich über den Sieg gegen Moskau.

Neue Saison, neue Mannschaft, alte Rolle

Welche Rolle wirst du in dieser Saison spielen?

Eine ähnliche wie im letzten Jahr: viel Energie aufs Feld bringen, sehr gut verteidigen und im Angriff einfach ich selbst sein, für andere kreieren und das Richtige tun. Das ist meine Rolle im Team.

Woran arbeitest du in der neuen Saison?

Ich möchte meinen Wurf weiter verbessern. Aber … eigentlich möchte ich in allem besser werden.

Es ist offensichtlich, dass ihr als Team noch einen längeren Weg vor euch habt. Wie unterschiedlich ist die Vorbereitung mit dem Club und mit der Nationalmannschaft, wo man ja auch nur wenig Zeit hat?

Mit der Nationalmannschaft ist man viel kürzer zusammen als mit der Vereinsmannschaft. Deshalb versucht man vor allem, dass die Spieler ein gutes Gefühl füreinander entwickeln, dass sich jeder in seiner Rolle wohlfühlt. Es ist am wichtigsten, dass man in der kurzen Zeit die bestmögliche Chemie innerhalb der Mannschaft erreicht. Mit der slowenischen Nationalmannschaft hat das wunderbar funktioniert. Jeder wusste, was er zu tun hatte; jeder wusste auch, was die anderen zu tun hatten. Nur darum kümmerten wir uns und um nichts Anderes.

Mit der Vereinsmannschaft ist das anders. Man geht einen sehr langen Weg zusammen, der sowohl Höhen als auch Tiefen bereithält. Wir kennen uns alle noch nicht so gut, unser Zusammenspiel muss sich noch finden. Aber das Tolle an diesem Team ist, dass jeder mit Leidenschaft dabei ist. Alle sind von dem Willen getragen, besser zu werden. Als Einzelspieler und als Team. Das treibt uns an. Ich bin überzeugt, das richtige Gefühl füreinander wird kommen. Und dann werden wir auch gut spielen. Wir sind alle sehr zuversichtlich.

Wo liegt euer Fokus aktuell im Training: in den Details, die später in den Playoffs entscheidend sein können? Oder versucht ihr mehr, Trinchieris Grundideen zu verinnerlichen?

Ein bisschen von beidem. Aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Wenn du einfach noch nicht das richtige Gefühl auf dem Parkett hast, dann versuchst du mit maximaler Energie zu spielen und hart zu verteidigen. Der Angriff entsteht dann daraus. Das ist momentan das wichtigste für uns.

Zum Abschluss nochmal ein Blick auf deine Mitspieler in der Nationalmannschaft: Goran Dragic ist zurückgetreten, Luka Doncic gilt als sein Nachfolger im Team. Wie hast du die gemeinsame Zeit mit den beiden erlebt?

Goran Dragic hat alles für die Mannschaft gegeben. Besonders in diesem Turnier hat er sich aufgeopfert, er wollte diese Medaille unbedingt. Am Ende dann die Goldmedaille um den Hals zu tragen und den MVP-Titel mit nach Hause zu nehmen, dafür verneige ich mich vor ihm. Wenn es ein Spieler verdient hat, dann er. Wenn ich etwas von ihm lernen kann, dann, wie er das Team geführt hat, wie er immer für uns da war. Über Luka Doncic, was kann man da noch sagen? Europa, nein, die ganze Welt kennt ihn inzwischen. Er ist ein großes Talent und wird noch viel besser werden. Wir freuen uns sehr, ihn auch in Zukunft im Nationalteam zu wissen.

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