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Der Patrick-Effekt in Ludwigsburg

27.02.2014 || 09:40 Uhr von:
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Mit einer komplett neuen Mannschaft spielen die MHP Riesen Ludwigsburg eine überraschend gute Saison. Jetzt sind sogar die Playoffs möglich – so recht sagen wollte das in Ludwigsburg noch niemand, ehe ein Coup über Berlin glückte.

John Patrick kam in den Presseraum der Fraport Arena in Frankfurt, die Frustration war ihm anzusehen. Es war eigentlich ein schöner Frühlingsabend Ende April 2013. Aber nicht für den erfahrenen Bundesligatrainer und nicht für seine MHP Riesen Ludwigsburg (damals noch unter den Namen Neckar Riesen Ludwigsburg). Selten hörte man einen Trainer seine eigenen Spieler so kritisieren. Man fühlte sich ein wenig an die berühmte Pressekonferenz mit Fußballtrainer Giovanni Trapattoni erinnert. Patricks Mannschaft, die er erst Mitte der Saison übernommen hatte, war im Duell um den Klassenerhalt gegen die Fraport Skyliners untergegangen. Es kam einer Aufgabe der kompletten Mannschaft gleich, was seine Spieler an diesem Abend zeigten.

Sportlich abgestiegen, rettete nur eine Wildcard den MHP Riesen Ludwigsburg in der vergangenen Saison den Klassenverbleib in der Beko Basketball-Bundesliga. Und nun, 22 Spieltage später, befindet sich die Mannschaft auf einem Playoff-Rang, nur knapp hinter dem siebtplatzierten Rivalen aus Ulm. Es scheint wie ein kleines schwäbisches Märchen, das derzeit in Ludwigsburg seine Geschichte schreibt.

Ein Grundstein dieser Geschichte: Trainer John Patrick ging nicht weg. Er blieb. Sowohl im Presseraum, um sich den unangenehmen Fragen der Reporter zu stellen, als auch bei seinem Verein, den MHP Riesen Ludwigsburg. Und auch die blieben. Dank einer Wildcard gehört der Traditionsverein weiter zum exklusiven Kreis der 18 Bundesligisten.

Anfang Februar 2014 scheint all dieser Trouble schon wieder vergessen. Vor allem dank einer sportlichen Glanzleistung, die die MHP Riesen derzeit sogar zur Teilnahme an den Playoffs berechtigen würde. Gestern gelang den Ludwigsburgern ein Überraschungserfolg über Berlin; zuletzt fuhren die Riesen Auswärtserfolge in Quakenbrück sowie Bonn ein. Insgesamt stehen derzeit sieben Siege aus den vergangenen neun Partien für die Schwaben zu Buche, womit im Durchschnitt über 3.500 Zuschauer und damit mehr als je zuvor in die MHP Arena in Ludwigsburg gelockt werden konnten. Die Basis für den Erfolg legt der für Mannschaften von Patrick typische „Guard Terror“.

Woher kommt dieser unerwartete Aufschwung, was hat Trainer John Patrick im Gegensatz zur zurückliegenden Saison in Ludwigsburg verändert?

Einiges. Man ist gewillt zu sagen: fast alles. Da wäre zum einen die Mannschaft: Außer Bankdrücker Tim Koch, der in dieser Spielzeit erst zu neun Kurzeinsätzen gekommen ist, hat Trainer Patrick ein komplett neues Team auf die Beine gestellt. Mehr Geld als in der vorangegangenen Katastrophensaison hatte er dabei nicht zur Verfügung, der Ludwigsburger Etat steigerte sich nur unmerklich. Doch in dieser Spielzeit hatte der Coach den Vorteil, seine Mannschaft selbst zusammenzustellen. Und das tat der 45-Jährige mit viel Mut.

Er holte gleich drei Spieler aus der zweiten Liga (Pro A) – darunter seinen Starting-Point-Guard Michael Stockton (Foto oben), den er auch gleich zum Kapitän der Mannschaft ernannt hat. Dazu die zwei Routiniers Adam Waleskowski und Patrick Flomo. Dann animierte er in C.J. Harris und Gregory Enchenique zwei Rookies dazu, direkt vom College nach Deutschland zu wechseln, und band diese direkt in die Rotation ein. Hinzu kam die Verpflichtung einiger erfahrener Legionäre, die bereits in Europa gespielt hatten und sich mit dem europäischen Basketballstil bestens auskannten: darunter Mario Stojic, der schon sein Geld bei Real Madrid verdiente und 2004/05 in der Euroleague auflief, sowie Keaton Grant und Shawn Huff, die unter anderem in Griechenland spielten. Center Robert Tomaszek und Flügelspieler Tanner Smith kamen ebenfalls aus dem europäischen Ausland, aus Polen und den Niederlanden.

Zum anderen wäre da sein Trainerstab, den John Patrick genau so wild wie erfolgreich zusammenstellte. In Co-Trainer David Danzig, Teammanager Lukas Varga und Videokoordinator Hiroyuki Maeda vereinigte der US-Amerikaner Patrick gleich drei Experten auf ihren Gebieten aus drei Nationen. Die Neueinstellung der drei Trainerassistenten war eine dringende Neuerung, die die Ludwigsburger aus der verpatzten Vorsaison gelernt hatten.

Und sie lernten noch mehr, denn Nachbesserungen vollzog der Verein in dieser Saison schneller als noch in der vergangenen. Nachdem der Rookie und etatmäßige Starting-Center Gregory Enchenique durch massiven Leistungsabfall auffiel, der laut des Vereins dem Heimweh des Venezolaners geschuldet war, trennte man sich von ihm und holte den bundesligaerfahrenen Gary McGhee (in der Beko BBL zuletzt für Bayreuth aktiv) ins Ludwigsburger Boot.  Und auch nach dem Abgang von Flügelspieler Tanner Smith, der scheinbar nie wirklich ins Team gefunden hatte, verstärkten sich die MHP Riesen schlau: Der Sohn von NBA-Trainerlegende George Karl, Coby Karl, stieß zum Team des Trainers John Patrick. Mit der Erfahrung aus drei NBA-Stationen und einigen europäischen Spitzenteams kam der 30-Jährige erst Ende Dezember nach Ludwigsburg. Seit seiner Ankunft verloren die MHP Riesen nur zwei von acht Spielen, gegen Meister Bamberg und in Braunschweig.

„Die Qualität in der Mannschaft hat seit der Ankunft der Zwei noch einmal erheblich zugenommen“, sagte Patrick und bezieht sich damit auf Karl und McGhee. Vor allem die Übersicht und das Spielverständnis Karls hebt der Trainer immer wieder heraus, das er „wohl von seinem Vater vererbt bekommen hat“, schlussfolgert Patrick. Aber auch der typische Post-Center McGhee avancierte sofort zum extrem wichtigen Baustein im Ludwigsburger Spiel. „Mein Team ist sehr gefestigt und kann auch schwere Spiele gewinnen“, stellte Patrick nach dem Arbeitssieg am 15. Februar gegen Medi Bayreuth heraus.

Dazu kommt aber auch das Glück (des Tüchtigen), das den MHP Riesen in der vergangenen Saison im Abstiegskampf so oft gefehlt hatte: Knappe Spiele gewinnen die Schwaben öfter, die Neuverpflichtungen schlagen voll ein – nicht nur die Leistungsträger, auch die Rollenspieler. Die besten Beispiele sind C.J. Harris (Foto oben) und der finnische Nationalspieler Shawn Huff. Harris steht durchschnittlich knapp 21 Minuten auf dem Feld und stellt mit 10,7 Zählern den viertbesten Punktesammler. Mit einer Drei-Punkte-Quote von 50 Prozent ist Harris zudem der treffsicherste Distanzschütze seines Teams, was er mit dem Gewinn des Dreier-Wettbewerbs beim ALLSTAR Day ebenfalls unter Beweis stellte.

Shawn Huff dagegen hatte Schwierigkeiten, sich in der BBL zu Recht zu finden, bis er am 14. Spieltag regelrecht explodierte und gegen Bonn 25 Punkte, sechs Rebounds und zwei Assists auflegte. Seitdem erzielte er in nur einem Spiel weniger als zehn Punkte und war in den zuletzt gespielten Partien mit gigantischen Dreierquoten für die Ludwigsburger Siegesserie mitverantwortlich: Der Power Forward verwandelte seit seiner Leistungsexplosion im Hinspiel gegen Bonn 23 seiner 49 Dreierversuche.

Es ist aber auch die Spielweise in der Offensive der MHP Riesen, die Huff so stark aufspielen lässt. John Patricks Angriffssysteme führen häufig zu Dreiern seiner Big Men. Vor allem Shawn Huff und Adam Waleskowski profitieren davon, poppen sie doch sehr oft nach dem gestellten Block hinter die Dreierlinie. Zum einen, um Platz für den Zug zum Korb der athletischen Guards wie Harris, Stockton und dem sprunggewaltigen Keaton Grant, Ludwigsburgs Topscorer mit 16,1 Zählern, zu machen. Hauptsächlich aber auch, um den freien Schuss zu bekommen – mit den NBA-Söhnen Michael Stockton und Coby Karl haben sie dafür die perfekten Assist-Geber.

Denn der Motor und Kapitän der Mannschaft, Michael Stockton, rangiert mit 3,7 Vorlagen pro Spiel auf dem achten Rang der besten Vorbereiter der Liga. Dazu kommt, dass seine starke Feldwurfquote von 52 Prozent eher aus den Nahdistanzversuchen herrührt, was für Huff und Waleskowski noch mehr Platz für den Schuss bedeutet. Generell sind die Riesen eine Mannschaft, die immer wieder nach Drives und Schnellangriffen zum Abschluss kommt: Nur eine Mannschaft versucht sich in Relation zur Gesamtwurfauswahl häufiger aus der Nahdistanz.. Auch Combo-Guard Coby Karl (Foto unten) besticht durch Übersicht und kommt seit seiner Ankunft auf 4,4 Assists pro Spiel – genauso viele wie Nationalspieler Per Günther.

Distanzgefährliche Big Men bringen aber natürlich auch Nachteile mit sich, da beim Kampf um die Offensiv-Rebounds mindestens ein Großer fehlt. Auch die Position im Post wird dadurch oft vernachlässigt. Das ist vor allem dann zu merken, wenn Center Gary McGhee einen schlechten Tag hat. Zwar räumt der 113-Kilo-Mann mit seiner Physis unter den Körben auf, einen zweiten Big Man in Korbnähe kann aber auch er nicht ersetzen. Vor allem fallen McGhees schlechte Tage aber ins Gewicht, wenn der großgewachsene US-Amerikaner seine Post-Moves nicht gewinnbringend im Korb des Gegners unterbringt.

Denn dann hat Ludwigsburg ein Problem: Außer McGhee hat niemand im Team von Trainer Patrick die Voraussetzungen, um aus dem Low-Post zu punkten. Patrick Flomo ist zwar mit einer wahnsinnigen Sprungkraft ausgestattet, hat aber mit 101 Kilogramm einfach zu wenig Masse im Kampf um die Position. Der zweite Backup auf der Center-Position, Robert Tomaszek, ist oft zu ungestüm und besitzt nicht die nötige Finesse, um aus dem Low-Post einen eigenen Wurf zu kreieren. Und noch ein Problem hat Ludwigsburg mit McGhees schlechten Tagen: seine Freiwurfquote von nur 52 Prozent. In den entscheidenden Phasen eines Spiels kann das teuer werden, wie gegen Bayreuth, als er nur zwei von acht Versuchen traf und das Spiel deshalb fast noch kippte.

Statistik Ludwigsburg
Durchschnitt
Rang
Pace 72,0 72,0 7.
Anteil Nahdistanzwürfe an FGA 54,1 48,1 2.
Defensiv-Rating 107,6 108,1 7.
gegnerische FG% 43,7 44,9 4.
gegnerische TO% 19,6 19,1 6.

Statistiken von courtsideBBL 

Doch bei all der Offensive darf nicht vergessen werden, dass eigentlich die Defensive das Steckenpferd im Spiel der MHP Riesen Ludwigsburg ist. Häufig wird mit viel Druck bereits der Spielaufbau des Gegners über das ganze Feld erschwert: Mann gegen Mann oder teilweise auch mit einer variablen Zonenpressverteidigung. Das ist dank der agilen Power Forwards Huff, Flomo und Waleskowski erst möglich. Auch im Set-Play schwindet der Druck auf den gegnerischen Aufbau- und die Flügelspieler nicht. Die Tiefe im Kader von John Patrick, der zehn von elf Akteuren regelmäßig Einsatzminuten gibt, ist ein Garant für kaum nachlassenden Defensivdruck. So erzwingen die Ludwigsburger bei ihren Gegnern prozentual die sechsmeisten Ballverluste der Liga, was auf der Gegenseite zu Schnellangriffen (samt den siebtmeisten Ballbesitzen ligaweit) und einfachen Punkten führt.

Die Defensivrotationen auf dem Parkett klappen oft sehr gut, weil Patrick seinem Team etwas einimpfen konnte, das der Mannschaft aus der Abstiegssaison fehlte: Wille und Leidenschaft. Bei jedem Wurf des Gegners ist noch eine Hand im Gesicht. Bringt ein Spieler das nicht zustande, sitzt er rigoros auf der Bank. Das lässt sich dann auch in Zahlen ausdrücken, denn Gegner kommen gegen Ludwigsburg lediglich zu einer Trefferquote von 43,7 Prozent aus dem Feld. Hinter Berlin, München und Oldenburg ist das der viertbeste Wert der Liga. Auf 100 Ballbesitze hochgerechnet gestatten nur sechs Mannschaften der Beko BBL ihren Kontrahenten mehr Punkte.

Probleme in der Verteidigung hat das Team Patricks trotzdem. Hauptsächlich dann, wenn beim Gegner ein starker Guard auf dem Parkett steht. Wie im Derby gegen die Walter Tigers Tübingen, als Shooting Guard  Alex Harris den Abstiegskandidaten quasi alleine trug, bis Ludwigsburg erst kurz vor Schluss den Sack endlich zumachen konnte. Oder wie gegen Bayreuth, als der angeschlagene Kevin Hamilton 23 Punkte erzielte und Bayreuth ebenfalls lange an den Sieg glauben ließ. Die Mannschaftsverteidigung stimmt oft, im Eins-gegen-Eins besteht noch Verbesserungsbedarf.

Zusammenfassend ist aber zu sagen, dass die Schwachpunkte, defensiv wie offensiv, trotzdem ein Spiel auf hohem Niveau zulassen. Ein Level, das auch für die Qualifikation zu den Playoffs reicht?

Von der Endrunde möchte in Ludwigsburg noch keiner so Recht sprechen, obwohl die Ausgangsposition hervorragend ist. Mit viel Glück könnte man sogar Bamberg und Bayern München aus dem Weg gehen. Doch Coach Patrick sagt: „Wir denken nur an das nächste Spiel. Sollten wir am Ende auf einem entsprechenden Platz stehen, würde mich das natürlich freuen, aber so weit muss es erst einmal kommen.“ Auch sein Kapitän Michael Stockton stimmt noch vor dem Überraschungscoup gegen die Albatrosse mit ein: „Es wäre ein Traum, in die Playoffs zu kommen, aber es zählt das Hier und Jetzt. Und hier und jetzt sind erst 22 Spieltage gespielt und noch nicht 34“. Einzig Neuzugang Coby Karl lehnt sich im Interview in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „BIG“ ein bisschen weiter aus dem Fenster: „Als Team sollte unser Ziel sein, die Playoffs zu erreichen. So sehe ich das zumindest.“

Wie, wo und vor allem wann die aktuelle Saison für die MHP Riesen Ludwigsburg enden wird, steht noch in den Sternen. Wichtig für den Verein vom Schöpfer des aktuellen Erfolgs, John Patrick, ist der Fortschritt. Nach der verkorksten vergangenen Saison befindet sich das Team wieder auf dem Weg an die Sonnenseite der Bundesliga. Auf diesem Weg sollte es bleiben, mit all seinen Innovationen, die in dieser Saison bereits auf den Weg gebracht wurden. Und dann kann man auch das P-Wort in den Mund nehmen, was Patrick nach dem gestrigen Sieg das erste Mal getan hat.

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realbaum
realbaum 1. März 2014 um 11:00 Uhr

war dieses jahr bei fast allen heimspielen(wie die letzten jahre auch, nur es wird immer schwerer an gute karten zu kommen wenn man sich nicht rechtzeitig darum kümmert :-D) und das ludwigsburger spiel ist sehr spektakulär und erfolgreich. ich kann nur hoffen, dass die (zurecht?!) kritisierte vereinsführung an john patrick festhält. was der mit ähnlichem (oder sogar geringerem) etat in göttingen geleistet hat spricht bände. wenn man es jetzt noch schafft die mannschaft (oder zumindestens ein paar sympatie/-leistungsträger) zu halten, ist in den nächsten jahren einiges möglich.

was ich absolut nicht verstehen kann ist, dass keaton grant nicht im allstarteam war!! der hat während der saison ein paar der spektakulärsten dunks gemacht, die ich in der bbl bisher gesehen habe. wäre wie gemacht gewesen für das show-game.

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