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Afro-amerikanische All-Stars

12.02.2018 || 16:45 Uhr von:
Dieser Tage werden in Los Angeles die alljährlichen All-Star-Feierlichkeiten der NBA abgehalten. Ein guter Anlass, um während des „Black History Month” die Geschichte schwarzer All-Stars zu erhellen.

2016 fand das NBA All-Star Game erstmals außerhalb der USA statt. Beinahe hätte es in Toronto zudem ein zweites historisches Novum gegeben: Wäre Pau Gasol seinerzeit nicht für den verletzten Jimmy Butler nachgerückt, so wäre das Showspiel erstmals ohne die Beteiligung weißer Spieler über die Bühne gegangen (2001 war bereits Vlade Divac für Shaquille O’Neal nachnominiert worden). Im letzten Jahr durften in New Orleans dagegen mit Gordon Hayward und Marc Gasol zwei nicht-schwarze Akteure mitwirken, während der ebenso gewählte Kevin Love verletzungsbedingt zuschauen musste.

So hat es in der Geschichte einer heute zu 80 Prozent schwarzen Liga bisher immer mindestens einen weißen All-Star gegeben. Gewiss, nicht zuletzt aufgrund der nachhaltigen Internationalisierung seit den 1990er Jahren. Die genannten Gasol-Brüder, Dirk Nowitzki, Steve Nash sowie in diesem Jahr Goran Dragić und der leider langzeitverletzte Kristaps Porziņģis lassen grüßen …

Zu Beginn der laufenden Saison waren 108 Spieler – wie ein weiterer All-Star-Kandidat: Nikola Jokić – internationaler Herkunft. Derweil können die 30 NBA-Teams, großzügig gezählt, gegenwärtig mit 40 weißen Amerikanern aufwarten. Nur drei von ihnen, der derzeit verletzte Love sowie Meisterschütze J.J. Redick und „Stretch Big“ Ryan Anderson, haben indes die Starterrolle inne (Hayward fällt bekanntlich aus; Chandler Parsons‘ sportliche Zukunft ist ungewiss). Zumal von dieser NBA-Minderheit einzig der in „The Land“ ungeliebte Love 2018 auf All-Star-Niveau agiert. Ein Fakt, der kaum verwundern mag.

Schließlich haben es in den vergangenen 18 Jahren lediglich acht Euroamerikaner in eine All-Star-Auswahl geschafft. Neben Love und Hayward gelang dies Kyle Korver (2015), David Lee (2013, 2010), Chris Kaman (2010), Brad Miller (2004, 2003), Wally Szczerbiak (2002) und Hall of Famer John Stockton (2000). Von ihnen erhielt allein Love einmal ausreichend Fanliebe, als er noch als Timberwolf 2014 (nach Stockton 1997) zum Starter gewählt wurde.

Looking B(l)ack: Big Don

Vor 67 Jahren, als das erste All-Star Game 1951 in Boston stattfand, hätten die Mehrheitsverhältnisse hingegen nicht weniger kontrastreich ausfallen können. In einer betont weißen NBA durften zunächst nur vier Afroamerikaner – die Pioniere Chuck Cooper, Nat Clifton, Hank DeZonie und Earl Lloyd – als Rollenspieler mittun. Derweil wurde die „Rassenschranke“ des All-Star Games erst 1953 durchbrochen – von einem weiteren, weithin vergessenen Wegbereiter, der hier gewürdigt sei: Donald Argee Barksdale.

„Big Don“ Barksdale, der als spielstarker Scorer und Rebounder brillierte, lief über vier Saisons (1951 bis 1955) für Baltimore und Boston auf. In 262 NBA-Partien markierte der agile und athletische Power Foward in durchschnittlich 28,5 Minuten respektable 11,0 Punkte, 8,0 Rebounds und 2,1 Assists. Jedoch hatte der Zweimetermann aus der Bay Area erst mit 28 Jahren eine annehmbare Profichance erhalten und dann mit vermeidbaren Verletzungen sowie den vorherrschenden Doppelstandards zu kämpfen.

Dabei war Barksdale im rassengetrennten Amerika als Kämpfer erprobt und zuvor schon mehrfach als Bahnbrecher in Erscheinung getreten. So wurde der UCLA Bruin 1947 als erster Afroamerikaner als NCAA All-American ausgezeichnet. Anschließend spielte er erfolgreich AAU- und olympischen Basketball. Bei den Spielen von London war er 1948 wiederum der erste und einzige Afroamerikaner, der für die Basketballauswahl der USA siegreich auf Korbjagd ging. 68 Jahre später verbuchte in Rio de Janeiro (wie davor in Peking und Sydney) ein ausschließlich schwarzes US-Team Olympiagold …

Trotz Goldmedaille erhielt Barksdale auf seinem sportlichen Zenit zuerst keine und dann finanziell unzureichende Offerten aus der 1949 neu gegründeten NBA. Als die rassistische Personalpolitik der Profiliga ein Jahr später aufgebrochen wurde, hätte er zwar der erste schwarze Spieler sein können – doch ein geschäftstüchtiger „Big Don“ wollte sich nicht unter Wert verkaufen. Vielmehr visierte der „Renaissance Man“ einen lukrativeren Vertrag an, den er schließlich mit Baltimore aushandelte und der ihn zum bestbezahlten Akteur der Bullets machte.

Barksdales NBA-Start fiel indes überaus hart aus. Um nach Maryland zu kommen, fuhr er mit dem Auto von Kalifornien aus quer über den nordamerikanischen Kontinent. Länger als eine Woche dauerte sein „Roadtrip“ Ende 1951 an. Eine Regeneration seiner daraufhin schmerzhaft angeschwollenen Knöchel wurde ihm seitens der Bullets nicht eingeräumt. Der Starspieler sah sich gezwungen, für die strauchelnde Franchise zu performen (eine einschreitende Spielergewerkschaft existierte seinerzeit noch nicht), was ihm chronische körperliche Probleme bescherte, die den späten Hall of Famer (2012) ein Leben lang begleiteten.

Immerhin: Für seinen Einsatz und sein überzeugendes Spiel wurde Barksdale von den NBA-Coaches in der Folgesaison mit der Wahl zum All-Star bedacht. Am 13. Januar 1953 kam der 29-Jährige vor gut zehntausend Zuschauern in Fort Wayne, Indiana, für den unterlegenen Osten in elf Minuten auf einen Punkt, zwei Assists und drei Rebounds. „Ich habe den Ball in diesem Spiel kaum berührt, aber zumindest war ich im Team – und sehr stolz darauf“, äußerte „Big Don“ rückblickend. Denn als Afroamerikaner wusste er, wie schwer es seinerzeit war, überhaupt berücksichtigt zu werden. Daher ließ er auch mit Blick auf seine Karrierewerte verlauten: „Ich hätte acht oder neun Punkte mehr pro Spiel scoren sollen. Nur kannst du nicht punkten, wenn du den Ball nicht bekommst.“ So waren Afroamerikaner in der frühen NBA als unauffällige Arbeiter gefragt, die sich wechselseitig zu verteidigen hatten.

Nichtsdestotrotz fungierte Barksdale als Türöffner für ihm nachfolgende schwarze All-Stars: für Ray Felix, 1954 der erste schwarze „Rookie des Jahres“ und All-Star-Starter; für Maurice Stokes, den ersten schwarzen Abo-All-Star; und nicht zuletzt, für den großen Bill Russell, den Barksdale mit nach Boston gelotst hatte, nachdem er 1955 mit 32 Jahren als Celtic zurückgetreten und in die heimische Bay Area zurückkehrt war (wo auch Russell aufgewachsen war und seinen Collegebasketball gespielt hatte).

Bereits zehn Jahre später, während die Russell-Celtics die NBA beherrschten, gab es mehr afro- als euroamerikanische All-Stars, die das Spiel fortan dominierten und es gemeinsam mit ihren internationalen Kollegen weiterhin revolutionieren. Und auch wenn Don Barksdale 1993 krankheitsbedingt viel zu früh verstarb, lebt sein Legat so anschaulich weiter. Man braucht dieser Tage nur gen „La La Land“ zu blicken, um zahlreiche schwarze Stars unbeschwert glänzen zu sehen …

Wer mehr über die Geschichte der afroamerikanischen NBA-Pioniere erfahren möchte, kann diese in Ron Thomas‘ They Cleared the Lane“ nachlesen.


In seiner Kolumne „Freiwurf“ schreibt Christian Orban jede zweite Woche über Akteure und Aspekte der NBA – gegenwartsbezogen, gesellschaftskritisch und geschichtsbewusst.

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