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„Jugendtrainer muss ein Jobprofil sein – so wie Investmentbanker“

20.06.2016 || 22:42 Uhr von:
Patrick Femerling hat alles gesehen: Olympische Spiele, EM- und WM-Medaillen, Euroleague-Titel. Nun gibt er seine Erfahrung an den Nachwuchs weiter. Ein Interview über diese Grundfesten des Basketballs.

Manch einer mag bei Patrick Femerling als erstes an die hochgezogenen Socken denken, doch der heutige Assistenztrainer des NBBL-Teams von ALBA BERLIN nennt eine beeindruckende sportliche Vita sein Eigen: Der ehemalige Center ist deutscher Rekordnationalspieler und der einzige deutsche Euroleague-Gewinner. Dementsprechend trat Femerling beim diesjährigen Euroleague Final Four in Berlin auch als Botschafter auf. Gelegenheit für basketball.de, mit Femerling über das Final Four an sich, seine damaligen Coaches, Smallball und über den deutschen Nachwuchsbasketball zu sprechen.

Wir treffen Femerling am Samstag, zwischen den Halbfinals und dem Endspiel, in der Fanzone am Berliner Alexanderplatz, nachdem er mit Maccabi-Legende Nikola Vujcic in der Jury eines Slam-Dunk-Wettbewerbs gesessen hatte.

basketball.de: Wer würde eigentlich einen Dunking-Contest zwischen Dir und Nikola Vujcic gewinnen?

Patrick Femerling: Boah, das ist schwer. Ich habe ja ein großes Selbstvertrauen, deswegen denke ich, dass ich den gewinnen würde – aber ich glaube, den würde keiner sehen wollen. (lacht)

Auf der One Team Session der Euroleague hast Du mit Vujcic, Theo Papaloukas, Ibrahim Kutluay und Matjaz Smodis ehemalige Teamkollegen wie Gegenspieler getroffen. Wie es ist, solche alten Haudegen wiederzusehen?

Eigentlich ist es so, dass man nie lange weg war. Im Basketball ist alles so verbunden. Man hat sich so oft gesehen, hat mit den Nationalmannschaften oder in der Euroleague gegeneinander gespielt – das ist ein wenig wie ein Klassentreffen. Das ist schon cool. Nach fünf Minuten ist das Eis gebrochen, dann quatscht jeder nur noch dummes Zeug. (lacht)

Gab es ein besonderes Erlebnis, an das Du Dich durch das Wiedersehen mit ihnen vor allem erinnert hast?

Mit Papaloukas habe ich ja zusammengespielt – in dem Jahr, als auch noch Alphonso Ford bei Olympiacos war [Saison 2001/02, Anm. d. Red.]. Das ist etwas, was in meinem Kopf bleibt – weil es mit dem tragischen Tod von Alphonso eine seltsame Wendung genommen hat.

Aber ich habe auch sehr viele schöne Erinnerungen an diese Zeit. Man muss wertschätzen, was man hat, weil es ein Privileg ist. Natürlich: Man hat dafür gearbeitet, dass man auf diesem hohen Niveau spielen kann; man hat mega viel investiert – sei es Gesundheit, Zeit, auch soziales Leben. Aber wenn man etwas gewonnen hat und etwas zurückbekommt, ist das schon viel wert.

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Du bist in Deiner Karriere zweimal im Euroleague Final Four gestanden, hast 2003 mit Barcelona den Titel gewonnen. Es stehen zwei Spiele innerhalb von drei Tagen an. Was ändert sich an der Vorbereitung; auf was kommt es besonders an?

Vorbereitung ist die ganze Saison. Kurz vor dem Euroleague Final Four etwas ganz Neues zu machen, ist meiner Meinung nach Quatsch. Es ist eine Entwicklung, die zehn Monate geht. Wenn Mannschaften lange zusammenbleiben und Kontinuität vorhanden ist, sogar zwei, drei Jahre.

Aber wenn man auf so einen Höhepunkt zuarbeitet, ist der Adrenalinpegel eh hoch. Nach den beiden Halbfinals ist die Nervosität bei beiden Mannschaften besser – man hat gespielt, gewonnen und geht ins nächste Spiel. Man wird ein wenig routinierter an die Sache rangehen. Es ist natürlich ein ganz besonderer Moment, aufs Feld zu gehen und in einem Spiel um alles zu spielen. Jeder Fehler wird bestraft – trotzdem darfst du keine Angst haben, welche zu machen.

In einem einzelnen Spiel gibt es ein Momentum. Kann es dieses Momentum auch bei einem Final Four an sich geben? CSKA Moskau hatte im Halbfinale nur geführt, Krasnodar kam am Ende aber noch mal ran. Fenerbahce rettete sich gegen Vitoria in eine Verlängerung, dominierte dort dann aber. Meinst Du, das kann ein Vorteil sein – weil das Momentum bei Fenerbahce liegt?

Es gibt bestimmt immer ein Momentum. Aber wenn beide Mannschaften gewinnen, meiner Ansicht nach auch verdient gewonnen haben, geht es immer mehr darum, wie eine Mannschaft das aufnimmt, wie die Teamchemie funktioniert, wie der Trainer die Mannschaft behandelt.

Für beide Mannschaften ist es erstmal wichtig, dass sie vor allem am Ende gut gespielt haben. Fenerbahce lief bis auf die ersten fünf Minuten – das war offensiv Weltklasse – das ganze Spiel über ein wenig hinterher. Es gibt keinen Selbstläufer. Das wird für beide Teams eine schwere Kiste. Aber beide sind so routiniert und erfahren, dass es ein großer Sport werden wird.

„Es war eine Zusammenarbeit zwischen Obradovic und Itoudis“

Das wurde er. Der berüchtigte „CSKA-Choke“ schien einzutreten, ehe sich das russische Team in die Verlängerung rettete – und dort Fenerbahce Istanbul mit 101:96 bezwang. Damit siegte auch der ehemalige Assistant Coach Dimitris Itoudis über seinen langjährigen Head Coach, Zeljko Obradovic. Eine Beziehung, die während des Final Fours in Berlin häufig thematisiert wurde.

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Erfahrung spricht auch für den Trainer. Du hast auch unter Fenerbahces Coach Zeljko Obradovic gespielt. Er ist an der Seitenlinie, wie es für Obradovics wohl der Fall zu sein scheit, mit vielen Emotionen dabei. Auf der Pressekonferenz hat man ihn aber auch mit Humor und ein wenig Selbstironie gesehen. Wie hast Du ihn in Deinen zwei Jahren bei Panathinaikos Athen erlebt?

Er ist ein sehr guter Trainer, der die Spieler auch gut lesen kann und gut verstehen kann. Natürlich ist er emotional und mit Leib und Seele dabei, was er macht. Das ist bei Sasa [Obradovic] so, das ist bei Zeljko so. Er hat ohne Ende Erfahrung und hat über etliche Jahre Euroleague-Titel gesammelt [acht innerhalb von 20 Jahren, Anm. d. Red.] – in den verschiedensten Clubs, unter den unterschiedlichsten Voraussetzungen. Das zeigt, was er für eine Qualität als Trainer hat, aber auch als Motivator, als jemand, der das Spiel, aber auch die Jungs versteht.

Auf der Gegenseite bei CSKA Moskau steht Dimitrios Itoudis, der bei Panathinaikos ja auch zwei Jahre Dein Assistant Coach war. Hat sich damals schon abgezeichnet, dass er ein guter Head Coach sein könnte, der ein Team in ein Euroleague Final Four führen kann?

Ich finde schon, dass es sich abgezeichnet, dass er ein Head Coach ist, weil er ein bestimmtes Auftreten, auch eine bestimmte Dominanz hat. Dass er das Zeug dazu hat, hat man damals schon gesehen. Es war damals auch eine wirkliche Zusammenarbeit zwischen den beiden. Natürlich war Zeljko der Head Coach, aber Itoudis hat viel Verantwortung übernommen – was von Zeljko auch so angedacht war. Und deswegen ist es auch nicht überraschend, dass er Head Coach geworden ist. Ich freue mich für ihn, dass er nach einer Saison, die nicht einfach und von Verletzungen geprägt war, im Final Four steht.

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Wenn man auf den modernen Basketball blickt, dann wird er immer kleiner. Smallball ist ein Stichwort. Wie siehst Du die Entwicklung?

Wenn du Fenerbahce anschaust, gibt es wenig Smallball. Da hast du so gut wie immer zwei 2,10-Meter-Jungs auf dem Feld, mit Ekpe Udoh und Jan Vesely zwei unfassbare Athleten noch dazu. Mit Pero Antic noch einen Großen, der das Ding von außen schießen kann. Ich glaube, die großen Spieler müssen einfach vielseitiger und auch athletischer werden – so wie das ganze Spiel auch athletischer wird. Und dann werden die [großen Jungs] auch nicht aussterben. Dass Smallball immer eine Möglichkeit ist, auch Schwächen zu kaschieren, bestimmte Rotationen zu nutzen oder keine Hilfen zuzulassen, ist natürlich auch ein legitimes Rezept. Das betrifft immer die Philosophie des Trainers. Wenn Obradovics Philosophie mit den großen Jungs nicht aufgehen würde, wären sie jetzt nicht hier.

Auf der Gegenseite bei CSKA Moskau steht mit Kyle Hines ein sehr kleiner Center in der Startformation, der unter 2,00 Meter ist. Kann diese geringe Körpergröße im modernen Basketball sogar ein Vorteil sein, weil er beispielsweise ohne Probleme das Pick-and-Roll switchen kann? Wie denkst Du über ihn?

Hines ist ein riesen Spieler. Als er in Bamberg war, habe ich noch gegen ihn gespielt. Es ist wirklich ein sehr, sehr guter Basketballer, der eigentlich nichts verlangt, aber alles gibt. Er braucht keine Systeme für sich, man muss ihm nicht 20 Blöcke stellen, damit er herauskommt. Er holt dir die Rebounds, er verteidigt von der Eins bis Fünf – auch wenn die Eins zu verteidigen natürlich nicht leicht ist. Aber er verteidigt sehr, sehr gut auf fast allen Positionen. Er ist gut in der Rotation, versteht das Spiel, weiß, wohin er sich bewegen muss, sieht die freien Leute – und kann auch den Ball selbst in den Korb legen. Er ist ein kompletter Spieler, den man meiner Meinung nach am Anfang ein wenig unterschätzt hat. Er hat einfach gezeigt – sei es bei Olympiacos oder jetzt bei CSKA –, dass er ein Top-europäischer Spieler und jede Mark wert ist.

„Das Jobprofil Jugendtrainer muss gesellschaftlich anerkannt sein“

Ortswechsel: Während am und um den Berliner Ostbahnhof sowie am Alexanderplatz das Großstadtleben pulsiert, geht es weiter nördlich in Lichtenberg beschaulicher zu. Vor den Toren des Sportforums brutzeln Bratwürste auf dem Grill, ab morgens um 9 Uhr wird in der Halle Basketball gezockt, der Eintritt ist frei – es muss sich um Nachwuchsbasketball handeln. Doch nicht irgendein Nachwuchs: Während des Euroleague Final Fours findet auch das Adidas Next Generation Tournament statt, bei dem sich die europäischen Top-Clubs unter den U18-Teams gegenüberstehen. Der FC Barcelona sollte sich im Finale gegen Roter Stern Belgrd durchsetzen.

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Mit ALBA BERLIN sind beim ANGT auch viele Deiner Schützlinge vertreten. Dazu hatte sich ALBA zum dritten Mal in Folge für das NBBL Top Four qualifiziert. Ganz salopp gefragt: Was macht ALBA in der Nachwuchsarbeit so gut?

Wir arbeiten einfach viel. Ich glaube, dass das andere Mannschaften auch machen, aber wir trainieren viel. Der Verein investiert sehr viel Zeit, sehr viel Manpower und natürlich auch Geld in unser Jugendprogramm – sei es beim Breitensport, aber natürlich auch beim Leistungssport. Und davon profitieren wir. Ich glaube, das ist auch der einzige gute Weg, um Jugendarbeit zu machen und den Basketball in Deutschland voranzutreiben: mehr Identifikationsfiguren zu schaffen, mehr Jungs zu haben, die von unten hochkommen und das als Perspektive sehen. Mit der 6+6-Regel in der BBL ist das wirklich eine Perspektive.

Sich selbst zu beweihräuchern, ist immer ein wenig schwierig, aber wir haben einfach gute Bedingungen, nutzen diese Bedingungen und geben alle unser Herzblut jeden Tag im Training. Die Jungs ackern ohne Ende. Der Zeitaufwand – Training mit Schule – ist ja fast schon Profiaufwand. Mit noch teils zwei Spielen am Wochenende und rund acht Trainingseinheiten in der Woche ist das schon eine Menge. Da muss dann natürlich auch den Jungs ein Kompliment gemacht werden, die da mitziehen. Aber wie gesagt, wir geben uns sehr viel Mühe, hoffen, dass es weitergeht und tun alles dafür, noch mehr Jungs die Möglichkeit zu geben, vielleicht den Schritt zum Profi zu machen.

Wie wichtig ist es, in die Schule zu gehen?

Total, das machen wir ja. Wir haben ganz viele Schul-AGs, Kooperationen – viele unserer Trainer sind bei Schul-AGs schon bei den ganz jungen Kids. Mit den Schul-Cups, die veranstaltet werden, in ganz Berlin und Brandenburg, hat man auch eine gute Resonanz. Das ist ein relativ weites Spektrum.

Ich hatte kürzlich mit Henrik Rödl auch über den Nachwuchsbasketball gesprochen. Er meinte, dass es auch wichtig sei, den Trainern eine Perspektive zu bieten. Dass Jugendtrainer sehen, dass sie damit etwas machen können. Denkst Du auch, dass hierbei noch Handlungsbedarf besteht, um den Nachwuchsbasketball wirklich voranzubringen?

Jugendtrainer muss ein Jobprofil sein – so wie Investmentbanker. Es ist ja oft so, wenn man jemandem sagt, „ich bin Trainer“, kommt die Frage zurück, „Und was arbeitest du?“. Und dann antwortet man, „Ne, ich bin sieben Tage die Woche in der Halle, arbeite 200 Stunden den Monat, fahre durchs Land und gebe mein Herzblut.“ Das muss ein Jobprofil sein, das anerkennt sein muss, auch gesellschaftlich, und das auch für viele Vereine geschaffen werden muss, meiner Ansicht nach.

Es gibt viele gute Trainer da draußen, viele Leute, die sich engagieren wollen – aber vielleicht es nicht können, weil sie nebenbei noch ein ganz „normales“ Leben leben müssen. Und deswegen ist es auch ein Privileg, wenn man einen Job bei ALBA BERLIN hat, als Jungendtrainer im Leistungssport – das fördert auch eine Bereitschaft, alles zu geben.

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