BASKETBALL.DE ist Partner von Sportforen.de. Ehemalige Nutzer von crossover-online.de und Nutzer von sportforen.de können sich auch auf BASKETBALL.DE mit ihren bestehenden Login-Daten anmelden.
Anmelden oder registrieren

„Wir wollen mit den Spielern mittelfristig planen können“

30.06.2017 || 08:17 Uhr von:
Ein halbes Jahr ist es her, als Dirk Bauermann s.Oliver Würburg übernahm. Im Interview spricht der ehemalige Bundestrainer unter anderem über die aktuelle Kaderplanung in Würzburg, Nachwuchsarbeit und die Entwicklung des Basketballs in den letzten Jahren.

Neun Deutsche Meisterschaften hat Dirk Bauermann als Trainer gewonnen – sieben mit Leverkusen und zwei mit Bamberg. Als Bundestrainer gewann er 2005 EM-Silber und führte die Nationalmannschaft zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Seit sechs Monaten ist der 59-Jährige nun zurück in der BBL. Als Cheftrainer von s.Oliver Würzburg will er die Unterfranken zunächst zurück in die Playoffs und langfristig an die Spitze der BBL führen. basketball.de hat sich mit Bauermann zum großen Interview getroffen.

basketball.de: Herr Bauermann, wir befinden uns aktuell mitten in der Offseason. Wie sieht aktuell Ihr Tagesablauf aus? Wo waren Sie in letzter Zeit überall unterwegs?

Dirk Bauermann: Die wesentliche Zeit des Tages verbringe ich mit Videoanalysen, Gesprächen mit Agenten und mit Recherchen über Spieler, Telefonate und diese Dinge. Dann gibt es andere Verpflichtungen wie beispielsweise letzte Woche, als ich in Heidelberg A- und B-Trainer ausgebildet habe. Solange noch überall gespielt wurde, habe ich mir natürlich auch Spiele angesehen. Das ist so das Wesentliche, was man im Augenblick tut. Am vergangenen Wochenende bin ich nach Kienbaum gefahren, um mir unsere U20-Nationalmannschaft anzuschauen.

Sie haben s.Oliver Würzburg während der Saison übernommen und bis auf wenige Nachverpflichtungen keine Möglichkeit gehabt, das Team nach Ihren Vorstellungen umzubauen. Wie schwierig war diese Situation für Sie im Nachhinein?

Es ging nie darum, ob etwas schwierig oder leicht war. Es geht immer nur darum, das Beste aus der Situation zu machen, die man vorfindet. Wir haben nicht nur kaum nachverpflichtet – wenn wir es getan haben, sind die Spieler gleich mit verrückten Verletzungen ausgefallen. Außerdem haben wir uns von einem Leistungsträger getrennt, weil er nicht den Standards von Fleiß, Disziplin und Einstellung entsprochen hat, die wir uns vorstellen. Umso erfreulicher war unser starker April, in dem wir vier von sieben Spielen gewonnen haben und Mannschaften wie Bremerhaven, Jena und im letzten Spiel Bayreuth geschlagen haben.

Dieser starke Endspurt hat gezeigt, dass die Mannschaft zumindest eine hohe charakterliche Stärke hatte, denn sonst hätten sie die Saison schon viel früher abgeschenkt. Stattdessen haben sie sich immer zusammengerissen und im Training viel an Leistung und Einsatz angeboten. Insofern bin ich froh für uns alle – die Mannschaft, natürlich unsere Fans, die Sponsoren und das Umfeld – dass wir so stark aufhören und mit einem guten Gefühl in den Sommer gehen konnten.

Die Verteidigung ist allerdings auch in der Rückrunde eine große Baustelle geblieben. Es gab zwar zu Beginn Lichtblicke, wo sie zum Beispiel gegen den FC Bayern nur 68 Punkte zugelassen und auch in Bamberg lange dagegengehalten haben. Allerdings gab es defensiv auch immer wieder Aussetzer, die Spiele gekostet haben. Warum hat es das Team nicht geschafft, in der Defense eine gewisse Konstanz zu entwickeln?

Das hatte zum einen damit zu tun, dass die Mannschaft über wenige Alternativen von der Bank verfügt hat. Das macht es dann immer wieder schwierig, die Intensität hochzuhalten und gerade im letzten Viertel noch mal eine Schippe draufzulegen. Der andere Punkt war die Mannschaftszusammenstellung. Es ist notwendig, dass man Two-Way-Player verpflichtet, die sich nicht nur über ihr Angriffsverhalten, sondern auch über ihre Verteidigung definieren. Das war sicherlich nicht in genügender Weise der Fall. Und dann dauert es natürlich auch etwas – nach der ersten Euphorie, die dabei hilft, besser und intensiver zu verteidigen – bis man an den Punkt kommt, an dem die defensiven Abläufe so stabil sind, dass sie auch im Wettkampf abgerufen werden können.

Insofern hat man häufig eine Wellenbewegung: Erst geht es sehr gut los, aber dann kommt es auf die Substanz an, und da muss man erst arbeiten, bis Dinge verinnerlicht werden. Das erfordert Zeit und die haben wir auch gebraucht, bis es dann hinten heraus deutlich besser war.

Vor kurzem haben Sie in einem Video offiziell bestätigt, dass die US-Amerikaner nicht zurückkehren werden. Während der Saison haben Sie häufig von einem Prozess und einer Entwicklung gesprochen. Stellt dieser Kaderumbruch aber nicht wieder einen Neuanfang dar?

Mit Prozess meinte ich die Zeit, die eine Mannschaft braucht, um sich auf einen neuen Trainer einzustellen. Um zu verstehen, was er will und das dann konsequent und stabil im Spiel umzusetzen. Dieser Prozess braucht Zeit und war am Ende erfolgreich, wie die Schlussphase der Saison gezeigt hat. Jetzt stehen wir am Anfang eines neuen Prozesses, in dem wir eine neue Mannschaft zusammenstellen. Es gibt aber wichtige Eckpfeiler, die aus dem letzten Jahr bleiben. Das sind insbesondere die deutschen Spieler: Krešimir Lončar ist einer, Moe Stuckey ein anderer. Felix Hoffmann ist ein wichtiger Bestandteil und Lukas Wank ebenfalls. Es bleiben also vier der sechs deutschen Spieler an Bord, was doch eine Menge ist.

Vor allem Felix Hoffmann hat gegen Saisonende immer mehr Spielanteile erhalten. Welche Rolle haben Sie für ihn im neuen Team vorgesehen?

Seine wichtigste Aufgabe wird darin bestehen, wieder der Klebstoff-Spieler zu sein, der alles zusammenhält – unser „Glue Guy“, wie die Amerikaner sagen. Er soll für hohe Intensität, für Stimmung und Atmosphäre im Training und im Spiel sorgen. Basketballerisch wird es darauf hinauslaufen, dass er das tut, was er im letzten Jahr gemacht hat: Auf seine Chance warten, kämpfen, beißen, offensiv rebounden und all die Dinge tun, die ihn ausmachen. Er hat sowohl für Team-Chemie eine große Bedeutung. als auch dafür, unser Energizer zu sein, wenn er von der Bank ins Spiel kommt.

„Der Backcourt ist der wichtigste Eckpfeiler einer Mannschaft.“

Zu den Abgängen gehört unter anderem Jake Odum, der in der Fanszene besonders polarisiert hat. Die Einen haben auf seine beachtlichen Statistiken verwiesen, Andere warfen ihm vor, das Team nicht wirklich besser zu machen. Was war speziell bei ihm der Grund, ihn nicht weiter zu verpflichten?

Zunächst einmal: Die Zusammenarbeit mit Jake war hervorragend. Er ist ein absoluter Profi, der auch verletzt trainiert und gespielt hat, immer positiv eingestellt war und auch in schwierigen Situationen nie den Kopf hat hängen lassen. Am Ende war für uns entscheidend, dass wir glauben, auf seiner Position ein anderes Profil haben zu müssen: Einen besseren Athleten, einen stärkeren Verteidiger. Offensiv kann man immer viel an Gutem und Schlechtem aufzählen. Das will ich nicht tun, sondern nur sagen: Wir möchten ein anderes Profil und gleichzeitig hoffentlich einen so guten Jungen und soliden Profi wie Jake es ist.

Welche Qualitäten verlangen Sie noch von Ihrem neuen Aufbauspieler? Und welchen Spielstil soll er haben: Eher ein Scorer aus dem Pick-and-Roll, soll er auch den Dreier gut treffen können oder jemand sein, der in erster Linie die Mitspieler einsetzt?

Zunächst mal wollen wir Spieler haben, die sowohl vorne als auch hinten ihren Mann stehen. Insofern ist Verteidigung immer ein wichtiges Thema: Nicht an Blöcken hängen zu bleiben, Druck auf den Ball ausüben zu wollen und zu können. Zudem wollen wir einen Spielmacher finden, der in der Lage ist, aus einer aggressiven Verteidigung heraus das Spiel schnell zu machen und dadurch häufiger zu leichten Körben zu kommen.

Und dann muss es ein Spieler sein, der einerseits die Mentalität eines Point Guards hat, nämlich andere in Szene zu setzen, den Ball zu bewegen, das Spiel zu organisieren. Andererseits soll er auch in der Lage sein, in bestimmten Situationen Verantwortung für das Scoring zu übernehmen. Wir wollen keinen, der 30 Punkte pro Spiel macht und den Ball dominiert. Es wäre aber hilfreich, einen Point Guard zu finden, der – wie ich ihn viele Male gehabt habe – in wichtigen Situationen auch offensiv in der Lage ist, Verantwortung zu übernehmen und die „Big Points“ zu machen.

Im heutigen Basketball ist die Point-Guard-Position vielleicht die Wichtigste überhaupt. Auch bei Ihnen dürfte diese Personalie eine hohe Priorität genießen. Können wir da mit einer relativ zeitnahen Verpflichtung rechnen oder werden Sie eher abwarten? Es gibt ja auch einige Spieler, die erst relativ spät auf den Markt kommen, weil sie vorher noch versuchen, sich über die Summer League einen Kaderplatz in der NBA zu erspielen oder von einem NBA-Team erst im Spätsommer gecuttet werden.

Also grundsätzlich haben Sie sicher recht: Früher wurde ein Team fast immer von innen nach außen gebaut, also erst der Center verpflichtet. Mittlerweile hat sich das komplett verändert und der Backcourt ist wahrscheinlich der wichtigste Eckpfeiler einer Mannschaft. Deshalb gilt dieser Position sehr viel Aufmerksamkeit, um den richtigen Spieler zu holen. Sorgfalt geht dabei immer vor Schnelligkeit. Wenn wir glauben, den richtigen Spieler gefunden zu haben, werden wir alles tun, um ihn zu holen – unabhängig von solchen Ereignissen wie der Summer League.

Aber auch da hat sich die Szene insofern verändert, dass die NBA und die D-League jetzt andere Vertragskonstruktionen erlauben. In der D-League verdient man heutzutage mehr Geld; es gibt das Konstrukt der Doppelverträge. Dadurch ist sie strukturell deutlich stärker als noch vor fünf Jahren. Das macht es viel schwieriger, Spieler nach Europa zu holen, die auf der Schwelle stehen und die vielleicht in der näheren Vergangenheit noch gesagt hätten: „Bevor ich in der D-League zocke und sehr wenig Geld verdiene, gehe ich nach Europa.“ Mittlerweile kann man dort das verdienen, was man bei Vereinen wie uns verdienen kann oder sogar mehr. Somit ist die Situation eine andere.

Außerdem will man in keine Situation kommen, in der man – in der Erwartung, dass Spieler und Agenten mit ihren Gehaltsvorstellungen herunter gehen – zu lange gewartet hat und der Markt dadurch klein geworden ist. Erstens passiert das manchmal nicht und zweitens kann das Angebot dann so klein werden, dass man eine Notlösung holen muss. Insofern steht für uns ganz klar die Sorgfalt an erster Stelle. Wenn wir einen Spieler identifiziert haben, von dem wir überzeugt sind, müssen wir alles tun, um ihn zu holen – unabhängig von der Summer League oder anderen Dingen.

„Leistungsaufbau hat viel mit Kontinuität im Kader zu tun.“

Auf zwei anderen Positionen haben Sie die Ausländerpositionen bereits mit den beiden Litauern Osvaldas Olisevičius und Vytenis Lipkevičius besetzt. Ersteren haben sie als „spielenden Vierer“ beschrieben, der auch den Dreier trifft. Hat Ihnen ein solcher Spieler in der abgelaufenen Saison besonders gefehlt?

Dieser Spieler war ja eigentlich da mit Marshawn Powell, der außen und innen von allem ein bisschen konnte, aber sich so wenig engagiert hat, dass es einfach keinen Sinn mit ihm gemacht hat. Auf dieser Position konnten wir dann auch keinen Spieler mehr nachverpflichten. Trotzdem habe ich die Entscheidung getroffen, uns von ihm zu trennen. Aus diesem Grund haben wir sehr oft mit zwei Großen gespielt, was das Spiel zum Teil statisch gemacht hat. Das hat uns auch nicht erlaubt, defensiv so aggressiv wie nötig zu sein und uns zusätzlich sehr in der Möglichkeit behindert, schnell nach vorne zu spielen.

Insofern war es uns ganz wichtig, einen Spieler zu finden, der diese Fähigkeiten besitzt: Ein Basketballer zu sein, der scoren kann, ein gutes Auge für seine Mitspieler hat, aus dem Zug zum Korb heraus passen kann und noch dazu ein stabiler Dreierschützer ist. Darüber hinaus wollen wir grundsätzlich Spieler holen, bei denen wir davon ausgehen können, dass wir mit ihnen auch mittelfristig planen können – also nicht nur für ein Jahr und dann wieder alles neu. Leistungsaufbau hat viel mit Kontinuität im Kader zu tun. Deshalb ist es generell unsere Idee, keine 34-Jährigen zu verpflichten, sondern Spieler, von denen wir hoffen, dass wir auch in zwei oder drei Jahren noch mit ihnen zusammenarbeiten können.

Generell war die schwache Dreierquote ein Problem, was vom Gegner ausgenutzt wurde. Ich erinnere mich zum Beispiel an die erste Halbzeit gegen Ulm, wo sich der Gegner darauf konzentriert hat, das Pick-and-Roll zwischen Jake Odum und Brendan Lane zu verhindern. Dafür ließen sie ihre Spieler auf dem Flügel frei stehen, die das aber nicht bestrafen konnten. Ist Spacing mittlerweile fast wichtiger als alles andere im Basketball?

Ich weiß nicht, ob es wichtiger ist, aber Spacing ist wichtig und natürlich haben alle mittlerweile verstanden, dass der Dreier einen Punkt mehr wert ist als ein Zweier. Und deswegen will man entweder sehr hochprozentige Würfe in Korbnähe oder Dreipunktewürfe haben oder an die Freiwurflinie kommen. Keiner will mehr lange Zweier oder Würfe aus dem Dribbling nehmen. Das ist aber nicht die Neuerfindung des Rades, sondern ganz logisch. Insofern war es sicher von Nachteil, dass wir nicht genügend gute Dreierwerfer hatten. Und sie haben recht, dass bei uns und im modernen Basketball grundsätzlich die Vier ja mittlerweile eher ein Außen- als ein Innenspieler ist. Daher ist es wichtig, dass alle Power Forwards zumindest verlässliche, wenn nicht sogar sehr gute Dreierwerfer sind.

Welche Rolle haben Sie denn für die beiden Litauer vorgesehen? Werden sie die Starter auf den beiden Forward-Positionen sein, können sie gemeinsam auf dem Feld stehen und wie steht es um ihre defensiven Qualitäten?

Um mit den defensiven Qualitäten zu beginnen: Über Lipkevičius lässt sich sagen, dass er ein ausgewiesen physischer und aggressiver Verteidiger ist. Er kommt aus der Kaunas-Basketballschule und hat Euroleague-Erfahrung, also wird er uns in diesem Bereich sicherlich sehr helfen. Für Olisevičius gilt das Gleiche: Er kann in Pick-and-Roll-Situationen switchen und dank seiner Athletik auch kleinere Gegenspieler vor sich halten. Beide sind sehr variabel und wie alle Litauer sehr gut ausgebildet. Sie sind klug und haben das Spiel verstanden. Daher freue ich mich sehr auf die Zusammenarbeit.

Diese Verpflichtungen zeigen auch, dass wir die Ausländerpositionen nicht nur mit Amerikanern besetzen und stattdessen eine gesündere Mischung sowie ein stärkeres europäisches Element haben wollen. Wer letztlich startet, wer von der Bank kommt und wer welche Rolle konkret ausfüllt, wird sich im Laufe der Saisonvorbereitung klarer herauskristallisieren. Im Grunde ist aber zu erwarten, dass beide zumindest teilweise starten werden, keine Frage.

Um die Personalfragen abzuschließen: Für welche Positionen planen Sie die zwei ausstehenden deutschen Kaderplätze ein?

Wir suchen einen weiteren Guard und einen Großen [Anm. d. Red.: s.Oliver Würzburg hat inzwischen Center Leon Kratzer von Brose Bamberg für die kommende Saison ausgeliehen]. Beide werden junge Spieler sein, an deren Qualität und Entwicklungsmöglichkeiten wir glauben. Davon hätten wir dann drei zusammen mit Lukas Wank. Der deutsche Markt ist immer der, der als erstes seine Pforten schließt. Deshalb hoffe ich, dass wir zeitnah noch zwei oder drei Verpflichtungen bekannt geben können.

„Wir wollen mit den Spielern mittelfristig planen können“
4.8 (96%) 5 votes
Jetzt mitdiskutieren Anmelden oder Registrieren
Basketball.de - Footer-Icon
entwickelt von Markenwirt, Werbeagentur Bamberg
Copyright 1998-2017 BASKETBALL.de. Alle Rechte vorbehalten. Für den Sport!

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklärst Du Dich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.