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„Woche für Woche kneife ich mich“

16.03.2018 || 07:07 Uhr von:
Science City Jenas Trainer Björn Harmsen spricht im Interview über Kreativität, Selbstzweifel, die Arbeit mit Allen, Jenkins und McElroy sowie Einflüsse von Obradovic, Scariolo und Trinchieri.

basketball.de: Das zweite Jahr für einen Aufsteiger ist das schwierigste, sagt man oft. Nun hattet ihr nach 23 Spieltagen bereits neun Saisonsiege eingefahren, zwei weniger als in der gesamten vergangenen Spielzeit – in der ihr den Klassenerhalt relativ frühzeitig perfekt gemacht habt. Warum verläuft dieses zweite Jahr nicht so schwierig?

Björn Harmsen: Wenn du als „normaler“ Aufsteiger in die Liga kommst, als Mannschaft mit kleinem Budget, und ein gutes erstes Jahr spielt, ist es meistens so, dass deine besten Spieler weggehen. Weil du sie finanziell nicht halten kannst. Dann musst du dich neu orientieren. Das ist der Hauptgrund, warum man sagt, das zweite Jahr sei das schwierigste.

Der zweite Punkt ist: Als Aufsteiger nehmen dich manche Teams nicht ganz so ernst. Wenn du ein ganz gutes erstes Jahr gespielt hast, wirst du natürlich anders betrachtet.

Ich glaube, bei uns ist es dieses Jahr nicht so schwierig, weil wir den großen Stamm der Mannschaft halten konnten. Das hat natürlich auch ein wenig mit den älteren Jungs zu tun. Auch wenn sie ein gutes Jahr gespielt haben, sieht ein großer Club davon ab, sie zu verpflichten – weil er die Restriktion des Alters sieht.

Für das größte Aufsehen habt ihr sicherlich Mitte Februar mit dem 85:68-Erfolg über Bamberg gesorgt …

Vor allem mit dem, was hinten dran passiert ist. (schmunzelt)

Da du es ansprichst: Welche Meinung hast du zu den Geschehnissen in Bamberg um die Entlassung von Andrea Trinchieri?

Generell halte ich mich mit Meinungen sehr zurück. Ich kenne das Gefüge nicht. Ich beschäftige mich mit den Mannschaften, wenn wir gegen sie spielen. Ich kann aber kein einziges Training sehen. Ich kenne die meisten Trainer nur vom gegen sie spielen. Deswegen fällt es mir schwer, eine Einschätzung zu treffen.

Generell ist es das Gesetz des Sports: Wenn es nicht läuft, musst du als Trainer gehen. Wahrscheinlich, das ist eine Mutmaßung, hat Trinchieri auch die Situation mit seiner operierten Schulter zu schaffen gemacht. Aber ich glaube, Andrea ist ein unglaublich guter Trainer.

„Pavicevic und Trinchieri haben die BBL in der Offensive am stärksten beeinflusst“

Aus basketballerischen Sicht: Wenn man die vergangenen drei Jahre des Bamberger Basketballs betrachtet, war es für mich erstmal schade, dass dieser Trainer die Liga verlässt.

Was man sagen kann: Trinchieri hatte einen unglaublichen Einfluss auf die Liga. Ich glaube, es gab in der offensiven Spielweise des deutschen Basketballs in den letzten rund 15 Jahren zwei Einschneidungen: die eine, als Luka Pavicevic 2007 in die Liga gekommen ist. Früher wurde das Pick&Roll nur gespielt, damit der große Spieler einen Block setzt und der kleine Spieler wirft. Insbesondere am Ende der Wurfuhr. Mit Pavicevic kam das Pick&Roll als Hautspielzug in die Liga, mit großer Raumaufteilung und gutem Spacing. Er hat der Liga viel Input bezüglich der taktischen Spielweise gegeben. Viele Mannschaften haben das sowie einige seiner Spielzüge übernommen.

Das gleiche bei Trinchieri. Als er in die Liga kam, gab es auch eine bestimmte Art und Weise zu spielen. Trinchieri hat ganz andere, neue Elemente hereingebracht – und diese werden jetzt bei ganz vielen anderen Mannschaften gespielt. Diese beiden Trainer haben die Liga in den letzten Jahren am stärksten beeinflusst, was die Offensive betrifft. Zudem hat Svetislav Pesic in der Defensive durch Aggressivität die Akzente gesetzt. Bei ihm hatte ich 2011 in Valencia hospitieren dürfen.

Um auf das Spiel gegen Bamberg zurückzukommen: Wie ausschlaggebend für den Erfolg ist in deinen Augen der richtige Gameplan, gerade für einen Club mit kleinerem Etat?

Die Grundidee ist, schnell und mit hoher Intensität vor allem in der Verteidigung zu spielen. Dieses Jahr haben wir viele Verletzungsprobleme gehabt, die wir letztes Jahr nicht hatten. Dadurch hatten wir in vielen Spielen eine kleine Rotation und konnten nicht so spielen wie wir wollten. Ich weiß nicht, ob es generell so ist, aber ich habe den Eindruck, dass bei unseren Spielen deutlich kleinlicher gepfiffen wird. So können wir die Aggressivität in der Verteidigung oftmals gar nicht so aufbauen, wie wir es wollen.

Ansonsten ist meine Grundidee immer, eine Mannschaft zu haben, die gerne zusammenspielt – das ist Grundlage, um guten Basketball zu spielen. Zumindest als Club mit wenig finanziellen Möglichkeiten. Wir haben in der ProA drei Jahre gebraucht, um eine Mannschaft zusammenzustellen, die menschlich und qualitativ so zusammenpasst, dass wir die Meisterschaft geholt haben.

Durch den Aufstieg musstest du wieder viel verändern, weil die Qualität der ersten Liga einfach deutlich höher ist. Mit Marcos Knight hatten wir letztes Jahr Glück, dass er so überragend gespielt hat. Wir hatten auch zwei, drei andere Spieler, die vielleicht nicht so gut reingepasst haben. Das konnten wir dieses Jahr wieder ganz gut verändern, sodass es von der menschlichen Seite eigentlich perfekt ist. Ich glaube, das merkst du auch an unserem Spiel.

Die Bamberger haben von ihrer Defensive uns auch viel spielen lassen. Wir hatten eine tolle Ballbewegung, die Spaß gemacht hat. Das ist immer mein Grundansatz.

Was gegen Bamberg sehr gut funktionierte: das Pick&Roll mit Derrick Allen. Er slippte oft das Pick&Roll, auf der Weakside tauschten zwei Spieler die Positionen oder sie stellten sich einen Block. Was macht euer Spiel mit Allen als Roll-Man so stark?

Als Luka Pavicevic Berlin trainiert hat, waren Julius Jenkins, Immanuel McElroy und Derrick Allen dort zusammen. Das war Pick&Roll zur Perfektion. Zum einen mit Sicherheit, weil sie das so trainiert haben. Zum anderen, weil du mit Derrick Allen einen Spieler hattest, der extrem schnell rollen kann und der eine unglaubliche Geschwindigkeit aufbaut. Dazu mit McElroy einen Spieler, der ein sehr guter Passer ist. Und mit Jenkins einen, der ein sehr guter Scorer ist.

Wir werfen relativ gut von der Dreierlinie und haben in der Liga mit die meisten Treffer pro Spiel. Das führt natürlich dazu, dass viele Mannschaften versuchen, die Außenspieler wegzunehmen. Dadurch kann der Rollende frei werden – gerade durch die Weakside-Aktion. Natürlich kannst du nicht immer das gleiche spielen, weil sich die Verteidigung anpasst. Wir haben ungefähr 30 Spielzüge. Wenn du die gut mischst und variierst, dann kannst du einen guten Überraschungsmoment haben.

In deinem ersten Jahr als Head Coach in der BBL 2007/08 waren Allen, Jenkins und McElroy schon in der Liga: Allen in Frankfurt, Jenkins und McElroy in Berlin. Kannst du dich erinnern, was du bei der Vorbereitung auf Spiele gegen die Drei gedacht hast?

Ich war ein Riesen-Fan von ihnen. Insbesondere von Jenkins und McElroy, weil sie schon früher bei ALBA waren als Derrick – und weil ALBA damals die dominante Mannschaft war. Nicht nur, indem was sie erreicht, sondern auch in der Art und Weise, wie sie gespielt haben. Sie haben in der Offensive einfach wunderschönen Basketball gespielt. Und dadurch, dass ihre Spielweise so neu war, haben sie die Mannschaften dominiert. Gerade mit Jenkins, der ein unglaublich ästhetischer Spieler ist – davon war ich Riesen-Fan.

Von Derrick war ich immer beeindruckt. In Frankfurt hat er nicht so viel Pick&Roll, sondern mehr im Post gespielt und Fadeaway-Würfe im Short Corner genommen. Für mich war es damals ganz weit weg, solche Spieler zu trainieren.

Als die SMS von „Mac“s Agenten im Sommer 2015 kam, ob ich mir vorstellen könnte, dass „Mac“ bei uns spielt, glaubte ich erst, der will mich verarschen. „Mac“ hat in der BBL alles erreicht. Er hat vier Kinder und ist jemand, der immer auf Sicherheit geschaut hat, also recht frühzeitig einen Job zu haben. Und wenn möglich, auch längerfristig. Ich glaube, es gab zu dem Zeitpunkt in der BBL keinen Club, der „Mac“ im Mai oder Juni einen Zwei-Jahres-Vertrag anbieten wollte. Dann hat „Mac“ gesagt: ,Mir ist egal, ob es ProA ist – Hauptsache, ich habe einen Zwei-Jahres-Vertrag in Deutschland.’ Dann haben wir das relativ schnell hinbekommen. Im Nachhinein muss man sagen, dass es die Verpflichtung war, um die Meisterschaft zu holen. Was der Typ bis heute alles gibt, jeden Tag im Training, das ist unglaublich.

Ich habe mal gesagt: Solange die „drei Alten“ für uns spielen, werden wir auch nicht absteigen – davon bin ich überzeugt. Weil sie eine Professionalität und immer noch so einen Ehrgeiz mitbringen, dass sie das nie geschehen lassen würden. Woche für Woche, um auf die Frage zurückzukommen, kneife ich mich und sage mir nur: wow!

Es ist immer noch so, dass du dich kneifen musst?

Ja. Es findet mit allem ja so eine Selbstverständlichkeit statt. Als ich jung als Trainer angefangen habe, war mein erstes Trainingsgehalt 300 Euro im Monat. 150 Euro habe ich für Miete ausgegeben, 150 Euro hatte ich zum Leben. Dann ist dein Lebensstandard natürlich relativ gering. Der ist jetzt natürlich ganz anders. Du gewöhnst dich daran, es nimmt eine Selbstverständlichkeit an. Und so ist es mit allen Dingen im Leben. Man muss sich immer mal wieder bewusst machen, wie gut es einem eigentlich geht. So ist es auch mit den drei Jungs. (lacht)

„Aus Spaß sage ich zu Allen, Jenkins und Mac immer: ,Wenn ihr aufhört, höre ich auch auf’“

Du meintest vorhin, du hättest dir nie vorstellen können, sie zu coachen. Jetzt coachst du sie.

Es ist noch schöner als die Vorstellung. Für Derrick was es richtig hart, letztes Jahr in Vechta abzusteigen und so wenige Spiele zu gewinnen – weil er so unglaublich gewinnen will. Auch für „Mac“ und Julius. Gerade für Julius, der immer von Top-Vereinen kam und um Titel gespielt hat. Dann kommst du nach Jena und wirst anders behandelt, weil du für Jena spielst. Jenkins kriegt nicht die gleichen Pfiffe wie wenn er für Oldenburg oder Bamberg gespielt hat. Das musst du einem Spieler erstmal erklären. Da ist die Frustration relativ hoch, weil er natürlich einen gewissen Standard gewöhnt ist.

Aber er sieht, dass der Verein versucht, mit seinen Mitteln sehr professionell zu arbeiten. Dass wir als Trainerstab einen relativ hohen Anspruch haben. Wenn er das sieht und Respekt bekommt, dann gibt er das auch zu 100 Prozent zurück. Das ist wirklich ein Privileg. Aus Spaß sage ich immer zu ihnen: ,Wenn ihr aufhört, dann höre ich auch auf – weil dann macht das keinen Sinn mehr.’ (schmunzelt)

Inwieweit ist die Arbeit mit solch erfahrenen Spielern eine Herausforderung für dich als Coach – weil sie als Spieler schon so vieles gesehen haben und auch herausgefordert werden wollen?

Das zeichnet Spieler auf hohem Niveau aus: dass sie Dinge, die du ihnen als Trainer sagst, bestmöglich umsetzen. Neue Sachen setzen sie perfekt um, wenn sie natürlich auch sehen, dass es einen Sinn dahinter gibt. Genauso ist es auch mit altbewährten Dingen. Dadurch, dass sie so eine Erfahrung haben, können sie die Dinge viel besser ausführen, weil sie sie schon mal erlebt haben. Im Basketball kannst du nichts neu erfinden, es gibt ja eigentlich alles.

Warriors-Coach Steve Kerr hatte Mitte Februar beim Spiel gegen die Phoenix Suns seine Spieler coachen lassen. Unter anderem haben sie in den Auszeiten die Spielzüge bestimmt. Welcher deiner erfahrenen Spieler würde in solch einer Situation das beste Play aufzeichnen?

Gute Frage. Ich fand das einen interessanten Ansatz. Die Begründung von Steve Kerr war auch sehr plausibel. Man muss es auch banal sehen: Das Spiel war für sie ein Blowout, da kannst du natürlich etwas ausprobieren, was du sonst nicht machst. Ich würde das auch mal gerne machen. Ich glaube, Jenkins würde das bei uns tun. Er ist der Spieler, der offensiv wohl am meisten gesehen hat und vielleicht auch das höchste Verständnis mitbringt.

„Woche für Woche kneife ich mich“
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