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Kontinuität oder Kontinuität

13.03.2017 || 09:56 Uhr von:
Denis Wucherer
Die GIESSEN 46ers und Denis Wucherer gehen trotz vierer erfolgreicher Jahre nach dieser Saison getrennte Wege. Der angeführte Grund für die Trennung klingt absurd: Der Verein möchte Kontinuität.

Der Duden gibt als Bedeutung für Kontinuität „kontinuierlicher Zusammenhang; Stetigkeit; gleichmäßiger Fortgang von etwas“ an. Die Frage ist also eigentlich geklärt. Wenn etwas gleichmäßig fortgeht ist Kontinuität gegeben. In Gießen scheint Kontinuität allerdings eine neue Deutung zu erfahren.

Für Kontinuität im Verein möchte Gießens Geschäftsführer Heiko Schelberg sorgen. Das sagte er den Gießener Zeitungen nach den gescheiterten Vertragsverhandlungen. Für diverse sportliche Projekte, gerade in der Jugendarbeit, wolle die Organisation einen Vertrag über zwei Jahre. Eine Aussage, die durchaus eine Frage aufwirft: „Was hat Jugendarbeit mit der Position und Vertragslaufzeit des Cheftrainers zu tun?“

Zusammenhang oder kein Zusammenhang

Natürlich ist für eine erfolgreiche Nachwuchsarbeit im Leistungsbereich ein guter Übergang zwischen NBBL, ProB-Team und BBL-Mannschaft wichtig. Ein Verein muss seinen Jugendspielern die Perspektive bieten, sonst wandern sie ab wie in Gießen von den Fällen Robin Amaize oder Dominic Lockhart bekannt.

Dieser Übergang funktioniert zwischen der NBBL und dem ProB-Kooperationspartner aus Lich schon sehr gut.

Bjarne Kraushaar, ein 17jähriger Point Guard, hat für Lich alle 22 Saisonspiele bestritten und dabei durchschnittlich 16:27 Minuten auf dem Parkett gestanden. Ein perfektes Beispiel, wie die ProB ihren Zweck als Ausbildungsliga erfüllt! Eine Einbindung von Licher ProB-Spielern in das BBL-Team gibt es auch, auf Grund des Alters oder Niveaus der Spieler, allerdings nur im Trainingsbetrieb. Doch gerade Kraushaar oder der gerade erst 16 Jahre alt gewordene David Amaize sind hoffnungsvolle Spieler. Sie könnten in ein oder zwei Jahren erste BBL-Erfahrung in Gießen sammeln, wenn ihr Karriereweg ohne Rückschläge verläuft.

Für weitere Jugendarbeit ist der Zusammenhang zum Cheftrainer nicht ersichtlich. Der einzig mögliche Berührungspunkt sind Finanzen. Doch es darf nicht sein, dass für die Jugendarbeit sinnvoll eingesetztes Geld aus dem Topf der Profimannschaft genommen wird. Die BBL-Mannschaft ist das Aushängeschild, die Einnahmequelle und Vorbild für alle Jugendspieler. Es muss Aufgabe des Managements sein, für beide Aufgaben genügend Geld zu akquirieren.

Wille oder kein Wille

„gleichmäßiger Fortgang von etwas“… Die eindeutig dominierende Frage im Zuge der bevorstehenden Trennung ist allerdings eine andere. Ein Verein, der zwischen 2000 und 2013 elf verschiedene Cheftrainer beschäftigte, hat die Chance seinen Erfolgstrainer der letzten vier Jahre für eine weitere Saison zu binden, doch tut dies unter Berufung auf Kontinuität nicht. Warum? Diese Entscheidung ergibt auch nach mehreren Tagen keinen Sinn.

Ein fünftes Jahr mit Denis Wucherer, das wäre für Gießener Maßstäbe der Neuzeit schon unfassbar große Kontinuität.

Bisher war die Zusammenarbeit so erfolgreich, warum sollte man sie deshalb früher beenden als nötig? Eine weitere Saison unter Wucherer wäre mit nicht allzu niedriger Wahrscheinlichkeit eine weitere Saison ohne akute Abstiegssorgen. Das Scouting des 123-fachen Nationalspielers war so brillant, dass die Mittelhessen in allen vier Spielzeiten deutlich besser abschnitten als es der Etat ermöglicht hätte. Wucherer war seit dem Abstieg in die ProA der sportliche Erfolgsgarant für die GIESSEN 46ers. Die Vertragsverhandlungen kennen wir Außenstehenden natürlich nicht. Aber Gedanken, wie beide Seiten auch mit Wucherers Wunsch nach einem Vertrag über ein Jahr zu einer Lösung hätten finden können, gibt es. Da ist das Beispiel Nationalmannschaft. Mit Henrik Rödl agiert der zukünftige Cheftrainer bereits seit zwei Jahren an der Seite von Chris Fleming. Vielleicht hätten Verein und Trainer gemeinsam einen zweiten starken Mann aufbauen können, der mit Wucherers Philosophie seine Nachfolge in einem oder zwei Jahren antreten hätte können. Solange wäre dieser noch unerfahrene Trainer als Assistents-, NBBL- oder ProB-Trainer aktiv gewesen. Lösungen gibt es immer, wenn beide Seiten auf eine weitere Zusammenarbeit hinarbeiten.

Sicherheit oder keine Sicherheit

Und was kommt jetzt? Zur neuen Saison wird ein neuer Trainer präsentiert. Das Anforderungsprofil scheint momentan deutschsprachig, positiv eingestellt zur Förderung von Nachwuchsspielern und bereit, einen Zwei-Jahres-Vertrag zu unterzeichnen. Dazu kommt allerdings, dass er sich unter Umständen sogar mit einem etwas niedrigeren Etat auf Einkaufstour begeben muss. Es gibt Sponsoren, die ihre Zuwendung reduzieren werden. Außerdem wird auch der neue Trainer kein Großverdiener sein können. Natürlich kann die Suche ein Erfolg werden und der neue Trainer eine ebenso große Erfolgsgeschichte werden wie der 2013 auch nicht unkritisch gesehene Denis Wucherer. Allerdings sind die Voraussetzungen nicht besonders gut und mit ein wenig Pech, droht das Wort Abstiegskampf statt kontinuierlichem Kratzen an den Playoffs zurückzukehren.

„Wenn kein Angebot reinkommt, bleiben wir hier. Die Jungs sind hier in der Schule und im Sportverein. Gießen ist unser Zuhause.“

Denis Wucherer fühlt sich wohl in Gießen, kein Satz spiegelt die Verbundenheit mit der Stadt an der Lahn besser wider. Nach dem 88:84-Sieg über Bremerhaven wurde der Trainer förmlich in die Humba gezwungen. Ein Gesicht, das Bände spricht, über die bevorstehende unfreiwillige Trennung. In den Köpfen taucht ein Bild auf, das Wucherer mit seinen beiden Söhnen im März nächsten Jahres auf seinem Gießener Sofa sitzend beim BBL im Fernsehen schauend zeigt. Und gleichzeitig stehen „seine“ 46ers auf Tabellenplatz 16 und kämpfen um den Verbleib in der ersten Liga. Ein Bild, das aus Sicht aller 46ers-Fans so nicht passieren sollte.

Doch die Gefahr ist da, wenn man für das Konzept der Kontinuität auf die erfolgreiche Weiterführung der geleisteten Arbeit mit dem Erfolgstrainer verzichtet.

Kontinuität oder Kontinuität
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