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BBL

Die Ankunft

11.12.2015 || 16:11 Uhr von:
Die FRAPORT SKYLINERS sind für Jordan Theodore die fünfte Profistation in Europa. Der Weg von Englewood bis nach Frankfurt war für ihn von Anfang an kein leichter.

Die Arme sind weit vom Körper gestreckt, während Jordan Theodore selbstsicher das Parkett der FRAPORT Arena entlangläuft. „Seid ihr nicht begeistert?“, ruft die Gestik des Point Guards den Zuschauern entgegen. Die Fans antworten der Frage des Aufbauspielers mit schallendem Jubel, als sie ihre Mannschaft auf den letzten Schritten der Partie begleiten. Jeder, der blau und weiß trägt, wusste um die Bedeutung dieses Sieges. Es ging nicht um einen Pokal oder gar die Meisterschaft, einzig und allein der bittere Geschmack des letztjährigen Ausscheidens gegen jene Münchner Bayern machte diesen Moment zu einer besonderen Genugtuung.

Für Jordan Theodore war dieser Abend auf eine andere Art befriedigend. Er kannte die Fehde zwischen den Bayern und Hessen nicht, denn er war letzten April nicht in Frankfurt beim Tanz um die Meisterschaft, sondern in Frankreich im Kampf gegen den Abstieg. In diesem Spiel jedoch lief Theodore für die FRAPORT SKYLINERS auf und nicht für JL Bourg-en-Bresse – zur Freude der Mainstädter. Denn der Aufbauspieler sicherte mit seinen 14 Punkten im Schlussviertel den Hessen einen schweren Sieg und demonstrierte erneut, dass sein Platz in der besten deutschen Basketballliga berechtigt ist.

Das Wichtigste an diesem Abend stand aber nicht neben, sondern über Theodores Namen an der Anzeigetafel, nämlich der Endstand: 74:69 aus Sicht der Hausherren. Lange genug hatte Jordan seine individuellen Leistungen im Schatten der Niederlage betrachten müssen. In Frankfurt fühlte er sich zum ersten Mal in seiner professionellen Karriere als Gewinner. In den vorangegangenen vier Jahren trug Jordan meist die Rolle des Retters in der Not, der das Team vor dem Abstieg bewahren sollte. Nicht jedes Mal kam die Rettung rechtzeitig. Aber auch wenn die zahlreichen Niederlagen schmerzhaft waren, sagt Theodore, liegt die schwerste Zeit jetzt hinter ihm.

Ich habe für einige schlechte Teams gespielt, was meiner Karriere geschadet hat. Obwohl ich sehr gut gespielt habe, hat das Team verloren, und wie du weißt, mag niemand einen Verlierer. […] Ich hätte weiter für schlechte Teams in guten Ligen spielen können, ohne die Anerkennung, die mir zusteht, zu erhalten. Oder ich könnte für ein Team spielen mit wirklich guten Spielern und einem Trainer, der weiß, wie man gewinnt. […] Alle Jungs hier sind Gewinner, ich bin wahrscheinlich der einzige Verlierer des Teams, mit den meisten Niederlagen.

Höre immer auf deine Mutter

Aufgewachsen in Englewood, New Jersey gibt es für den jüngsten der drei Theodore-Brüder früh zwei Möglichkeiten: entweder Basketball oder die Straße. Um bloß nicht auf dumme Gedanken zu kommen, trifft Theodores alleinerziehende Mutter die Entscheidung für ihren jüngsten Sohn und schreibt ihn an der Patterson Catholic Highschool ein. Fern von Problemen und nah an der Familie soll die katholische Schule Theodore und seiner Karriere den richtigen Weg ebnen.

Meine Brüder gingen auf die öffentlichen Schulen in Englewood, und einer meiner Brüder brachte sich in Schwierigkeiten. Meine Mutter wollte, dass ich es raus aus Englewood schaffe und etwas aus mir mache. Sie erlaubte mir nicht, die öffentliche Schule [meines Bruders] zu besuchen, weil sie wusste, dass dort krumme Dinge vor sich gingen. Das war einer der Gründe, warum mich meine Mutter auf die Patterson Catholic [Highschool] schickte, weil es gut für den Basketball war und mich aus Problemen heraushielt. Ich habe fiel dort gelernt, besonders Disziplin.

An der Seite von AAU Teamkollegen Kemba Walker, Durand Scott (Miami University) und Darryl „Truck“ Bryant (West Virginia) wächst Theodore zum Lokalhelden heran. Der Junge aus Englewood und sein Talent sind bald nicht mehr nur in New Jersey bekannt. In seinem letzten Jahr an der Highschool wird Theodore zu allen renommierten Camps eingeladen (LeBron James Skills Academy, Steve Nash Top 20 Point Guards) und verdient sich einen Platz unter den besten 100 Talenten Amerikas. Die einzige Frage, die sich kurz vor Jordans Abschluss stellt, ist, was nach der Highschool kommt?

Ich habe es geliebt, zu Hause bleiben zu können, weil ich ein großer Familienmensch bin. Für mich war es extrem wichtig, dass meine Großeltern, Brüder und Freunde zu meinen Spielen kommen konnten. Als Junge bin ich dank des Basketballs viel durch die Vereinigten Staaten gereist, aber ich wollte immer wieder zurück nach Hause.

Seton Hall war auf meinem Radar, aber ich hatte [die Universität] erst nach meinem zweiten Jahr an der Highschool wahrgenommen. Als all die Stipendien der großen Teams ankamen, fragte ich mich, ob ich wirklich derart weit wegziehen wollte, von zu Hause, von meiner Mutter, um Basketball zu spielen.

Es war dennoch eine harte Entscheidung, aber ich entschied mich für Seton Hall. Ich denke, im Nachhinein war es eine gute Entscheidung, [in New Jersey] zu bleiben, weil es mir früh gezeigt hat, wer meine Freunde sind und von wem ich mich fernhalten musste.

Manchmal kann nämlich zu Hause bleiben schlecht sein. Du bist der Star, die Stadt liebt dich, aber sie erwartet auch viel von dir. Mit den hohen Erwartungen war es schwer, das erste Jahr klarzukommen. Ich versuchte, meinen Weg in der Big East Conference zu finden, während ich gegen Teams wie Syracuse mit Jonny Flynn, UConn und Pittsburg spielte.

Die ersten Lehrjahre

Abseits der One-And-Done-Phänomene gibt es eine ungeschriebene Regel unter Collegeatlethen: Verliere niemals deinen Platz an einen Neuling. Eugene Harvey, der Starting-Point-Guard der Seton Hall Pirates, machte Theodore schnell mit jener Regel vertraut. Die Backup-Rolle hinter einem der besten Aufbauspieler der Big Eastern Conference entsprach zwar nicht den Erwartungen von Theodore, doch Coach Boby Gonzales ließ seinem Freshman zu Beginn keine Wahl.

Von der Bank kommend, stand Theodore etwas über 20 Minuten in seinen ersten zwei Jahren (2008-2010) für Seton Hall auf dem Parkett. Die erst Zeit am College erwies sich damit für Jordan, wie für die meisten Highschool-Absolventen, als Reifeprozess. Doch der große Umbruch stand dem Point Guard noch bevor. Zu Beginn von Theodores Junior-Saison an der Seton Hall University saß ein neuer Übungsleiter auf der Bank der Piraten – Kevin Willard. Für Jordan Theodore hätte der Trainerwechsel scheinbar nicht ungünstiger kommen können. Hinter den eigenen Erwartungen zurückliegend, überkamen Theodore Zweifel über seine Zukunft in Seton Hall.

Ich wusste nicht, was ich erwarten sollte, und um ehrlich zu sein, dachte ich daran, Seton Hall zu verlassen. Wir hatten plötzlich diesen neuen Trainer, von dem ich vorher kaum etwas gehört habe, und ich wusste nicht, was mit mir geschehen würde. Dann traf ich Kevin Willard, wir redeten und mir wurde klar, ich muss bleiben. Willard hat selbst in der Big East für Pittsburg gespielt und kannte das Spiel und die Confernce, dazu ist sein Vater Ralph Willard ein legendärer Trainer.

Auch wenn die ersten Spiele unter dem neuen Regime von Kevin Willard und Assistenztrainer Shaheen Holloway für Theodore eine erneute Umstellung erforderten, erwies sich der Trainerwechsel als Segen. Jordan wusste, sich weiterhin in jeder Spielzeit zu verbessern, und führte zum Schluss als Senior sein Team zu 21 Siegen und in die zweite Runde des National-Invitation-Turniers – das beste Ergebnis seit acht Jahren für Seton Hall. Nach vier turbulenten Jahren war das Kapitel College für Jordan Theodore dann denonoch abgeschlossen. Was folgte, war Schicksal.

Der Sprung über den Teich

Ich habe bei einigen NBA-Teams vorgespielt, und alle meine Workouts liefen gut, aber ich glaube, ich war bestimmt, in Europa zu spielen. Natürlich träumt jedes Kind davon, in der NBA zu spielen, aber ich wollte schon immer die Welt sehen. Ich wollte über den Teich springen, neue Länder, neue Kulturen kennenlernen und dabei Basketball spielen. Ich sage meiner Familie immer, dass ich überall in den Vereinigten Staaten war, aber die Welt ist so viel größer und ich will andere Orte sehen.

Die erste Anlaufstelle in Jordan Theodores professioneller Karriere war keine geringer als die wahrscheinlich beste Basketballliga außerhalb der USA – die Turkish Basketball Super League. Theodore ging als Rookie für Antalya BSB auf Korbjagd und sah sich in der Spielzeit 2012/13 einigen Freunden und alten Weggefährten auf dem Parkett gegenüber, einer davon war Bo McCalebb. An das erste Duell gegen seinen „großen Bruder“ erinnert sich Theodore noch deutlich.

In meinem ersten Jahr in der Türkei fühlte ich mich wie Bos kleiner Bruder. Ich kam in die Liga und dachte, ich könnte mithalten, obwohl ich ein Rookie war. Deswegen habe ich Bo herausgefordert und ihm, Mike Batiste, David Anderson und Romain Sato, als sie alle für Fenerbahce spielten, gesagt: „Ich schenke euch 30 Punkte ein, dazu zehn Assists und fünf Rebounds!“ Ich hatte leider keine 30 Punkte, sondern nur 27 und acht Assists, als wir gegeneinander spielten, aber dennoch schlug [Fenerbahce] uns mit 15, vielleicht 20 Punkten. All die Jungs, die ich erwähnt habe, spielten für Fenerbahce, dazu spielten in jenem Jahr Jordan Farmar und Dusko Savanovic ebenfalls in der Türkei. Als Rookie gegen dieses Kaliber spielen zu dürfen, war sehr lehrreich.

Doch genau Abende wie diese, an denen Theodore als Verlierer vom Platz gehen musste, trotz starker Einzelleistung, waren der Grund für Jordans Wechsel nach Frankfurt. Die Hessen waren dem Aufbauspieler bereits vorher ins Auge gesprungen, als sie im Final Four der EuroChallenge standen. Eine Erfahrung, die auch Theodore unbedingt machen wollte. Von seinem Freund Sean Armand, der letzte Saison das Trikot der SKYLINERS trug, hatte er dazu nur positives über das Team Gordon Herbert erfahren. Der Trainer der Mainstädter brauchte somit nichts weiter zu tun, als Theodore im Sommer anzurufen und nach Frankfurt zu bitten.

Ich sprach mit Coach Gordie am Telephon. Er rief mich an und sagte: „Ich möchte, dass du nach Frankfurt kommst, aber wir sind kein reicher Club.“. Ich antwortete darauf: „Coach, mir ist es ehrlich gesagt egal, wie viel ihr mir bezahlt, ich will nur gewinnen. Ich möchte besser werden und den nächsten Schritt in meiner Karriere machen, denn momentan fühle ich mich, als wäre ich steckengeblieben.“

Ich hatte vor dem Wechsel noch nie im FIBA Europe Cup, Eurocup oder in der Euroleague gespielt. Ich hatte nie die Erfahrung gemacht, auf diesem Level zu spielen, deswegen wollte ich mich selbst herausfordern. Persönlich denke ich, dass ich gut genug bin, um für eine Euroleague-Team zu spielen. Das ist die ergeizige Art, wie jeder professioneller Basketballer denke sollte, der auf dem höchsten europäischen Level spielt.

Nächster Halt, Mainhattan

Mittlerweile sind einige Wochen vergangen, seitdem Jordan Theodore in der Mainstadt angekommen ist. Das Resultat lässt sich bis dahin auf beiden Seiten sehen. Die Hessen konnten 13 ihrer letzten 14 Spiele für sich entscheiden und stehen nicht nur in der heimischen Liga, sondern auch im FIBA Europe Cup am oberen Ende der Tabelle. Theodore trägt dabei besonders als Closer seinen Anteil zum Erfolg bei, denn Trainer Gordon Herbert verlässt sich in den letzten zehn Minuten einer Partie voll und ganz auf seinen Point Guard.

Am Anfang des Spiels wollen wir eine Präsenz in der Zone etablieren. Deswegen geben wir den Ball früh zu Jo Voigtmann, Danilo, Aaron und posten Tez auf. Als erstes bringen wir diese Jungs ins Spiel, denn ich kann mir meine Würfe selbst kreieren. Ich habe kein Problem damit, nicht viele Spielzüge für mich anzusagen. Wenn aber das letzte Viertel beginnt und es darauf ankommt, möchte ich niemand anderen außer mich selbst mit dem Ball sehen.

Die starke Guard-Rotation der SKYLINERS erlaubt es Gordon Herbert, aus einem vielseitigen Spielerrepertoire an Point und Two-Guards zu wählen. Je nach Leistung und Gegner können sogar bis zu drei Guards gleichzeitig für die Hessen auflaufen, für den Rest heißt es, Platz zu nehmen. Auch wenn Theodore, wie jeder seiner Kollegen, am liebsten ununterbrochen auf dem Feld stehen würde, weiß Herbert, wann sein Aufbauspieler eine Auszeit braucht. Ob es konditionell bedingt ist oder weil Theodore zu schnell für sich selbst spielt, entgegnet er den Entscheidungen seines Trainers mit dem gleichen Vertrauen, wie Herbert es ihm gegenüber tut.

Der Coach ist fantastisch! Er stellt sicher, dass wir unseren Fokus bewahren und nicht über den Sieg von gestern nachdenken. Wir wollen dadurch schlechte Angewohnheiten vermeiden. Für uns ist es wichtig, hart zu trainieren, extra Würfe zu nehmen und an den kleinen Dinge individuell zu arbeiten, damit das Team Erfolg haben kann.

Wenn wir dann als Mannschaft auf dem Feld stehen, stellt der Trainer sicher, dass er uns nicht überlastet. Er weiß, dass sich Spieler verletzen können. Wir sind sehr oft am Reisen und spielen bis zu zwei Spiele pro Woche, deswegen lässt uns der Trainer nicht solange spielen, wie wir vielleicht wollen, damit wir unsere Pausen bekommen. 

Zur rechten Zeit, am rechten Ort

Es scheint, als hätte Jordan Theodore in Frankfurt die Anerkennung gefunden, die er seit Jahren gesucht hat. Doch trotz aller Freude über den Erfolg der vergangenen Wochen ist dem Aufbauspieler bewusst, dass die Ziele der Hessen nicht an eine Siegesserie allein angeknüpft sind. Pokale und Meisterschaften werden nicht im Winter gefeiert, sodass auch die Sektkorken erst einmal stecken bleiben müssen. Dies ist Theodore recht, er hat schon immer lieber gearbeitet als gefeiert. Denn beim Training fühlt er sich zu Hause, wie damals, als er zusammen mit seinem Bruder Linienläufe sprintete, nachts um 3 Uhr auf dem Freiplatz in Englewood.

Immer weiter nach vorne gucken und hart arbeiten, denn es zahlt sich aus. Das hier ist ein Geschenk Gottes, weil ich mich fühle, als wäre ich am richtigen Ort: Ich liebe meine Teamkollegen, die Organisation und meine Trainer. Mein Leben ist fantastsich und ohne Sorgen im Moment. Es war nicht immer so, manchmal hat man Teamkollegen oder Trainer, mit denen man sich nicht versteht, oder es gibt Probleme in der Familie. Ich habe keine Probleme, und das fängt beim Basketball an. Oftmals, wenn die Arbeit gut läuft, ist der Rest ebenso einfach. Wir gewinnen dazu viele Spiele, das hilft ebenfalls.

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