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Gedenken und Gegenwartskritik

26.02.2018 || 15:16 Uhr von:
Unlängst hat Trainer-Doyen Gregg Popovich einmal mehr gesellschaftspolitisch Haltung gezeigt und unbequeme Wahrheiten geäußert, die weithin Widerhall finden sollten.

Während des diesjährigen „Black History Month“ wurden im „Freiwurf“ einschlägige Themen wie „Herkunft“ diskutiert und afroamerikanische Pionierleistungen gewürdigt. Zum Ausklang erhält nach thematischer Monatsrundschau nun ein gesellschaftskritischer Menschenfreund das Wort: „Coach Pop“, dem das gleichberechtigte Miteinander am Herzen liegt.

Gedenken …

Alljährlich im Februar begeht die NBA den seit 1976 in den USA offiziell sanktionierten „Black History Month“. So auch in diesem Jahr. Dabei würdigt die Liga afroamerikanische Vorkämpfer wie den im vorherigen „Freiwurf“ vorgestellten Don Barksdale und lebende Legenden wie Bill Russell, der kürzlich seinen 84. Geburtstag feierte und hoffentlich noch lange lebensfroh viel zu lachen hat.

Auch nehmen die einzelnen Teams den Gedenkmonat zum Anlass, um ihre eigene Geschichte und an Ehemalige zu erinnern sowie die reiche Basketballhistorie ihrer Städte zu erkunden. Dabei sind etwa die Brooklyn Nets und Atlanta Hawks herauszustellen, die sich zu diesem Zwecke mit der großartigen „Black Fives Foundation“ zusammengetan haben und so wertvolle historische Bildungsarbeit leisten. (Wer mehr über die „Black Fives Era“ erfahren möchte, dem sei auch mein History-Longread zu John Isaacs und den New York Rens empfohlen.)

Im Februar tragen die NBA-Profis zudem eigens designte Themen-Sneakers, welche zuvorderst mit entsprechender Farbgebung aufwarten und nicht zuletzt dem Firmenmarketing dienen. Hinzu kommen offizielle Warmup Shirts, die beliebte Buzzwords wie „Equality“ zur Schau stellen und als Potpourri zumindest ein visuelles Statement setzen. Überdies hat die von Michele Roberts geleitete Spielergewerkschaft (NBPA) eine „Players-Voice“-Serie für den „Black History Month“ etabliert, in der afroamerikanische Akteure ihrer Vorbilder und Vorgänger gedenken.

Für eine heuer bekanntlich überwiegend schwarze Liga sind all diese kleineren und größeren Anerkennungen, Ehrungen und Fingerzeige nur folgerichtig. Denn ohne die Existenz und Exzellenz der vorangegangenen übersportlichen Wegbereiter, wäre die Association nicht da, wo sie heute als weltoffene und vielfältige Gemeinschaft steht.

… und Gegenwartskritik

Gleichzeitig erscheint es als notwendig, zu betonen, dass teils innerhalb, aber vor allem außerhalb der NBA nach wie vor großer Handlungsbedarf besteht – was Chancengerechtigkeit und Gleichstellung anbetrifft.

Gewiss, diese Feststellung ist bereits ein alter Hut. Also schwerlich etwas Neues; indes wie ein solcher noch immer sehr passend. Gleiches gilt für Gregg Popovich, einem der sozial wachsten Akteure der Association, der seit über zwei Dekaden in San Antonio als wort- und weltgewandter Headcoach amtiert. Wiederholt hat ein politischer „Pop“ in den letzten Jahren seine Stimme erhoben, die gesellschaftspolitische Misere in den USA sowie die unverantwortliche Person im Oval Office angeprangert. Zumal er sich mitnichten nur an „Nummer 45“ moralisch abarbeitet. Popovichs Interesse gilt vielmehr der Gesellschaftsordnung und generell dem gleichberechtigten Zusammenleben der Menschen. So schärft und stärkt er seit Jahren nicht zuletzt das soziale Bewusstsein seiner Spurs – frei nach dem Motto: „Wenn dein ganzes Leben nur aus Basketball besteht, denke ich, ist es ziemlich langweilig.“

Auch zeigt Popovich Haltung, weil er seine eigene Privilegiertheit (als reicher weißer Mann) reflektiert sowie andere Euroamerikaner zum Nachdenken und Handeln ermutigt. Daher mag es nicht verwundern, dass der 69-Jährige, als er Mitte Februar zu den Initiativen der NBA zum „Black History Month“ befragt wurde, gewohnt offene und ehrliche Worte fand – die hier ausbuchstabiert und bejahend unterstrichen seien:

„Ich denke es ist ziemlich einleuchtend [warum es wichtig sei, dass die NBA den BHM begeht]: Unsere Liga besteht mehrheitlich aus schwarzen Männern. Das zu verstehen und anzuerkennen, ist allzu einfach. Wie könnte man das ignorieren?

Was [festzustellen] noch wichtiger ist: Wir leben in einem rassistischen Land, was viele noch immer nicht herausgefunden haben. Daher ist es stets wichtig, dies ins Blickfeld zu rücken – auch wenn es einige Menschen verärgert. Der Punkt ist, du musst es all den Leuten unter die Nase reiben und sie wissen lassen, dass dieses Problem noch immer nicht geregelt wurde und wir weiterhin sehr viel Arbeit vor uns haben.“

Im Februar des Vorjahres hatte Popovich seine sozial verantwortliche Einstellung ausführlicher artikuliert und die Bedeutsamkeit des „Black History Month“ bereits wie folgt begründet:

„Nun, [dieser Monat] ist ein Gedenken und in mancher Hinsicht ein wenig wie eine Feier. Das mag merkwürdig klingen, da wir [als Gesellschaft] noch nicht so weit sind. Zugleich ist es immer wichtig, zu erinnern, was geschehen ist und die schwarze Bevölkerung gegenwärtig erlebt. Es ist also eine Feier einiger guter Dinge, die passiert sind – und auch eine mahnende Erinnerung daran, dass es noch weitaus mehr zu tun gilt.

Mehr als alles andere meine ich, wenn sich Menschen die Zeit nehmen würden, darüber nachzudenken, [würde ihnen einleuchten,] dass dies [Rassismus] unsere nationale Sünde ist. Es fasziniert mich immer, wenn Leute sagen: ‚Ich bin es müde darüber zu sprechen.‘ Oder: ‚Müssen wir schon wieder über ‚Rasse‘ sprechen?‘ Und die Antwort lautet: ‚Du hast verdammt Recht, das müssen wir.‘ Weil er [Rassismus] immer schon da und er systemisch ist – in der Hinsicht, dass, wenn wir über Chancen reden, es nicht darum gehen darf: ‚Schnür deine Schuhe und arbeite hart, dann kannst du den amerikanischen Traum realisieren.‘ Das ist großer Unsinn.

Denn wenn du weiß bist, dann kommt dir in dieser Gesellschaft mit all ihren systemischen Schranken automatisch ein ungeheurer Vorsprung zu – bildungsmäßig, ökonomisch, kulturell, im rechtlichen Sinne, was die Wohnumgebung in puncto Zoning-Gesetze und Schulen anbetrifft. Diesbezüglich haben wir erhebliche Probleme, die sehr komplex sind. Daher braucht es Führung, Zeit und echte Sorge, um sie zu lösen. Dabei ist die Situation sehr schwierig, weil sich die Menschen damit nicht ernsthaft auseinandersetzen wollen.“

Eine Einschätzung, die fernab des „Black History Month“ leider ganzjährig und auf unabsehbare Zeit zutreffend ist. Zumal sie wohl auch für einige NBA-Fans gilt, die „Coach Pop“ als Ausnahmetrainer und Entscheider schätzen, aber seine gesellschaftspolitischen Stellungnahmen als unliebsam erachten. Die gute Nachricht ist derweil, dass dieser wenig erbauliche Status quo Gregg Popovich und die sozial bewegte Association kaum davon abhalten dürfte, sich für ein gleichberechtigtes Miteinander weiterhin stark zu machen. Alldieweil wird der „Black History Month“ auch im nächsten Jahr wieder ein guter Anlass sein, um Pioniere zu würdigen und um auf Problemlagen aufmerksam zu machen.


In der Kolumne „Freiwurf“ schreibt Christian Orban jede zweite Woche über Akteure und Aspekte der NBA – gegenwartsbezogen, gesellschaftskritisch und geschichtsbewusst.

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