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„Es sind Freundschaften entstanden, die weit über die Saison hinausgehen“

02.06.2017 || 15:48 Uhr von:
Am Free Friday gibt es ein sehr freies Interview, das querbeet von den vier Jahren Gießen über die BBL-Playoffs bis hin zu seiner Trainerlaufbahn ein Bild von Denis Wucherer nachzeichnet.

Ein heißer Nachmittag und ein schattiges Plätzchen an einem Sportplatz war die Kulisse für das große Abschiedsinterview mit Denis Wucherer. Nach vier erfolgreichen Jahren verlässt der Allstar-Trainer der Saison 2015/16 die GIESSEN 46ers. Am Free Friday gibt es dieses freie Interview, das mehr ein Gespräch war, als ein klassisches Frage-Antwort-Spiel. Im Gespräch mit dem EM-Silbermedaillen-Gewinner von 2005 reichten Stichworte schon aus und Wucherer kam ins Erzählen. Vielleicht sind nicht immer alle ursprünglichen Fragen genau beantwortet, aber das macht gar nichts. Dieses Gespräch zeichnet gerade deshalb ein klares Bild des Trainers Denis Wucherer.

 

basketball.de: Die Saison ist für euch seit vier Wochen vorbei. Hast du die Saison schon Revue passieren lassen und verarbeitet?

Denis Wucherer: Es ist schon vier Wochen her, verrückt. So viel zu verarbeiten gibt’s da nicht. Das ist so ein Prozess über neun Monate, und täglich setzt du dich mit der Arbeit, mit dem Team, mit deinen Mitarbeitern und Spielern auseinander. Du bist täglich am doktern, wie es in die richtige Richtung gehen kann. Wenn dann wirklich das letzte Spiel gekommen ist, ist es nicht unbedingt so, dass man alles nochmal durchgehen muss. Wir sind es ja jeden Tag durchgegangen und haben mit gutem Gewissen die Entscheidung getroffen, die wir getroffen haben. Da gibt’s jetzt also nichts zu verarbeiten im Sinne von was hätte man wie, wo besser machen können. Da ist dann erstmal eher eine Leere, weil nichts mehr zu tun ist.

Wenn du jetzt an die Saison zurückdenkst, was ist dein Highlight? Oder gab es ein Spiel, an das du sehr positiv zurückdenkst?

Da waren schon ein paar dabei. Das erste Auswärtsspiel, das wir in Würzburg gewonnen haben, nachdem wir da letztes Jahr noch knapp verloren haben mit Verlängerung. Am Ende war es auch das Spiel, das die Playoffs so ein wenig entschieden hat. Das war wichtig, ein Signal für uns zu wissen, wir sind stabil genug, wir sind erwachsen genug. Was ja auch dazu geführt hat, dass wir dann in der Vorrunde auswärts viele Spiele gewonnen haben. Das war wichtig.

Aber auch das Spiel zuhause gegen Frankfurt, nach vielen Jahren haben wir endlich mal wieder gegen den hessischen Rivalen gewonnen. Das war wichtig für die Fans und für die Stadt, das hat man gespürt. Aber auch die knappen Dinger zuhause gegen Bamberg und Bayern und die beiden Siege gegen Oldenburg. Da war eine Menge dabei, das Spaß gemacht hat an Siegen, aber auch an Spielen, wo plötzlich der ein oder andere Spieler seinen Teil dazu beigetragen hat. Ob das jetzt der letzte Dreier von Marco Völler in Jena zum Beispiel war. Da freust du dich für den Jungen, der jeden Tag in die Halle kommt und extrem hart arbeitet.

Oder die Art und Weise wie Cameron Wells die ersten Monate gespielt und das Team getragen hat. Nachdem er der einzige aus dem letzten Jahr war, der den Absprung noch nicht geschafft hatte. Oder ein Skyler Bowlin, der plötzlich auch in Jena ein herausragendes Spiel gemacht hat. Auch von den Punkten her, nachdem er vorher mehr als Passgeber und Verteidiger aufgefallen ist. Da war eine Menge dabei, wo du dich persönlich für die verschiedenen Spieler und auch die Mannschaft gefreut hast, dass sie sich da einfach so gut präsentieren.

Du hast die Spieler persönlich angesprochen. Gab es da in dieser Saison eine Entwicklung, die euch als Trainerstab überrascht oder positiv begeistert hat?

Ich glaube, dass Cameron fitter aus dem Sommer kam denn je. Er hatte nochmal deutlich mehr Selbstvertrauen in seinen Körper, in sein Knie, dass alles hält und gesund ist. Das hat man ihm vom ersten Training an angemerkt. Dann ist er wirklich mit breiter Brust vorausmarschiert. In den ersten Wochen hat er gefühlt im letzten Viertel keinen Wurf vorbeigemacht. Immer wenn es gerade wichtig war, war er da und hat uns die Spiele nach Hause gefahren. Gemeinsam mit Thommy Scrubb, von dem wir wussten, dass er eine perfekte Verpflichtung war. Die Kombination war in der ersten Saisonhälfte schon stark und hat uns so ein bisschen das Gefühl gegeben, dass wir wieder mit dem Abstieg nichts zu tun haben werden und wieder irgendwie an den Playoffs kratzen können. Das war nach der tollen ersten Saison ja nicht so zu erwarten.

Am Ende hat es wieder nicht ganz gereicht mit den Playoffs. Gibt es da Spiele oder Momente, die für dich den Ausschlag gegeben haben?

Ich glaube, in der ersten Saisonhälfte hätten wir einen Großen zuhause schlagen müssen. Das ist uns im letzten Jahr geglückt mit Bamberg. Ich glaube, das hat uns gefehlt dieses Jahr. Wir waren gegen Bamberg, München und auch Ulm nah dran, aber es hat halt nicht gereicht. Aber auch in Ludwigsburg und in Berlin war es richtig knapp. Einen der Großen hätten wir neben Oldenburg, die uns dieses Jahr gelegen haben, noch schlagen müssen. Ich glaube, dann hätte das auch geklappt. Ansonsten war es der Anruf vom Physiotherapeuten Lukas Lai, dass die Kniegschichte von Dwayne Evans gut drei Wochen vor Ende der Saison doch massiver ist als erwartet. Und im Unterton war herauszuhören, das wird wahrscheinlich nichts mehr. Er hatte wochenlang auf die Zähe gebissen, da geht jetzt nichts mehr. Da war dann klar, das wird auch für uns nichts mehr. Da werden wir zuhause gegen Bonn nicht mehr gewinnen können, da werden wir in Bayreuth nicht gewinnen können und in München schon gar nicht. Da war dann die Luft so ein bisschen raus. Bis dahin war ja alles gut.

Der Spielplan war an den letzten vier Spieltagen von vornherein ja schon richtig schwer.

Ja, aber Bayreuth und Bonn zuhause, da hat man vielleicht eine Chance wenn es so gut läuft und wir fit sind, vor allem mit Dwayne Evans. Aber da war dann wirklich klar: Thommy Scrubb eine halbe Saison intern grandios aufgefangen, weil jeder etwas mehr gemacht hat. Das ging schon an die Substanz, aber dann noch Dwayne Evans, wer solls machen?

Die Verletzung von Thommy konnten Dwayne und Andi Obst für sich nutzen. Man hat gemerkt, dass sie mit mehr Verantwortung und Spielzeit aufgeblüht sind. Wie schwierig war das Jahr mit Andi, der ja nach der U20-Europameisterschaft kaum Sommerpause hatte?

Wir haben versucht ihn nicht zu viel zu belasten. Für ihn war es wichtig früh bei der Mannschaft zu sein. Er hätte rein theoretisch noch bei der Nationalmannschaft reinschnuppern können. Aber er wollte von Anfang an bei der Mannschaft sein, da er wusste, es wird ein wichtiges Jahr für ihn. Er hatte aber so eine Verletzung mitgebracht, die er schon im letzten Jahr in Baunach und Bamberg hatte, die war über den Sommer so ein bisschen verschleppt und die haben wir irgendwie versucht in den Griff zu bekommen. Das haben wir aber auch nicht so richtig geschafft.

Dementsprechend war seine Leistung etwas schwankend am Anfang. Gerade gegen München und Bamberg hatte er ein paar ganz offene Dreier, die waren eigentlich schon drin und sind dann nochmal rausgerollt. Da hätten a) wir das ein oder andere Spiel gewinnen können und b) hätte es seine Saison von Anfang an in eine andere Richtung leiten können. So, witzigerweise, hat er dann die Verletzungspause genutzt, um hart an seinem Oberkörper zu arbeiten und stabiler zu werden. Er kam dann stärker zurück als er zuvor war und hat dann auch im letzten Drittel der Saison sehr, sehr stark für uns gespielt. Natürlich auch sein Dreier gegen Würzburg war so eine Situation. Generell dieser Angriff, wie der gelaufen ist, ist ein Moment, den man als Coach nur schwer vergisst.

Allgemein wirkt es so, als könntest du noch zu jedem Spiel was sagen. Sind die Spiele jetzt wirklich alle noch präsent?

Ja, die sind noch präsent. Dadurch, dass wir den Gegner immer wieder sehr penibel vorbereiten, Stärken, Schwächen und viel individuell, ist der Gegner doch sehr intensiv. Über drei Tage Vorbereitung und Spieltag plus nochmal Nachschau, wenn man sich das Spiel nochmal anschaut, bleibt dann doch irgendwo viel hängen. Insofern denke ich, ich könnte irgendwie über jedes Spiel nochmal genau sagen, wo wer gut war und was dann die Entscheidung ausgemacht hat oder den Run eingeleitet hat, der dann dafür verantwortlich war, ob wir am Ende gewonnen oder verloren haben.

Das klingt nach viel Arbeit. Wie viel Zeit bleibt dir da eigentlich noch, andere Spiele zu gucken? Du hast in einem anderen Interview erzählt, dass du so oft wie möglich EuroLeague-Spiele guckst.

Diese EuroLeague, gerade so wie Bamberg sich vor allem in der Hinserie, bis es dann so nach 20 Spielen halbwegs entschieden war, präsentiert hat, das waren schon Festabende. Da habe ich mich immer richtig drauf gefreut, auf den Donnerstag- oder Freitagabend. Denn der Gegner ist vorbereitet, der Gegner ist analysiert und die Trainings stehen. Dann war das mal so ein Abschalten: Was wird eigentlich auf dem Level gemacht? Bamberg, die kennst du dann irgendwann in und auswendig, aber auch da wird sich weiterentwickelt. Ein Playbook ist ja auch etwas, das sich im Laufe der Saison entwickelt. Das steht ja im Regelfall nicht still. Bei manchen schon, aber bei vielen modernen, guten Coaches geht es immer weiter. Und auch da kann man sich natürlich auch so ein bisschen mitentwickeln. Was macht da Real Madrid, wie spielt Fenerbahce, das sind schon Sachen, die du dann quasi in Zeitlupe guckst und immer wieder zurückspulst und nochmal guckst: Was war das denn? Wieso das? Offensiv und defensiv kannst du eine Menge mitnehmen, wenn du dir das auf höchstem Niveau anguckst. Ich kann es nicht durchlaufen lassen, das Ding ist immer auf Stop. Was war das? Wie wird das verteidigt? Warum hat das geklappt? Da kannst du einfach viel lernen von den besten Coaches Europas. Das hat mir immer besonders viel Spaß gemacht.

Gab es dann auch Plays von Real Madrid oder Fenerbahce, die du in das Playbook von deinem Team integriert hast?

Ja, natürlich. Ich gucke auch im EuroLeague-Final Four und in den Playoffs mir genau an, was sind Plays, die in Bayreuth funktionieren oder welche sind es, auf die Bamberg in der zweiten Halbzeit setzt. Was sind die, wo sich die Spieler und die Mannschaft wohl fühlen. Da gucke ich natürlich auch, welche Mannschaft spielt einen ähnlichen Stil wie wir. Welche Mannschaft hat eben auch drei Guards, spielt relativ klein und relativ beweglich, da sie keine großen Brecher hat, die teuer sind und müssen dort improvisieren. Da ist auch Bamberg schon ein Vorbild, auch mit Plays, die ich so ein bisschen auf uns adaptiert habe.

Stefan Koch, Denis Wucherer

Ist es für dich dann jetzt eigentlich eher Erholung, wenn du bei Telekom Basketball als Experte Spiele kommentierst?

Es könnte Erholung sein, wenn ich da einfach hinfahren würde und mich einfach hinsetze. Aber das ist nicht mein Anspruch. Ich bereite mich da vor. Zum Beispiel München gegen Bamberg, da gucke ich mir die reguläre Saison an, gucke mir die Statistiken von den Spielen an, wo sie gegeneinander gespielt haben. Da gucke ich mir die erste Playoffrunde an, was hat sich verändert von der Hauptrunde zu den Playoffs. Damit du dann auch das, was du siehst und was du weißt, mit Zahlen belegen kannst. Das ist schon intensiv. 95 Prozent von dem, was du dir da raussuchst, wird nie benutzt, weil du nicht dazukommst. Vor allem, wenn du mit Stefan Koch arbeitest, der weiß alles.

Aber nichtsdestotrotz geh ich ungern unvorbereitet da rein und setz mich hin und kommentiere das so von der Couch runter. Ich versuche das schon so gut ich kann zu machen, in der Hoffnung, dass man dann auch merkt, dass das da nicht nur ein Experte ist, weil er irgendwie was mit dem Metier Basketball zu tun hat, sondern weil er da fundiertes Wissen hat. Als ich noch Kommentator war bei sportdigital, da konnte ich das noch viel mehr einbringen. Jetzt bin ich darauf angewiesen, dass mich der Kommentator ins Spiel bringt, dann kann ich das so ein bisschen einbringen. Auch da geht’s ja nicht darum, irgendwelche Geheimnisse zu verraten. Da geht es darum, es so zu machen, dass auch die meisten Zuschauer damit etwas anfangen können.

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