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Eine Frage des Vertrauens

09.04.2017 || 15:01 Uhr von:
Vertrauen, Obst, Gießen 46ers
Gießen gegen Würzburg bedeutet immer spannende Spiele. Diesmal sicherte Andi Obst per Gamewinner den 22-Punkte-Comeback-Sieg der 46ers. In diesem Spiel drehte sich viel um Vertrauen.

Basketball ist ein Spiel mit vielen Facetten. Es geht um Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit, Technik, Reaktionen und Entscheidungen. Bei dieser filigranen Sportart, bei der winzige Änderungen schon das Spiel großartig beeinflussen können, ist die Psyche ganz wichtig. Es geht um Vertrauen in sich selbst, in das Vermögen des Teams und in die einzelnen (Mit-)Spieler. Das Duell Gießen gegen Würzburg zeigte es bei Gießens 77:74-Comeback-Sieg wieder einmal in Perfektion.

Von Sieger- und Verlierer-Teams

Gießen kam nicht wirklich „gameready“ ins Spiel. Nach dem ersten Abtasten übernahmen die Gäste aus Würzburg das Ruder. Die Franken waren wacher, trafen die besseren Entscheidungen und schienen das Spiel unter Kontrolle zu haben. Von 10:11 ging es auf 10:30 in wenigen Minuten. Würzburg wirkte wie ein Team voller Selbstvertrauen und hatte auf Gießens Stiche bis Mitte des dritten Viertels immer wieder eine Antwort. Gerade in der ersten Halbzeit stand die Würzburger Verteidigung nahezu perfekt gegen Gießens Angriffsbemühungen. Doch irgendwann im dritten Viertel kam ein fast unsichtbarer Bruch ins Spiel der Würzburger. Defensiv griff die Taktik von Dirk Bauermann nicht mehr, offensiv musste Kresimir Loncar viel übernehmen. Spätestens im Schlussabschnitt verlor Würzburg dann aber völlig das Vertrauen in sich. Kaum eine Aktion schien erfolgsversprechend, folgerichtig erzielten die Mainstädter nur noch sechs Punkte. Es ist das mangelnde Vertrauen, das ein Team aus dem Tabellenniemandsland hat. Auswärts nur zwei Siege, insgesamt nur sieben Erfolgserlebnisse – ein solches Team ist auf das Verlieren eingestellt und hat vielleicht sogar Angst vor dem Gewinnen.

Bei Gießen hatte vermutlich schon ein Großteil der Zuschauer das Vertrauen in ein Comeback verloren. Doch die Mannschaft wusste, dass sie in der ersten Halbzeit nicht an ihre Leistungsgrenze gekommen war. Daher ging der Glaube an ein Comeback nie aus den Köpfen des Teams. Drei Siege in Folge und ein ausgeglichener Record machen aus einem Team ein Siegerteam, das genug Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten hat. 46ers-Kapitän Cameron Wells machte nach dem Spiel deutlich, wie sehr das Vertrauen im Team vorhanden ist: „Wir waren mit 22 Punkten hinten, ich habe auf die Anzeige geguckt und gewusst, es wird sehr hart, zurückzukommen. Wir glauben aneinander und wir glauben daran, dass wir von jedem Rückstand zurückkommen können, wenn wir als Team spielen. Wir haben uns zusammengerissen und ein paar Jungs sind hervorgetreten. Es war ein großer Sieg für uns.“

Quoten-Erfolge in der Praxis?

Eine Frage des Vertrauens ist auch die Einsatzzeit für deutsche Spieler. Unter der Woche diskutierten wir in der basketball.de-Lineup die Erfolge der Quote. Mit Denis Wucherer und Dirk Bauermann standen bei diesem Spiel zwei Förderer der Quote an der Seitenlinie. Da Würzburg einige Verletzungssorgen hat und auch Gießen weiter auf Thomas Scrubb verzichten muss, standen in den Kadern am Freitagabend nur neun Importspieler. Grund genug, einen Blick auf den Einsatz der deutschen Spieler zu werfen.

Bei den GIESSEN 46ers standen fünf Deutsche auf dem Parkett. Angeführt von Joshiko Saibou (18:44 Minuten) und Andreas Obst (19:59) spielten sie 61:51 Minuten. Somit spielten in Deutschland ausgebildete Spieler 30,93 Prozent der möglichen Spielzeit. In den letzten drei Minuten, als das Spiel entschieden wurde, spielten bei Gießen vier Imports durch und wurden durch drei Deutsche ergänzt. Auch hier war der 20-jährige Obst mit 2:15 Minuten tonangebend. Das Team des ehemaligen Bundestrainers Bauermann kam sogar auf 84:25 Minuten deutscher Spieler, was 42,21 Prozent entspricht. Von den fünf eingesetzten Deutschen stand Routinier Kresimir Loncar am längsten (25:48 Minuten) auf dem Parkett. Aber auch der 21-jährige Max Ugrai stand 24:19 Minuten auf dem Parkett. Der Deutsch-Kroate Loncar kam mit 17 Jahren nach Würzburg und wurde damals für zwei Jahre in Deutschland ausgebildet, würde also nicht unter die Defintion als homegrown Player fallen. Damit käme auch Würzburg auf knapp 30 Prozent von in Deutschland ausgebildeter Spieler. In der Crunchtime gab es bei den Franken 7:18 deutsche Minuten, wobei Maurice Stuckey durchspielte.

Doch die Spielzeiten sind nur ein Aspekt des Spiels; es geht auch darum, wie stark die Teams ihren nationalen Spielern vertrauen und ihnen auch Abschlüsse geben. Bei den GIESSEN 46ers nahmen Saibou, Obst, Marco Völler und Maurice Pluskota 18 Würfe und konnten damit fünfmal den Korberfolg feiern. Insgesamt versuchten die Mittelhessen 56 Mal auf den Korb zu werfen; die Deutschen nahmen also 32,14 Prozent der Würfe. Bei Würzburg gab es 24 Würfe von deutschen Spielern, wobei Loncar mit 13 Versuchen den größten Anteil hatte. Als Team kam der Vorjahres-Achte auf 60 Würfe, wovon die Deutschen 40 Prozent genommen haben. Im Vergleich dazu sind die Anteile der Deutschen an den Körben nochmal etwas geringer. Bei Gießen machten Deutsche 22,73 Prozent der Feldkörbe, bei Würzburg waren es 35,71 Prozent. In den letzten drei Minuten gab es 14 Angriffe, die mit einem Korbwurf oder einem Ballverlust abgeschlossen wurden. Davon waren Deutsche an fünf beteiligt.

Obst-Auslese deluxe

Wenn es darum geht, Spieler zu finden, die in der Crunchtime die Verantwortung bei einem BBL-Team übernehmen, fallen einem sicherlich einige Namen ein. Chris Babb, Darius Miller, AJ English, Josh Mayo, Rickey Paulding oder Bryce Taylor sind nur einige Beispiele. Deutsche Spieler fallen in dieser Aufzählung eher selten. Der Name Maxi Kleber könnte auftauchen, vielleicht noch Maurice Stuckey. Der Name Andreas Obst tauchte bis zu diesem Wochenende nicht auf. Doch der 20-Jährige bekam im entscheidenden Angriff den Ball und versenkte eiskalt seinen ersten Dreier des Spiels zum Sieg!

Mit null Treffern aus sechs Feldwürfen war die Leihgabe aus Bamberg in die letzten zwei Minuten gegangen. Bereits nach dem Unsportlichen Foul hatte der U20-Nationalspieler einen Korbleger, den er mit viel Kontakt durch Max Ugrai nicht zum Ausgleich verwandeln konnte. Doch nachdem die Würzburger zehn Sekunden vor Schluss die Entscheidung liegen gelassen hatten, kam sein großer Moment. Skyler Bowlin brachte den Ball zu Wells, der die Aufmerksamkeit auf sich zog und dann den Ball auf den lauernden Obst passte. Mit einem sauberen Wurf sorgte er für einen der lautesten Freudenschreie des Jahres in der Osthalle.

Vertrauensfrage

Für viele Fans eher eine Überraschung, da Obst in der bisherigen Saison nur 27,7 Prozent seiner Dreier verwandeln konnte. Doch sein Trainer und seine Teamkollegen wissen, welche Qualitäten der Youngster hat. Das sorgte auch bei Cheftrainer Denis Wucherer für positive Gefühle: „Ich freue mich, dass wir am Schluss das Zutrauen haben, dass wir den Ball Andi Obst geben, der bis dahin noch nichts getroffen hat. Wir wissen einfach, dass er unser bester Werfer ist.“ Gießens zweiter Crunchtime-Held Bowlin (25 Punkte, 5/6 Dreier, 6/7 Freiwürfe, zwei Steals) fand ähnlich lobende Worte für seinen Teamkollegen: „Unbelievable! Als erstes war das großes Selbstvertrauen, auch wenn es nur ein Wurf war. Andi ist für mich einer der besten Schützen in der Liga. Seine Wurfquote zeigt das noch nicht, aber sein Wurf ist einfach brilliant. Jedes Mal wenn er den Ball los lässt, denkt jeder im Team, dass er reingeht.“

Der Schütze des Gamewinners selbst kennt das Gefühl wichtiger Körbe durchaus gut. Bereits 2014 besiegelte der damals 17-Jährige den ProA-Aufstieg von Baunach. Nach dem großen Jubel auf dem Feld analysierte er wenig später bereits abgeklärt die so wichtige Situation. „Es hätte jeder Spieler aus unserem Team da stehen können. Es ist unsere Qualität, als Team den Dreier dann zu finden und zu treffen. Wir hatten auch vor dem Angriff keine Zeit, ein System zu besprechen, aber wir hatten viele Schützen auf dem Feld. Wir haben den Ball im Fastbreak gut auf die andere Seite gebracht und dann war einer frei.“ Es war nicht nur einer, es war Andi Obst, der den freien Dreier bekam und versenkte. Ein Wurf, der für die 46ers immens wichtig war. Mit einem Sieg gegen Oldenburg am kommenden Mittwoch könnten sich die Gießener wieder auf Platz acht schieben und damit ein extrem umkämpftes Finish im Playoffrennen einläuten. Ein Rennen, bei dem Andi Obst noch wichtiger werden könnte. Für seinen Kapitän ist klar: „Andi killt uns in jedem Training mit seinen Dreiern. Ich hatte den Ball, ich sah ihn kommen und es war keine Frage, ihm zu passen. Es ist ein absoluter Selbstvertrauenschub für ihn.“

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