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Der größte Chiropraktor der Welt

10.09.2012 || 00:00 Uhr von:

Als Heranwachsender war Torsten Stein selbst Opfer chronischer Rückenbeschwerden. Seine damalige Physiotherapeutin empfahl dem gebürtigen Berliner Sport als Therapie zur Schmerzbekämpfung. So kam Stein als 14-Jähriger zum Basketball. Zwei Meter groß und spindeldürr schloss er sich der C-Jugend des TuS Lichterfelde an, spielte Berlin-Auswahl und arbeitete sich bis in die zweite Mannschaft von DTV Charlottenburg hoch (später Alba Berlin). Als 18-Jähriger durfte Stein in der Saison 1984/1985 unter Trainer Hannes Neumann in ein paar Kurzeinsätzen sogar bei der ersten Mannschaft Bundesliga-Luft schnuppern und lernte im Training von Veteranen wie Matthias Strauss oder Lutz Wadehn. Der DTV wurde damals, übrigens zusammen mit einem 22-jährigen Aufbauspieler namens Marco Baldi, deutscher Vize-Meister. „Torsten kam mir wahnsinnig groß vor und hat im Training immer hart an sich gearbeitet“, vergegenwärtigt sich der heutige Geschäftsführer von Alba Berlin die Zeit vor 27 Jahren.

Duelle mit Rik Smits

„Eine Sache, die ich während meiner Zeit in der BBL lernte, war, dass es immer Leute gibt, die dich mögen und andere, die dich nicht mögen”, erinnert sich der ehemalige Center-Spieler Torsten Stein. „Ich hatte viele Zweifler, aber auch Menschen in meinem Leben, die an mich und meine Fähigkeiten geglaubt haben.” Einer von Letzteren war DTV-Mitspieler Philip Dailey, der meinte, „ich könnte in jedem Fall College-Basketball spielen”. In der Tat bekam der 2,17-Hüne Angebote aus Übersee für ein Vollzeit-Stipendium. 1985 wagte Stein den Sprung über den großen Teich und spielte vier Jahre an der Fairleigh Dickinson University in New Jersey, wo er jedes Jahr gegen den „Dunking Dutchman” Rik Smits (Foto, rotes Trikot; später zwölf Jahre bei den Indiana Pacers) antreten musste, dessen College in der gleichen Division spielte.

1989, nach seinem College-Abschluss, erhielt Stein Angebote aus der BBL, spielte zur Wendezeit beim SSV GoldStar Hagen (1989-90), u.a. mit dem ersten Weltstar in der Bundesliga, dem Litauer Rimas Kurtinaitis (25 Punkte pro Spiel) sowie anschließend bei Steiner Bayreuth (1990-92) unter der Coaching-Legende Les Habegger (Foto rechts), den er später als Patient in seiner Praxis behandeln sollte.

„Ich habe gehasst, gegen Jens Kujawa zu spielen”

Torsten Stein war nie ein begnadeter Scorer. Aber Schüsse blocken, mit seinen langen Armen Würfe des Gegners verändern, Rebounds pflücken, das konnte er. Zusätzlich zu seinen 2,17 Meter hatte er eine gute Sprungkraft, war insgesamt ein hervorragender Verteidiger, machte die vielen kleinen Dinge auf dem Court, die in keinem Statistikblock auftauchen. „Ich habe mich immer als Teamspieler verstanden”, sagt Stein über seine Rolle. „Mir war es egal, wie viele Punkte ich erzielt habe, Hauptsache wir gewannen am Ende.” Scouts sahen das ähnlich. Zwei Einladungen zu NBA-Camps der New Jersey Nets in den Jahren 1990 und 1991 waren Verdienst seiner exzellenten Arbeitsmoral unter dem Korb.


Zusammen mit Drazen Petrovic (links) während eines NBA-Camps im Kraftraum bei den New Jersey Nets

„Jens Kujawa (Foto, rechts) war meine Nemesis, ich habe gehasst, gegen ihn zu spielen”, meint Stein über seinen größten Rivalen in der BBL. „Heute sind wir beste Freunde, treffen uns regelmäßig zum Barbecue, wenn Jens seine beiden Söhne in Phoenix besucht, die bei seiner Ex-Frau leben.”

„Times change” weiß Stein und auch der Körper funktionierte irgendwann nicht mehr so wie in jungen Jahren. Steins engste Karrierebegleiter waren dessen immer wiederkehrenden Rückenprobleme – Bandscheibenvorfälle inklusive. Schon kurz nach dem College-Abgang fasste er deshalb den Entschluss, genug Geld zu sparen, um sich ein Medizin-Studium in den USA finanzieren zu können. Er wollte eine spezielle Technik der Chiropraktik erlernen, mit der er selbst zu College-Zeiten erfolgreich behandelt wurde. In der Bundesliga lebte Stein deshalb sparsam und bescheiden, jede nicht lebensnotwendige Mark wurde für die Zukunft zurückgelegt.

Von 1992 bis 1994 spielte Stein für den Zweitligisten MTV Wolfenbüttel und jobbte nebenher bei einem Sponsor des Vereins. Im Anschluss arbeitete er sich noch einmal von der fünften in die dritte Liga hoch, bis er nach vielen Jahren und unzähligen Spritzen, Schmerzmitteln, Massagen und Fangopackungen dem Basketball und Deutschland Lebewohl sagte.

Neuanfang in den USA

Genug Geld für das „Doktoren-Programm” zusammengespart, wanderte Stein in die USA nach South Carolina aus, wo er viereinhalb Jahre Medizin studierte. Der Bundesstaat im Südosten der Vereinigten Staaten war kein Zufallsprodukt: Stein suchte sich von den 15 in Frage kommenden Chiropraktik-Schulen diejenige aus, bei der die Lebensunterhaltskosten am geringsten waren, sodass sein Erspartes länger hielt. Von den 200 verschiedenen Chiropraktik-Techniken spezialisierte sich der angehende Doktor auf das so genannte „Gonstead-System”, eine sehr sanfte, aber sehr effektive Behandlungsmethode, welche nur drei Prozent der rund 60.000 Chiropraktoren in den USA beherrschen.

Stein: „Das Gefühl als ehemaliger Basketballer etwas leisten zu wollen, war bei mir stark ausgeprägt.” Wie der bereits verstorbene Dr. Gonstead arbeitete, imponierte ihn: 200 Patienten pro Tag, 6,5 Tage die Woche, 54 Jahre lang bis zu seinem Tode. „Er hat Tag und Nacht gearbeitet, war der Michael Jordan in der Chiropraktik-Welt”, schwärmt Stein von seinem Vorbild. „Ich dachte ‚wow’, das gefällt mir, das muss ich kopieren.”

Praxis mit Sonderanfertigung

Mittlerweile lebt Torsten Stein seine Passion: „Helping the hopeless get well” (Den Hoffnungslosen helfen, gesund zu werden) und hat sich mit einer eigenen Praxis in Phoenix, Arizona niedergelassen. 50 Patienten behandelt er pro Tag, vom Säugling bis zur 95-jährigen Oma, darunter auch viele Deutsche, die mit einer halben Million Einwohner den Wüstenstaat zu einer deutschen Kolonie machen, inklusive Schützen- und Karnevalsvereinen. Aufgrund seiner Größe vermarktet sich Torsten Stein jetzt selbst als „The World’s Tallest Chiropractor”.

„Mein Büro hat super hohe Türen und Decken, die Patienten finden’s toll”, freut sich der heute 46-Jährige. „Ich mache das so ein bisschen als Gag.” Auch einen speziellen Behandlungstisch habe er, der auf seine Körpergröße angepasst ist, sodass er während der Behandlung gerade stehen kann.

Torsten Stein lebt den „American Dream”, hat sich mit Bescheidenheit ein Leben in Freiheit aufgebaut („Als Selbstständiger kann ich so oft und so lange arbeiten wie ich will”), lebt mit seiner Frau auf einem Wassergrundstück, liebt es im Winter draußen in T-Shirt herumzulaufen, in der endlosen Wüste mit seinem Jeep herum zu cruisen oder mit Pistolen und Gewehren auf Zielscheiben zu schießen. „In Arizona hast du viele Freiheiten”, schwärmt er. Auch die Schmerzfreiheit seines Rückens hat Dr. Stein längst wiedergewonnen.

 

Das ist Torsten Stein

Geboren: am 10. Dezember 1965 in Berlin
Größe: 2,17 m
Position: Center
Vereine: bis 1984 TuSLichterfelde, ASV Berlin, BG Zehlendorf, 1984-85 DTV Charlottenburg, 1985-89 Fairleigh Dickinson University (Division-I), 1989-90 SSV GoldStar Hagen, 1990-92 Steiner Bayreuth, 1992-94 MTV Wolfenbüttel (2.Liga)
heutiger Beruf: Chiropraktor in Phoenix, Arizona

Exkurs: Was unterscheidet einen Chiropraktor von einem Chiropraktiker?

Chiropraktiker gibt es wie Sand am Meer. Ganz im Gegensatz zu ihren Kollegen, den Chiropraktoren. Bekannt ist dieser Beruf in Deutschland bisher kaum. Ein großer Unterschied zwischen Chiropraktoren und Chiropraktikern ist die Dauer ihrer Ausbildung. Während ein Chiropraktor ein nach WHO-Richtlinien vorgegebenes Studium von vier bis sieben Jahren (insgesamt 5.000 Stunden) absolvieren muss, hat man die Zusatzqualifikation als Chiropraktiker bereits nach 400 Stunden Weiterbildung erworben, für welche es keine einheitlichen WHO-Standards gibt.

Der größte Chiropraktor der Welt
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oliver95
oliver95 16. September 2012 um 23:29 Uhr

schöne geschichte! danke.

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