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Frauenpower

15.01.2018 || 09:35 Uhr von:
Gemeinhin gilt die NBA als fortschrittlichste Profiliga im Teamsport der Männer. Das zeigt sich auch hinsichtlich der Teilhabe von Frauen, die sich nach und nach Führungspositionen erarbeiten.

Der übersportliche Vorzeigestatus der NBA wird gerne besprochen. So wird der Association im Hinblick auf gesellschaftspolitische Themen wie Vielfalt und Gleichstellung wiederholt eine Fortschrittlichkeit bescheinigt, die im Profisport der Männer (und darüber hinaus) als beispielgebend gilt. Aber hält diese Lobrede auf eine inklusive Liga der empirischen Wirklichkeit auch stand? Also, wie ist es etwa um die geschlechtliche Parität in der NBA bestellt? Inwieweit besteht bei der Einbeziehung und gleichberechtigten Teilhabe von Frauen Handlungsbedarf? Zeit für eine kleine Bestandsaufnahme.

Auf dem Parkett

Wenn in puncto weiblicher Teilhabe die Vorreiterinnen-Rolle der Association akzentuiert werden soll, fällt zuvorderst der Name Becky Hammon (siehe Titelfoto). Denn bekanntlich wurde die heute 40-Jährige von den San Antonio Spurs 2014 als erste Assistenztrainerin der Liga eingestellt. Ein Novum und ein bedeutungsvoller Eintritt, der weiteren Frauen als symbolischer Türöffner diente. Zumal eine Ikone wie Trainerdoyen Gregg Popovich Hammon sein Vertrauen aussprach und ihr seither Verantwortung überträgt (infolgedessen wird mitunter über eine zukünftige Beschäftigung der vormaligen WNBA-Spielerin als Cheftrainerin spekuliert).

Gleichwohl sind trotz Hammons ligaweit geschätzter Arbeit und Akzeptanz an der Seitenlinie nur langsame Fortschritte ersichtlich. Lediglich zwei weitere Frauen – Nancy Lieberman, die ab 2015 zwei Spielzeiten als Co-Trainerin der Kings amtierte, und Jenny Boucek, die ihr im Herbst 2017 in Sacramento nachfolgte – wurden als NBA-Coaches angestellt. Immerhin: Natalie Nakase und Nicki Gross arbeiten in der Summer League und der G-League (bei den Affiliates der Agua Caliente Clippers und Raptors 905) als angesehene Assistants. Indes bleibt der Anteil weiblicher Coaches in der Männerliga NBA weiterhin verbesserungswürdig.

Das gilt auch für die Referees der Association. Mit Violet Palmer (919 Saison- und neun Playoffeinsätze in 19 Jahren) ist die erste und einzige afroamerikanische Unparteiische 2016 gesundheitsbedingt zurückgetreten. Derweil kann die Liga derzeit zumindest noch eine Schiedsrichterin aufbieten: Lauren Holtkamp. Eine singuläre weibliche Präsenz, die ausbaufähig erscheint. Alldieweil Palmer (siehe Foto) über zwölf Jahre hinweg auf dem Parkett die einzige Frau an der Pfeife war.

Zur Einordnung: 1997 waren Palmer und Dee Kanter als erste weibliche Referees im US-Profisport der Männer eingestellt worden; Kanter wurde 2002 entlassen, Holtkamp 2014 als dritte Unparteiische der NBA-Geschichte berufen. Die NFL setzte 2015 ihre erste offizielle Schiedsrichterin ein. Im europäischen Spitzenfußball ist dies seit dieser Saison (2017) mit Bibiana Steinhaus in der Bundesliga der Fall.

Hinter den Kulissen

Abseits des Spielfeldes steht Michele Roberts als erste (schwarze) Frau der NBPA bzw. generell einer Spielergewerkschaft der großen Sportligen Nordamerikas vor. Seit Sommer 2014 im Amt der Exekutivdirektorin, genießt Roberts als Vorreiterin und Vorkämpferin die Wertschätzung der NBA-Profis sowie von Verhandlungspartner Adam Silver, der sich seinerseits gesellschaftspolitisch aufgeschlossen zeigt.

Es mag daher nicht verwundern, dass im New Yorker Ligabüro um den Commissioner Frauen 39 Prozent der Positionen bekleiden – zugleich der höchste Anteil im Profisport der Männer. Benannt seien von diesen Führungskräften Kathy Behrens (President of Social Responsibility and Player Programs), formell die ranghöchste Funktionärin im US-Profisport der Männer, Kim Bohuny (Senior Vice President of International Basketball Operations), eine der einflussreichsten Frauen im globalen Basketballbetrieb, und Bethany Donaphin (Associate Vice President of Basketball Operations). Im Herbst 2017 kam mit der pensionierten Generalin Michelle Johnson (Senior Vice President and Head of Referee Operations) auf der Top-Führungsebene der NBA zudem eine weitere Frau hinzu. Ferner fungiert Lisa Borders seit 2016 als Präsidentin der noch progressiveren WNBA.

Auf Teamebene amtieren drei Frauen als Mehrheitseignerinnen: Jeanie Buss (Lakers, siehe nachfolgendes Video), Gail Miller (Trustee des familiengeführten Legacy Trust der Jazz) und Julianna Holt (Vorsitzende und CEO of Spurs Sports & Entertainment). Im Hintergrund besetzen Frauen 40 Prozent der Positionen in der Administration und Organisation der Franchises.

Diese Namen und Zahlen stehen sonach für eine offene Liga, in der Frauen willkommen sind. Zugleich sind sie jedoch noch immer nicht egalitär involviert. Trotz des Willens zu einer geschlechtergerechten Einstellungspraxis beherrschen weiße Männer weiter das NBA-Top-Management, werden die wichtigen Führungspositionen vorrangig mit ihnen besetzt.

Die Unwucht der Machtverhältnisse verdeutlichen auch folgende Zahlen: 29 der 35 Mehrheitseigner sind weiße Männer. Die angesprochenen drei Frauen (Buss, Miller und Holt) wurden maßgeblich vom Franchise-Patriarch bzw. von ihren Ehemännern als Executives in Stellung gebracht (so soll auch Gayle Benson bei den Pelicans zukünftig als Bossin nachrücken).

Neben dem Eignerinnen-Trio sind drei weitere Frauen – Gillian Zucker (President of Business Operations der Clippers), Matina Kolokotronis (Chief Operating Officer der Kings) und Maureen Hanlon (President of ONEXIM Sports and Entertainment Holding, der die Nets gehören) – in das operative Geschäft von Franchises in leitender Funktion eingebunden, was im Profisport rar ist. Zudem sind ligaweit 24 Prozent der Vice Presidents sowie 29 Prozent der Führungskräfte im Senior-Management weiblich. Keine Glanzwerte, die gewiss Verbesserung zulassen (besonders in puncto Unterrepräsentation nicht-weißer Frauen) – aber auch bisherige Höchstwerte (im Profisport der Männer ohnehin), die in die richtige Richtung weisen.

Auf dem Vormarsch

Indes ist die Einbeziehung von Frauen meistens auf die Geschäftsseite und bestimmte Arbeitsfelder beschränkt. Überwiegend haben sie Führungspositionen in Bereichen inne, in denen sich Frauen auch in der weiteren Arbeitswelt häufig wiederfinden: im Marketing, der Öffentlichkeitsarbeit, im Personalwesen und anderen sportunspezifischen, oft sozialen Tätigkeitsfeldern. Im Bereich der Basketballangelegenheiten, in den NBA Front Offices, stehen sie hingegen bisher selten in Verantwortung.

Gleichwohl konnten in den letzten Jahren einige Vorreiterinnen ihre Präsenz in Sachen Basketballexpertise geltend machen. Waren um das Jahr 2010 noch so gut wie keine Frauen in den 30 Front Offices anzutreffen, darf inzwischen von einer dezent ansteigenden weiblichen Teilhabe die Rede sein.

Im Oktober 2017 stellten etwa die Hawks die langjährige Ligabüro-Angehörige und Anwältin Michelle Leftwich ein. Sie firmiert in Atlanta nun als Vice President of Salary Cap Administration und steht GM Travis Schlenk damit als eine der höchstrangigen (schwarzen) Frauen im Bereich der „Basketball Ops“ beratend zur Seite.

Amanda Green, gleichfalls Afroamerikanerin und mit dem Manteltarifvertrag bestens vertraute Anwältin, arbeitet seit 2012 für die Thunder. In Oklahoma City fungiert die 33-jährige New Yorkerin derzeit als Director of Information Management & Counsel.

Weitere hochrangige Kolleginnen sind Teresa Resch (siehe Video), seit 2013 im Dienste der Raptors und aktuell Vice President of Basketball Operations and Player Development, sowie Linda Luchetti, die nach einer Dekade bei den Jazz seit 2015 die gleiche Position wie Resch bekleidet.

Erwähnt seien hier auch Becky Bonner, Ariana Andonian und Tori Miller, die allesamt ebenso Pionierinnenarbeit leisten und in der Association ihren Lebenstraum leben. Nach sechs Jahren im Ligabüro fungiert Bonner (Director of Player Development and Quality Control) seit Sommer 2017 für die Magic als „Mädchen für alles“. Protegiert von Orlandos GM Jeff Weltman, strebt die ambitionierte Schwester der „Red Mamba“ die Rolle als Chefentscheiderin an. Derweil vertrauen die Rockets seit 2015 auf Ariana Andonians Expertise, die gegenwärtig als einziger weiblicher Scout der Liga amtiert und im vergangenen Jahr zu Houstons Scouting-Koordinatorin für den Collegebereich befördert wurde. Ebenfalls 2017 ernannten die Hawks Tori Miller zur Managerin für Basketballangelegenheiten ihres Partnerteams der Erie BayHawks. Als eine der wenigen Frauen in der G-League arbeitet die 27-jährige Afroamerikanerin dabei GM Malik Rose zu (wie Bonners Bruder, einst zweifacher NBA-Champ mit den Spurs).

Überdies sei nicht verschwiegen, dass Frauen nunmehr auch im von weißen Männern dominierten Bereich der Basketball-Analytics beschäftigt werden. Zur laufenden Saison haben etwa die Raptors, Magic und Sixers entsprechende Neueinstellungen getätigt.

#LeanInTogether

Dennoch: Von einer geschlechtlichen Parität kann trotz der positiven Entwicklung in der NBA vorerst keine Rede sein. Schließlich steht bis dato lediglich eine überschaubare Frauen-Fraktion in Führungsverantwortung, zumal der Fortschritt langsam und der Weg zur Gleichstellung noch weit ist. Auch weil in der Männer- und bisweilen Machowelt der Association weithin eine Kultur vorherrscht, die mit Becky Bonners wohlwollenden Worten  als „bro-ey“ bezeichnet werden kann. Alldieweil die Kategorie „Geschlecht“ also weiterhin eine wichtige Rolle spielt, während Sexismus, den es gesamtgesellschaftlich zu überwinden gilt, kultürlich ein schwerwiegendes Hindernis darstellt.

Ungeachtet dessen stehen die Vorreiterinnen als Gruppe zusammen. Durch ihre Präsenz und Kompetenz entern sie neues Terrain und brechen überkommene Vorstellungen auf. Nicht zuletzt, weil sie seitens ihrer Teams und männlichen Kollegen (wie Weltman, „Coach Pop“, Kings-Cheftrainer Dave Joerger und GM Vlade Divac) Unterstützung erfahren sowie als Menschen und Sachverständige geschätzt werden.

So hat diese Zusammenschau zugleich auch gezeigt, dass die Vorzeigeliga, ihre Akteure und Akteurinnen das Langzeitprojekt der Einbeziehung und gleichberechtigten Teilhabe von Frauen vorantreiben. Demgemäß lässt Silver-Stellvertreter und NBA-Geschäftsführer Mark Tatum (übrigens der ranghöchste afroamerikanische Funktionär der großen Ligen Nordamerikas) wohlklingend verlauten: „Vielfalt und Inklusion sind für jedes erfolgreiche Unternehmen essentiell. Jenem Mix an Talenten zum Durchbruch zu verhelfen, ist grundlegend für unsere Strategie, Innovationen anzuregen […]. Während unsere Liga weiter wächst, bleiben wir dem Prinzip verpflichtet, die besten Talente zu rekrutieren und zu entwickeln, welche die großartige Vielfalt der Welt reflektieren, in der wir leben.“

Hoffen wir darauf, dass die Vorzeigeliga dieser Zusicherung in Zukunft noch gerechter wird und verstärkt auf Frauenpower setzt.


In seiner Kolumne „Freiwurf“ schreibt Christian Orban jede zweite Woche über Akteure und Aspekte der NBA – gegenwartsbezogen, gesellschaftskritisch und geschichtsbewusst.

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