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Darum dominiert Bamberg Oldenburg

08.06.2017 || 16:28 Uhr von:
+48, 2-0, ein Sieg zum Titel: Bamberg dominiert Oldenburg. Warum? Weil Trinchieris Basketball etwas von Kunst hat, Causeur immer links abschließen kann und Bamberg seiner Zeit voraus ist.

Andrea Trinchieri hat Rickey Paulding in dieser Saison als Pablo Picasso geadelt. Um bei Vergleichen mit Künstlern zu bleiben: Wer wäre denn eigentlich Andrea Trinchieri?

In einer Twitter-Umfrage stimmten gleich viele User für Vincent van Gogh und Salvador Dalí. Trinchieri mag an der Seitenlinie exzentrisch auftreten und seine Frisur könnte der von Dalí nachkommen, aber passt der Surrealismus wirklich zum Bamberger Basketball? Eine Horde Elefanten zur Leichtfüßigkeit der fränkischen Offensive? Eine zerfließende Uhr zur Bamberger Genauigkeit?

„Habe keine Angst vor der Perfektion: Du wirst sie nie erreichen“, hat Dalí gesagt. Aber Trinchieri, in einem Film von Christian Schöfer, meint: „Ich suche Perfektion – täglich. Ich möchte perfekt sein in einem sehr fehlerhaften Spiel.“

1. Maestro Trinchieri

Da schon eher van Gogh. Man betrachte seine Sternennacht: wie viel Bewegung in der Pinselführung schwingt, wie sehr der Nachthimmel im Fluss ist, wie sehr dieser leuchtet über der darunter liegenden Kleinstadt.

Bei der Arbeit an einem Gemälde mag man nah vor die Leinwand treten, um an Details zu arbeiten, muss aber wieder einen Schritt nach außen gehen, um Augen für das Gesamtwerk zu haben. Wie der Bamberger Basketball: durch das Inside-Out-Spiel kommt Trinchieris Truppe zu ihren offenen Würfen.

Ein Pick-and-Roll, der Zug zum Korb, fünf Mann in Bewegung, der Kickout-Pass auf die Weakside. Oder das Anspiel in den Low-Post nicht für das Eins-gegen-Eins, sondern als Schaltzentrale – gemäß des Bamberger Poststrukturalismus. Der Pass auf den von der Weakside cuttenden Spieler, die gegnerische Verteidigung wird beschäftigt, die Help-Defense rotiert, und außen ist ein Bamberger Schütze offen. Bewegung, ein Merkmal des Bamberger Offensivbasketballs, auf Parkett gebannt im ersten Viertel des zweiten Spiels: fünf Sekunden, vier Pässe, alle fünf Spieler involviert, gekrönt von Darius Miller:

Van Goghs Werke wurden zwischen Post-Impressionismus und Expressionismus eingeordnet, Erstgenanntes definiert Wikipedia wie folgt: „Der Betrachter wird so dazu aufgefordert, die sinnliche Erfahrung von Farben und Linien höher zu bewerten als den natürlichen Anschein der Dinge.“ Das ist Bamberger Basketball – und in dem Sinne müsste es sich auch verbieten, Playoff-Spiele Trinchieris Truppe in einem Satz mit Langeweile zu stellen.

2. Ihrer Zeit voraus

Van Gogh galt als Vorreiter des Expressionismus, und auch Trinchieris Stil eilt der Konkurrenz voraus: Drei-Guard-Lineups gab es in der BBL auch schon zuvor, doch Trinchieri hat diese mit besonders viel Kreativität bestückt. Eine Bezeichnung wie Point Guard gehört in die Mottenkisten des abbildenden Impressionismus, nun sind es kreierende Ballhandler. So hat sich in der BBL der Wechsel von Guard-Terror zu Guard-Tenor vollzogen.

Der Bamberger Fortschritt lässt sich auch in einem punktuellen Rahmen erkennen, bei Spielzügen, in denen die Akteure agieren, nicht um abzuschließen – sondern den Gegner zur Reaktion zu zwingen. Ein Beispiel: Im dritten Viertel des Auftaktspiels gegen Oldenburg schicken die Bamberger Darius Miller um zwei Blöcke, um ihn in Wurfposition zu bekommen – doch Rickey Paulding bleibt dran. Neuer Spielaufbau, nur noch acht Sekunden, doch keine Panik.

Nachdem Miller den Ball an die Birne zu Fabien Causeur abgegeben hat, kommt Leon Radosevic zu Miller, um in den Rücken Pauldings einen Block zu stellen – eine Aktion, um Miller doch den Wurf zu ermöglichen? Zeitgleich kommt Nicolo Melli zu Causeur, um einen Block am Mann zu stellen – ein einfaches Pick-and-Roll?

Diese Fragen stellen sich auch die Oldenburger: Maxime De Zeeuw geht mit Melli mit, um ein mögliches Pick-and-Roll zu verteidigen – er verlässt die Zone. Brian Qvale muss beim Block Radosevics aushelfen, da Miller eine Wurfoption ist – er verlässt die Zone. Paulding kämpft sich um den Block in seinem Rücken und will zu Miller zurückrotieren – er entfernt sich von der Spielfeldmitte. Causeur tritt an, zieht zum Korb, sieht keine Help-Defense gegen sich und legt ein.

Sieht einfach aus? Doch in Sekundenbruchteilen haben die Bamberger durch kleine Bewegungen auf dem Spielfeld so sehr die Oldenburger beeinflusst, dass Causeur ganz offen zum Korbleger kommt. Solche Aktionen – ballferne Blöcke, aus denen gar nicht ein Wurf resultieren muss – sieht man von den Bambergern in den Playoffs immer wieder.

Darum dominiert Bamberg Oldenburg
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