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Die Geister, die keiner rief

16.05.2016 || 08:30 Uhr von:
Der „CSKA-Choke“ war nahe, doch die Moskauer behaupteten sich in der Verlängerung des Euroleague-Finals gegen Fenerbahce und gewinnen in einem denkwürdigen Endspiel den Titel.

„Nein, ich habe die Geister nicht gesehen – es ist ein Basketballspiel.“ CSKA-Coach Dimitrios Itoudis wollte von den Geistern, die einen erneuten Einbruch Moskaus bei einem Final Four heraufbeschwören zu schienen, nichts wissen. Mit 20 Punkten hatte sein Team zur Halbzeit geführt, sieben Minuten später waren es sogar 21 Zähler, und knapp sechs Minuten vor Ende des vierten Viertels lag ihr Vorsprung immer noch im zweistelligen Bereich.

Doch dann stieg die Möglichkeit eines „CSKA-Choke“ von Minute zu Minute, Aktion zu Aktion und verdichtete sich in der von Fenerbahce-Fans dominierten Mercedes-Benz Arena. Ein Einbruch, wie er in der Vergangenheit zuhauf passiert ist: wie im letztjährigen Halbfinale gegen Olympiacos Piräus, im Halbfinale 2014 gegen Maccabi Tel-Aviv oder im Endspiel 2012 gegen Olympiacos.

Einer, der schon auf beiden Seiten stand, ist Kyle Hines. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, wir hätten nicht gedacht, ,oh, es passiert schon wieder’“, wusste der CSKA-Center doch um die Geister und fügte an: „Es fühlt sich großartig an, die Geschichte umzuschreiben.“

Dass dieses Team Gesichte mit, aus CSKA-Sicht, positiver Konnotation geschrieben hat, machte Itoudis dann auch auf der Pressekonferenz deutlich. Gerade, weil der Einbruch nicht in einer Niederlage münzte, sondern dem Team es gelang, sich zu fokussieren, nicht aufzustecken und das Momentum in der Verlängerung wieder auf seine Seite zu drehen. Was natürlich auch vom Trainer ausgehen muss: „Ich wäre ein verdammter Idiot und schlechter Anführer, wenn ich nicht die Selbstbeherrschung hätte, nach vorne zu sehen“, erklärte Itoudis seine Ruhe nach dem vierten Viertel.

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Milos‘ Magie

Dementsprechend fokussiert präsentierte sich CSKA auch wieder in der Verlängerung. Die Offensive lief besser, aus dem Pick-and-Roll und dem Extra-Pass fanden die Moskauer gute Abschlüsse, und schließlich zeigte Nando de Colo (22 Pkt, 7 Ast, 3 Stl), warum er der wertvollste Spieler ist – sowohl der regulären Saison als auch des Final Fours. In Isolationen wusste der französische Guard sein Team zu schultern, nachdem er vor allem in der ersten Halbzeit durch die (Switch-) Verteidigung Fenerbahces ein wenig aus dem Spiel genommen worden war und bereits im dritten Viertel sein viertes Foul kassiert hatte.

Doch CSKA findet im Backcourt nunmal ein zweiköpfiges Monster vor. Schlägst du einen Kopf ab, gibt es immer noch einen zweiten, dessen Adern noch stärker schlagen: Milos Teodosic (19 Pkt, 5 Reb, 7 Ast) zauberte die gewisse Milos-Magie auf das Parkett. Nach seiner Einwechslung schnappte er sich einen Defensiv-Rebound, dribbelte nach vorne und netzte den Pull-up-Dreier ein – es sollte Teodosics Abend werden, der Assists wie diese aus einer schier aussichtslosen Situation aus dem Ärmel schüttelte.

„Vor allem Teodosic hat es sich verdient – he definetely got the monkey off his back“, zollte Hines seinem Teamkollegen Respekt. In sieben der nun acht vergangenen Final Fours war Teodosic beteiligt gewesen – und gewann nun zum ersten Mal den Titel. Kein Spieler musste länger auf seinen ersten Titel warten.

„Monkey off the back“

Wenn man vom „abgeschüttelten Affen“ spricht, muss auch Victor Khryapa erwähnt werden. Verletzungsbedingt hatte der 33-Jährige nur acht Euroleague-Spiele vor dem Final Four absolviert. Doch in seiner rekordträchtigen zehnten Final-Four-Teilnahme avancierte er zum Schlüssel: per Block in der Verlängerung und vor allem per Tip-In, der jene Verlängerung erst ermöglichte. Dabei hätte der Veteran wohl gar nicht so lange gespielt, wenn Andrey Vorontsevich mit fünf Fouls nicht frühzeitig vom Parkett hätte gehen müssen. 2014 war es sein Ballverlust gewesen, der Tyrese Rices Gamewinner zu Maccabis Finaleinzug ermöglicht hatte.

Und dann wäre da natürlich die Geschichte vom ehemaligen Assistant Coach, der seinen Head Coach besiegt, Itoudis seinen großen Bruder Zeljko Obradovic. Die beiden hatten bei Panathinaikos Athen fünf Euroleague-Titel gefeiert.

„Ich wäre nicht hier, wo ich jetzt bin, wenn nicht Zeljko, Panathinaikos Athen und diese 13 Jahre gewesen wären“, erzählte Itoudis, was er seinem langjährigen Weggefährten nach Ende des Finals auf dem Parkett gesagt hatte. Und vor allem in der ersten Halbzeit bewies Moskaus Übungsleiter, was für ein ausgewiesener Taktikfuchs er ist und dass er längst auf einer Ebene mit Obradovic agiert – auf Itoudis‘ Kniffe schien die Fenerbahce-Verteidigung keine Antwort zu finden. Mit einem 18:1-Lauf hatte CSKA die erste Halbzeit beendet, das zweite Viertel mit 28:10 dominiert. Während Itoudis‘ Truppe in der Verteidigung, unter anderem dank den switchenden Kyle Hines und Voronstevich, ihrem Kontrahenten so viel weg nahm, schrieben sie in der Offensive Poesie auf das Parkett:

„Wir haben wie Mädchen gespielt“, stellte Bobby Dixon in der Mixed Zone klar, welche (motivierenden) Worte Zeljko Obradovic in der Halbzeit an seine Spieler gerichtet hatte. Auch wenn Fenerbahce im dritten Spielabschnitt noch einem hohen Rückstand hinterher laufen musste, so waren sie doch im Schlussabschnitt mit besserer Verteidigung und mehr „Charakter“, wie Obradovic gefordert hatte, zur Stelle. Und trafen, allen voran in Form Dixons, einige Big Shots, Ali-gleich.

Letztlich präsentierte sich aber CSKA mit mehr Waffen; mit 106:101 ging das Finale an den russischen Club – erst zum zweiten Mal während der Final-Four-Modus war es zu einer Verlängerung gekommen.

CSKA schrieb Geschichte, so sagte Itoudis auf der Pressekonferenz. Und wer weiß, vielleicht wird mit den ersten Zeilen schon an einer neuen Narrative geschrieben. Nachdem Itoudis in den Presseraum getreten war, bat er um einen weiteren Stuhl – für seinen ersten Assistenten Andreas Pistiolis. Itoudis weiß, wie ein Team funktioniert.

„Manchmal schreibt das Leben ein Drehbuch, das einfach atemberaubend ist“, äußerte sich der CSKA-Coach zur Final-Four-Narrative. So wie es auch der Basketball immer wieder tut.

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