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„Mindestens 1500 Euro“

10.04.2008 || 00:00 Uhr von:

Spielergewerkschaften gehören in vielen Basketballligen zum Alltag. In der NBA legt die mächtige Ligagewerkschaft schon mal den Spielbetrieb lahm, um den Spielern ihren Anteil am Millionengeschäft zu erstreiten. In der notorisch klammen Basketball Bundesliga (BBL) sehe es dagegen schlechter für Profisportler aus, sagt der Ex-NBA-Profi Walter Palmer. Mobbing, fehlende Versicherungsgelder, Insolvenzen: Als Generalsekretär der 2005 gegründeten deutschen Spielergewerkschaft SP.IN (Spieler.Initiative Basketball) fordert der 39-jährige US-Amerikaner Palmer mehr Geld und mehr Rechte für die Spieler. Nach eigenen Angaben seien rund 120 Profis in Deutschland Mitglieder ? was etwa 40 Prozent des BBL-Personals ausmacht. Zu den führenden Gewerkschaftern gehören die Nationalspieler Pascal Roller, Patrick Femerling und Mithat Demirel. Nachdem die Vereine 2006 mit einer Klage gegen SP.IN scheiterten, will Walter Palmer nun einen allgemeinen Tarifvertrag für die Liga durchsetzen. Crossover sprach ausführlich mit dem Gewerkschafter.

Crossover: Bei Profisportlern hat man das Bild von gut bezahlten Athleten im Kopf. Warum brauchen Basketballprofis eine Gewerkschaft?

Walter Palmer: Eine Gewerkschaft ist für professionelle Basketballspieler genauso wichtig wie für jeden anderen Arbeitnehmer. Wenn eine Basketballliga professioneller werden will, braucht sie auch gewisse Standards. Das zeigen die Beispiele anderer Ligen wie der NBA, oder auch die Ligen in Spanien, Italien, Griechenland, Israel oder Frankreich. Dort gibt es überall Spielergewerkschaften.

Crossover: Welche Standards sind das? Was fordert SP.IN?

Palmer (Foto rechts): Das Hauptziel der Gewerkschaft ist eine kollektive Vereinbarung in der Basketball Bundesliga, ein Tarifvertrag, wie es ihn in der NBA, Spanien, Griechenland, Israel, Frankreich und Italien gibt. Wir wollen beispielsweise ein Minimumgehalt von 1500 Euro, Pensionsregelungen, einen Minimum-Versicherungsschutz, einen Tag frei in der Woche für die Spieler und eine Quotenregelung für deutsche Spieler.

Crossover: Werden BBL-Profis denn so schlecht bezahlt?

Palmer: So schlecht nicht, aber in Deutschland gibt es Nachwuchsspieler, die 300 oder 400 Euro im Monat verdienen. Gerade in dieser schwierigen Phase ihrer Karriere müssen sie aber entscheiden, ob sie es als Profis wagen oder lieber andere Wege gehen. Über diese Hürde muss jeder Nachwuchsspieler, und in dieser Zeit bekommt er nicht viel dafür. Es geht uns auch um eine Absicherung der Spieler nach ihrer Karriere. Anders als viele Zuschauer glauben, verdienen fast alle Spieler in der BBL nicht genug, um für immer finanziell abgesichert zu sein. Die Spieler müssen sich hinterher neu orientieren. Es gibt Beispiele aus der finnischen Eishockeyliga oder der italienischen Basketballliga, wo es Pensionsfonds für Spieler gibt. Sie zahlen während ihrer Karriere ein und bekommen hinterher wieder Geld heraus, das in der Übergangszeit in ein anderes Berufsleben hilft.

Crossover: Auf der Internetseite ihrer Gewerkschaft können BBL-Profis ? auf Wunsch auch anonym im ?Black Book? ? über Probleme berichten und Hilfe suchen. Worüber klagen die Spieler?

Palmer: Wir haben immer wieder Fälle in der BBL, dass Vereine versuchen, verletzte Spieler los zu werden ? vor allem ausländische Profis. Das deutsche Versicherungssystem funktioniert nicht sehr gut bei Profisportlern, die berufsbedingt einem hohen Verletzungsrisiko ausgesetzt sind. Klubs versuchen oft bei den Versicherungsbeiträgen zu sparen. Sie schließen beispielsweise Versicherungen ab, die kein Tagegeld für verletzte Spieler umfassen. Also liegt ein Langzeitverletzter weiter dem Verein auf der Tasche, und man versucht ihn loszuwerden, anstatt für die Rehabilitationszeit zu zahlen. Leider gibt es auch manchmal Mobbing in der BBL. Es gab einen Spieler, der sollte sechs Mal am Tag trainieren, das erste Mal um sechs Uhr morgens. Teilweise werden Spieler entlassen, ohne vorher drei Mahnungen erhalten zu haben, wie es das deutsche Arbeitsrecht vorsieht. Es ist leichter, fremdsprachige Spieler und Agenten auszunutzen, denn sie kennen ja die Sprache und oft die Gesetze nicht.

Crossover: Womit kommen Spieler noch zu Ihnen?

Palmer: Wir beraten außerdem Spieler bei Teaminsolvenzen wie zuletzt in Köln. Wir beschäftigen uns auch mit VISA-Problemen. Einige Teams haben gute Beziehungen zu den Behörden. Da läuft nicht alles richtig ab.

Crossover: Ein solcher Streitfall katapultierte SP.IN im Frühjahr 2006 erstmals in die Medien, als Sie Alba Berlin vorwarfen, die Aufenthaltsgenehmigung für den damals 18-jährigen Thomas Compaoré aus Burkina Faso sei illegal ? und damit auch sein Sieben-Jahres-Vertrag bei den Berlinern. Albas Team-Manager Henning Harnisch warf Ihnen persönlich damals ?Profilierungssucht auf Kosten eines jungen Spielers? vor. Ihre Vorwürfe wurden nicht bestätigt, und Alba entließ den aufmüpfigen Compaoré. Was ist damals passiert?

Palmer: Es war ein schwieriger Fall. Ich habe damals die Spieler von Alba in der Kabine besucht, und Thomas hat mich nach diesem Treffen um Hilfe gebeten. Er sagte, er sei sehr unglücklich in Berlin und wolle weg. Er hatte einen Sieben-Jahres-Vertrag unterschrieben und fragte: Ist dieser Vertrag legal? Wir sollten überprüfen, ob seine Aufenthalterlaubnis rechtmäßig beantragt worden sei. Als Nicht-EU-Sportprofi musste er eine gewisse Summe verdienen?

Crossover: Mindestens 2625 Euro im Monat. In seinem gestaffelten Vertrag bekam Compaoré laut Berliner Morgenpost zu dem Zeitpunkt 450 Euro plus Unterkunft und Verpflegung?

Palmer: Thomas wurde Mitglied bei uns und als Gewerkschaft halfen wir ihm. Wir haben die Sache monatelang vertraulich behandelt. Erst Alba Berlin ging damit durch Thomas? Suspendierung an die Öffentlichkeit.

Crossover: Hatte Compaoré keinen Spieleragenten, der das hätte regeln können?

Palmer: Nein, er hatte anfangs keinen Agenten und keinen Ratgeber. Wir haben ihm nicht als Agentur geholfen, sondern als Gewerkschaft. Wir sind keine Spieleragenten. Wir haben ein Mitglied unterstützt. Es ging darum, dass Thomas uns um einen juristischen Rat gebeten hat. Später hat er sich einen Agenten gesucht.

Crossover: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie hätten Compaorés Zukunftschancen verbaut?

Palmer: Nachdem Thomas zu uns kam, haben wir ihm Zeit gegeben, über die ganze Sache nachzudenken. Unser Rat war, er solle in Berlin bleiben. Das ist ein optimaler Standort für Basketball in Europa. Das Gleiche würde ich meinem Sohn auch raten. Aber Thomas fühlte sich nicht wohl. Er wollte nach Frankreich. Er sprach Französisch, aber konnte kein Deutsch. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass die Arbeitserlaubnis für ihn in Deutschland nicht richtig beantragt war.

Crossover: Wissen Sie, wo Compaoré jetzt spielt?

Palmer: Letzte Saison spielte er in Frankreich bei Evreux (in der zweiten Liga, Anm. d. Redaktion). Wo er jetzt ist, weiß ich nicht.

Crossover: Wie ist heute das Verhältnis zwischen der Liga und der Gewerkschaft?

Palmer: Wir haben einen langen Weg hinter uns. Wir sind nicht bei allen Vereinen erwünscht. In Bremerhaven wurde ich schon einmal aus der Kabine geworfen. Anschließend ist die gesamte Mannschaft der Gewerkschaft beigetreten. Das Zugangsrecht war einer der Punkte in unserem Rechtstreit mit der BBL.

Crossover: Nach dem Fall Compaoré versuchte die BBL GmbH sogar gerichtlich feststellen zu lassen, dass SP.IN keine anerkannte Gewerkschaft sei, weil sie zu wenig Spieler vertreten würde. Wie ging der Prozess vor dem Arbeitsgericht Bamberg aus?

Palmer: Die BBL verklagte uns damals und bestritt unseren Status als Gewerkschaft. Ein Recht einer Gewerkschaft ist es unter anderem, sich mit Arbeitnehmern an deren Arbeitsplätzen zu treffen. Das wollte die BBL nicht. Der Fall ging über sechs oder sieben Monate. Im Dezember 2006 sah die BBL, dass sie den Fall verlieren würde, also zog sie die Klage zurück. Sie wollten dann mit uns reden. Wir haben uns bis heute vier Mal mit Jan Pommer (Geschäftsführer der BBL GmbH, Anm. d. Redaktion) getroffen. Bei diesen Gesprächen waren auch Spieler wie Denis Wucherer (früher u.a. Bayer Leverkusen, d. Red.), Johannes Strasser, Artur Kolodziejski (beide Telekom Baskets Bonn, d. Red.) und Gordan Geib (Leverkusen, d. Red.) dabei.

Crossover: Wie viele Mitglieder hat SP.IN heute?

Palmer: Am Anfang der Saison haben wir meist 50 Mitglieder. Am Ende der Spielzeit sind es dann etwa 120. Die Fluktuation kommt daher, weil im Sommer sehr viele Spieler die Liga verlassen und neue hinzukommen.

Crossover: SP.IN hat die Nachwuchsinitiative ?Made in Germany? ins Leben gerufen. Ist SP.IN eine Gewerkschaft für deutsche Spieler?

Palmer: Der deutsche Nachwuchs ist ein großes Thema für uns. In Spanien, Italien, Frankreich und Griechenland wird die Zahl der einheimischen Spieler vorgegeben. In Deutschland sind viele Profis mit der aktuellen Situation unglücklich. Ich bin selbst US-Amerikaner, und ich rede auch mit ausländischen Spielern in den Kabinen, die sich wundern, warum die deutsche Liga nicht mehr für junge deutsche Spieler tut. Ich denke, die Spieler wissen, wie wichtig der Identifikationsfaktor für die Vermarktung der Liga ist. Wenn man Zuschauer außerhalb von Gießen, Bamberg oder Quakenbrück erreichen will, braucht man deutsche Identifikationsfiguren.

Crossover: Die Gespräche mit Jan Pommer brachten keine Einigung über einen Tarifvertrag in der BBL. Wie ging es weiter?

Palmer: Wir verhandeln jetzt mit den Brose Baskets Bamberg über einen Tarifvertrag für ihre Spieler. Ein solcher Vertrag wäre einmalig in der deutschen Sportgeschichte.

Crossover: Spielt es eine Rolle, dass in Bamberg viele deutsche Nationalspieler wie beispielsweise Mithat Demirel, eines der drei Mitglieder des SP.IN National Team Players Committee, aktiv sind?

Palmer: Das ist auch ein Grund. Außerdem kenne ich Bambergs Manager Wolfgang Heyder noch aus meiner Spielerkarriere. Er hört nicht auf die ganzen Sachen, die über uns und mich gesagt wurden. Die Verhandlungen laufen gerade, und wir haben ein gutes Gefühl.

Crossover: Welche Wirkung könnte denn eine Übereinkunft mit den finanzstarken Bambergern für den Rest der notorisch klammen Liga haben?

Palmer: Für Bamberg ist das keine große Sache. Wir verhandeln mit dem finanzstärksten Klub der Liga. Die Spieler dort werden so behandelt, wie wir es uns vorstellen. Ein erfolgreicher Tarifabschluss kann ein Pilotprojekt für die ganze Liga sein, damit die anderen Klubs sehen, dass so etwas klappen kann. Wenn wir gewisse Standards in der Liga etablieren, profitieren davon alle Klubs. Die Standorte werden attraktiver. Wenn feste Strukturen entstehen, spart man am Ende auch Geld. Wenn sich ein Team grundlegende Dinge wie die Versicherungsbeiträge für seine Spieler nicht leisten kann, gehört es einfach nicht in die erste Liga.


Zur Person:
Walter Palmer (39) spielte zwischen 1990 und 1993 insgesamt 48 Spiele in der NBA für die Utah Jazz und die Dallas Mavericks. Später spielte der 2,14 Meter lange US-Amerikaner in Italien, Frankreich und in der Basketball Bundesliga, wo er ein Star in Bamberg und Frankfurt war. 2003 beendete er seine Karriere in Braunschweig. Im September 2005 gründeten zwölf deutsche Nationalspieler die Spielergewerkschaft SP.IN. Palmer wurde zum Generalsekretär bestimmt und führt nun von Heidelberg aus die Geschäfte der Gewerkschaft.

Zur Gewerkschaft:
SP.IN-Mitglieder zahlen je nach Gehalt zwischen drei und zwanzig Euro Beiträge pro Monat. Der Karlsruher Anwalt Jürgen Leister ist rechtlicher Berater und vertritt Profisportler vor Gericht. Palmer ist der Verhandlungsführer mit den BBL-Vereinen. Den Gewerkschaftsvorstand bilden Pascal Roller (Deutsche Bank Skyliners Frankfurt) und die Ex-Profis Denis Wucherer und Harald Stein. Weitere Informationen und Internetshop auf http://www.spinbb.net.

„Mindestens 1500 Euro“
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BerlinAir
BerlinAir 11. April 2008 um 1:19 Uhr

Bemerkenswert, daß ein Insider wie Palmer beiläufig feststellt, daß Bamberg der finanzstärkste Club der BBL ist…meist wird da ja auf Alba gezeigt.

xax
xax 11. April 2008 um 15:45 Uhr

300-400 ? im Monat für Nachwuchsspieler???
Da bekommt jebe Bäckereifachverkäuferin im ersten Ausbildungsjahr mehr…

Frico
Frico 11. April 2008 um 15:48 Uhr

… die bekommt aber keine Wohnung gestellt…

schunki
schunki 11. April 2008 um 18:27 Uhr

…und manchmal noch ein auto…

aircanadia
aircanadia 11. April 2008 um 23:56 Uhr

lol da bekommen sie aber wenig wenn man bedenkt das es leute gibt die in der regionalliga 1100? im monat verdienen……..

Jensen
Jensen 12. April 2008 um 13:23 Uhr

…oder was man schon in unteren fußballligen bekommt. 300 euro gibts teilweise schon in der bezirksklasse.

Noch eine Verbesserung: SP.IN gehört nicht zu Verdi. Die Gewerkschaft ist eigenständig. Das habe ich am Ende korrigiert.

rüdi
rüdi 13. April 2008 um 10:33 Uhr

Sehr guter Artikel/Interview. Interessant wäre nun ein Interview der Gegenseite!

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