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Bauermann im Interview: „Der Abschied fällt mir sehr schwer“

09.04.2018 || 14:56 Uhr von:
s.Oliver Würzburg konnte am vergangenen Spieltag dank eines souveränen 72:45-Heimsieges gegen Braunschweig die Playoff-Hoffnungen wahren. Im Anschluss sprachen wir mit Head Coach Dirk Bauermann über aktuelle Themen bei den Unterfranken.

Am 28. Spieltag der laufenden easyCredit BBL-Saison fuhr s.Oliver Würzburg einen nie gefährdeten 72:45-Erfolg über die Basketball Löwen Braunschweig ein, durch den der aktuelle Tabellen-Zehnte seine Playoff-Ambitionen aufrechterhielt. Neben dem Kampf um den Einzug in die Postseason beherrscht bei den Unterfranken derzeit allerdings vor allem der Abschied von Head Coach Dirk Bauermann nach der Saison die Schlagzeilen. Im Anschluss an die Partie gegen die Niedersachsen sprach der ehemalige Bundestrainer mit uns über aktuelle Themen bei den Würzburgern. Der scheidende Cheftrainer äußerte sich dabei über die Professionalisierung der Vereinsstrukturen, den Reiz der chinesischen Liga und die Kritik am sportlichen Saisonverlauf.

„Wir haben viele Dinge nach vorne gebracht“

basketball.de: Herr Bauermann, heute hat Ihr Team einen souveränen Sieg eingefahren. Dennoch sind Sie im Kampf um die Playoffs auch auf Patzer der Konkurrenz angewiesen. Am Sonntag spielen unter anderem die über Ihnen platzierten Teams aus Ulm und Bamberg. Wie werden Sie die Partien verfolgen?

Dirk Bauermann: Ich bin ja schon viele Jahre als Trainer tätig und bin, soweit ich mich erinnere, nur im letzten Jahr nicht in den Playoffs dabei gewesen. Da standen wir aber auch auf Platz 13, als ich gekommen bin. Es ist ein Klischee, aber es stimmt: Es lohnt sich nicht und ist der falsche Ansatz, auf die Konkurrenz zu schauen. Man muss so viele Spiele gewinnen wie möglich, und dann sieht man am Ende, ob es gereicht hat oder nicht. Unser Fokus liegt voll und ganz auf der Leistungsentwicklung unserer Mannschaft. Manchmal weiß ich gar nicht, wie die Anderen gespielt haben, weil es einfach der falsche Fokus ist. Es geht nur um die Entwicklung und Vorbereitung der eigenen Mannschaft.

Das bedeutet, Sie werden sich die Partien der Konkurrenten gar nicht live anschauen?

Nein. Es gibt natürlich andere Gründe, aus denen ich mir Spiele anschaue. Aber ich sitze nicht davor und drücke irgendeinem Team die Daumen. Alle Mannschaften haben eine hohe Qualität und die, die es am Ende schaffen, haben es dann auch verdient.

Im Podcast bei Telekom Sport haben Sie vor kurzem erwähnt, dass die Strukturen und Abläufe im Verein professioneller geworden sind. Für Außenstehende, die nur die Leistungen auf dem Feld sehen, klingt das zunächst einmal sehr abstrakt. Können Sie konkrete Beispiele nennen, welche Dinge sich verbessert haben?

Wir – sprich die Geschäftsführung und ich – haben zum Beispiel dafür gesorgt, dass wir eine enge strukturelle und personelle Verzahnung von ProB- und BBL-Mannschaft haben, die es vorher nicht gegeben hat. Der Headcoach der ProB-Mannschaft [Liam Flynn, Anm. d. Red.] ist gleichzeitig zweiter Assistenz-Trainer bei uns. Das ProB-Team spielt auch, was die Strukturen und Abläufe angeht, sehr ähnlich wie wir, was die Durchlässigkeit von unten nach oben und von oben nach unten erhöht.

Zum anderen haben wir in der Jugendarbeit insgesamt große Schritte nach vorne gemacht. Es gibt – jedenfalls ist diese in den letzten Zügen – eine Trainings- und Spielkonzeption, die für alle Mannschaften gilt. Da haben die Trainer der Akademie sehr gute Arbeit gemacht. Wir hatten viele Sitzungen, in denen wir dieses Konzept gemeinsam erarbeitet haben. In allen Bereichen wird jetzt noch ehrgeiziger und professioneller gearbeitet. Insofern sind es viele Dinge, die wir nach vorne gebracht haben.

Wie sieht diese Spielkonzeption aus?

Zunächst einmal basiert sie auf einer aggressiven Verteidigung. Das muss immer das Ziel sein, und aus einer starken Defensive heraus wollen wir mit allen Mannschaften schnell und explosiv spielen. Darüber hinaus geht es auch um das intelligente Entscheidungsverhalten im Pick-And-Roll aus einer „Vier-Außen-Einer-Innen“-Aufstellung heraus – also zu lernen, das Pick-And-Roll klug und zielführend zu spielen. Das sind die wichtigsten Eckpfeiler.

Kommen wir auf Ihre Entscheidung zu sprechen, Würzburg nach der Saison zu verlassen und nach China zu gehen. Nach allem, was Sie gesagt haben und sonst zu hören und lesen war, waren vor allem finanzielle und auch kulturelle Gründe dafür verantwortlich…

Es war am Ende eine Entscheidung für eine neue großartige kulturelle und sportliche Herausforderung. Ich bin aber auch der Meinung, dass man bei solchen Dingen authentisch und ehrlich sein muss: Natürlich spielen finanzielle Aspekte ebenfalls eine Rolle. Wenn mir deshalb deshalb jetzt jemand vorwirft, gierig zu sein, dann soll er das glauben. Mir ist wichtig, dass ich zu meinen Grundüberzeugungen stehe. Und dazu gehört es eben auch, in der Begründung ehrlich zu sein.

Was macht denn die chinesische Liga sportlich so reizvoll?

China ist ein Land, das wirtschaftlich extrem stark wächst. Und das tut auch die chinesische Liga, die sich sehr stark an der NBA orientiert. Zum Beispiel dauert ein Viertel wie in der NBA zwölf Minuten. Es ist eine Liga, die sich aus meiner Sicht in den nächsten fünf Jahren unglaublich entwickeln kann. Wir haben das schon 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking mit der deutschen Nationalmannschaft zu spüren bekommen. Die Chinesen gehören in Asien zu den Besten und in der Welt sind sie sicher auch weit oben mit dabei. Außerdem ist es eine faszinierende Kultur. Wenn man in meinem Alter noch einmal die Chance bekommt, sich so einer Herausforderung stellen zu dürfen, dann ist es, glaube ich, durchaus vertretbar, dies auch zu tun. Trotzdem fällt mir der Abschied aus Würzburg sehr schwer, weil ich Verein und Stadt liebe und sie mir ans Herz gewachsen sind. Aber so sind die Dinge manchmal.

„Wer die Leistung der Mannschaft fair beurteilt, kommt zu einem sehr positiven Urteil“

Inwiefern sind Sie trotz des feststehenden Abschieds noch in die Kaderplanung für die kommende Saison involviert?

Die beiden Geschäftsführer, der Hauptgesellschafter und ich haben ein hervorragendes Vertrauensverhältnis, die Kommunikation ist intakt. Natürlich tauschen wir uns über alles Mögliche aus, was die Zukunft des Programmes betrifft. Am Ende werden aber sicherlich Andere – insbesondere die Geschäftsführung und der neue Trainer – die Entscheidungen treffen.

Vor der Begegnung hat eine größere Fangruppierung ihren Unmut über Ihre Entscheidung in Form von Bannern und Buhrufen geäußert. Einige Fans kritisieren aber auch den sportlichen Saisonverlauf und fragen sich, warum das Team trotz eines starken deutschen Fundaments und weiterer BBL-erfahrener Ausländer nur mit einer ausgeglichenen Bilanz dasteht. Können Sie das verstehen?

Nein, das verstehe ich nicht. Wenn man die Einstellung „Das Glas ist halb leer“ hat und auf der Suche nach dem Haar in der Suppe ist, dann findet man es natürlich auch. Wir alle sehen das ganz anders. Es ist das Recht der Menschen, kritisch zu sein und eine eigene Meinung zu haben. Wir haben unseren eigenen Standpunkt. Wenn das jemand anders sieht, ist das sein gutes Recht.

Fairerweise gab es auch viele knappe Niederlagen. Man könnte etwa zehn Spiele aufzählen, wo Würzburg als Sieger vom Feld geht, wenn ein oder zwei Angriffe anders laufen…

Das stimmt. Aus meiner Sicht muss jeder, der die Leistung der Mannschaft objektiv und fair beurteilt, zu einem sehr positiven Urteil kommen. Sicherlich kann man uns vorwerfen, dass wir in einigen Auswärtsspielen bei vermeintlich schwächeren Mannschaften wie Gotha und Göttingen keinen Sieg einfahren konnten. Damit kann man kritisch umgehen. Auf der anderen Seite gab es aber auch viele starke Leistungen wie zum Beispiel in Bonn, Ulm, Bamberg und Berlin: Das waren alles Spiele, die wir nach tollen Leistungen mit höchstens vier Punkten Differenz verloren haben. Damit nicht zufrieden zu sein, ist für mich keine wirklich objektive Einschätzung dessen, was die Mannschaft geleistet hat.

Dennoch fällt auf, dass sich die Mannschaft in den entscheidenden Phasen dieser engen Partien in der Offense sehr schwer getan hat.

Auswärts ist es immer schwer zu punkten. Das gilt natürlich besonders in der Schlussphase, wenn die Verteidigung ganz besonders intensiv ist. Deswegen verlieren die meisten Mannschaften in Bamberg oder Berlin mit fünfzehn Punkten, wir dagegen nicht. Alles in allem haben die Jungs ihre Sache gut gemacht. Sonst wären wir auch nicht da, wo wir im Augenblick stehen: Mit der Möglichkeit, trotz schwerer Verletzungen die Playoffs zu erreichen.

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