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Als ein ehemaliger deutscher Fußballer Da’Sean Butler nicht erkannte

15.05.2017 || 11:32 Uhr von:
Jeder Basketballfan in Ulm kennt Da’Sean Butler, aber jeder Mensch in Deutschland kennt Lothar Matthäus. Das ist nicht fair, findet Linus Müller in seiner Glosse „Klatschpappe“.

Ein kleiner Junge steht verloren im Münchner Flughafenterminal und blickt umher, er sucht seine Mama und seinen Papa, eine Träne kullert ihm über die Wange. Das ist der Moment, wo Lothar Matthäus eingreift. Er tröstet das Kind. Dann reckt er den Daumen nach oben, damit die Eltern auf der anderen Seite der Sicherheitskontrolle sehen: ihr Sohn ist in guten Händen. Dass es weltmeisterliche Hände sind, das ist dem Ulmer Basketballprofi Da’Sean Butler und seiner Frau aber nicht klar. Für die Zeitungen ist diese Geschichte ein Selbstläufer. Kindertränen und ein unerkannt liebevoll handelnder Fußballweltmeister, in Fachkreisen nennt man das einen Jackpot. Das Internetportal Sport1 titelt folglich am 14. April 2016: „Lothar Matthäus hilft Ulmer Basketball-Profi und wird nicht erkannt.“

Lothar Matthäus

Die 80 Millionen deutschen Fußballfans, an die sich dieser Artikel richtet, kennen Lothar Matthäus natürlich. Wohin seine Reise an diesem Tag führte, ist leider nicht überliefert, vielleicht hatte in Mailand ein teures Restaurant eröffnet. Vielleicht war er auch beruflich unterwegs, als Markenbotschafter, wie er sich auf seiner edel anmutenden Webseite nennt. Dort sind auch alle Werbepartner aufgelistet, fein säuberlich nebeneinander. Lothar Matthäus, das vermittelt hier jeder Textbaustein, ist einer, der es geschafft hat: als Spieler, als Trainer, als Experte, als Partner. Er ist Rekordnationalspieler, Europameister, die Autobiographie sammelt Frauengeschichten und Alkoholexzesse. Er blickt einem entgegen auf der Webseite, die Augen halb zugekniffen, der Anzug sauteuer. Daneben ein paar Worte in gerader Schrift: „Erfolg bedarf keiner Kompromisse.“

Nur an Flughäfen treffen derartige Lichtgestalten auf Normalsterbliche. In den Wartehallen kreuzen sich jeden Tag die Schicksale dieser Welt, manche fallen hier ihren Familien endlich wieder in die Arme, andere lassen sie hinter sich. Für manche beginnt hier ein neuer Lebensabschnitt, für andere drei Wochen voller Strandtage, Sangria und sorgloser Mülltrennung.

Da’Sean Butler

Für Da’Sean Butler bedeutet der Flughafen die Welt. Ein Flug trennt sein altes Leben von seinem neuen Leben. Etwa 13 Flugstunden liegen zwischen seinem Beruf und seinem Zuhause. Dabei hätte alles auch ganz anders kommen können. Fast wäre der US-Amerikaner keiner dieser busreisenden Europaspieler geworden, sondern ein über den Wolken dahinschwebender NBA-Profi, weit weg von roten Ampeln, kaputten Straßen und fahnenschwenkenden Fans. Butler war eine große Nummer am College, er galt als Lottery-Pick in der Draft. Er hätte dann einen garantierten NBA-Vertrag erhalten, viele Millionen Dollar verdient, er hätte in seinem Heimatland gelebt und sein Sohn hätte niemals Lothar Matthäus kennengelernt.

Es lief das Halbfinale der March Madness 2010, der legendären College-Meisterschaft. Butler war in seiner letzten Saison, er hatte Buzzerbeater getroffen, er war der Star der Mannschaft. Der Einzug ins Halbfinale gegen Duke war das Ende einer märchenhaften Saison. Dann passiert es, ein kurzer Augenblick, ein Wimpernschlag im Leben eines Basketballers, ein harter Schlag aufs Knie, ein langer Schrei, der nicht aufhört, ein großer Schmerz, der Schlimmes ahnen lässt, der Coach kommt angerannt, Bob Huggins, Butlers Mentor, er beugt sich über ihn wie ein Vater und es sind die Worte, die Butler nun seinem Trainer sagt, ganz leise, die klar machen, was für ein Spieler, nein, was für ein Mensch er ist: „Es tut mir Leid, Trainer, dass ich dir nicht deine erste Meisterschaft schenken kann.“

Heimat

Heute, sieben Jahre nach seiner schweren Knieverletzung, hat Da’Sean Butler in Ulm so etwas wie eine Heimat gefunden. Er spricht vom besten Umfeld, in dem er bisher war. Man könnte seine Karriere als guten Kompromiss bezeichnen. In seiner zweiten Saison gewinnt er mit dem Team 27 Spiele in Folge, neuer Bundesligarekord. Auch Sport1 schreibt einen Artikel darüber, wieder taucht Butlers Name nicht in der Überschrift auf. Inzwischen ist die Siegesserie gerissen, die Playoffs haben begonnen. Sein Team kämpft um die Meisterschaft. Es ist so bitter, dass Da’Sean Butler wieder von draußen zusehen muss, weil er sich am Daumen verletzt hat. Noch ist unklar, ob er in dieser Saison auf das Parkett zurückkehrt. Unmöglich ist es nicht.

Da’Sean Butler hat keine Homepage, Da’Sean Butler verdient keine Millionen. Aber Da’Sean Butler hat es sich zumindest verdient, dass die Geschichte vom Flughafen in Zukunft anders erzählt wird. Die Ulmer Fans, eben zu den besten in ganz Deutschland gewählt, werden sich von nun an erinnern an den Tag, als dieser eine Fußballer doch tatsächlich Da’Sean Butler nicht erkannt hat.

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