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„Das kann schon manchmal wie ein Zirkus aussehen“

31.03.2016 || 16:48 Uhr von:
Ulms Carlon Brown spricht im Interview über seine Erfahrungen als Basketballprofi, seine Deutschkenntnisse, Stellschrauben im europäischen Basketball und mehr.

basketball.de: Carlon, du arbeitest seit einer Weile eifrig an deinen Deutschkenntnissen. Eigentlich können wir das Interview doch auf Deutsch führen.

Carlon Brown: Leider noch nicht. In etwa einem Jahr wird es dann so weit sein!

Als einer der wenigen ausländischen Akteure in der Beko Basketball-Bundesliga hast du dich dazu entschlossen, Deutsch zu lernen. Wie kam es dazu?

Ich möchte in der Lage sein, mit meinen Mitmenschen kommunizieren und am sozialen Leben teilhaben zu können. Dazu muss ich die Sprache erlernen. Ich mache ordentliche Fortschritte und kann bereits einige Dinge verstehen, mit denen ich in meinem Alltag konfrontiert werde. Meine Frau lernt mit mir zusammen. Wir wollen nicht in Isolation leben. Nicht jeder spricht perfekt Englisch.

Welche Gründe kannst du dir dafür vorstellen, dass die meisten ausländischen Spieler nicht die deutsche Sprache zu erlernen versuchen? Ist Deutsch so kompliziert, oder ist es eine Frage der Stabilität?

Du sprichst den springenden Punkt an. Stabilität ist wichtig. Viele Spieler haben Einjahresverträge, spielen in verschiedensten Ländern und eben nicht vornehmlich in einem Land. Ein weiterer Punkt ist, dass Deutsch schon eine schwierige Sprache ist. Die Grammatik und Zeichensetzung unter anderem sind im Englischen etwas einfacher. Der letzte Punkt besteht darin, dass viele Spieler ein wenig müde und gefällig sind. Das meine ich nicht negativ, denn man trainiert und spielt oft. Dazwischen ist es aufgrund von Müdigkeit schwierig, eine Sprache zu erlernen und die neuen Einflüsse auch wirklich zu verinnerlichen.

Welche Sprache hast du am College gelernt neben Englisch?

Am College und auf der Highschool habe ich Spanisch gelernt. Als ich nach Israel kam, habe ich mich am Hebräischen versucht. Aber das ist echt schwierig. Als ich dann in der vergangenen Saison nach Bamberg kam, habe ich mit meiner Frau und Oscar Alvarado, einem damaligen Mitspieler, in der Saisonvorbereitungsphase Deutschunterricht genommen. Das hat der Verein uns angeboten – eine wirklich gute Sache. Als ich dann in Ulm unterschrieb, habe ich daran angeknüpft und weiterhin gelernt. Es funktioniert auch ordentlich inzwischen und macht vieles einfacher. In Sachen Wegbeschreibungen kann ich mich zum Beispiel verständigen. Außerdem versuche ich unter anderem in der Bäckerei Deutsch zu sprechen. Das ist oftmals noch knifflig, weil es auch sehr ungewohnt ist, ‚Brot‘ anstatt ‚bread‘ zu sagen. Aber meine Frau und ich geben unser Bestes.

China? „Darüber hätte ich definitiv nachgedacht“

Hast du auch in Ulm einen Deutschlehrer?

Mir wurde das angeboten, aber ich wollte das in dieser Saison anders handhaben. Ich und meine Frau versuchen jeden Tag eine Stunde zu lernen. Ich breche dann die Verbformen herunter und lerne Vokabeln. Beispielsweise beschäftige ich mich dann mal intensiv mit einem bestimmten Bereich – letztens war die Küche dran: Vokabeln wie ‚Kühlschrank‘, ‚Herd‘, ‚Ofen‘ und ‚Spülbecken‘ habe ich an einem Tag verinnerlicht. Und auch für das Bad habe ich mir einen Wortschatz angeeignet. Ich versuche also den ganzen Komplex in Einzelteile zu zerlegen und jeden Tag ein wenig zu lernen.

Reggie Redding erzählte während seiner Zeit bei ALBA BERLIN in einem sehr mitreißenden Interview davon, dass er sich in Deutschland oft einsam fühlte. Wie ergeht es dir in Ulm? Verspürst du ab und an Heimweh?

Heimweh gehört dazu. Das ist mal mehr und mal weniger vorhanden. Gerade wenn das Jahr älter wird und sich die Saison ihrem Ende zuneigt, freut man sich schon darauf, dass man bald seine Heimat wiedersieht. Meine Frau machte es mir jedoch ziemlich einfach. Sie hilft mir wirklich sehr mit den ganzen Pflichten im Haushalt, mitunter mit den ganzen Einkäufen, und hat nebenbei selbst noch einiges zu erledigen. Ich rechne es ihr wahnsinnig hoch an, dass sie all das auf sich nimmt, um zu meinem Glück beizutragen. Wir wissen uns außerdem zu beschäftigen.

Macht sich dann bei dir gen Ende einer Saison also auch mal Kummer breit, wenn es wieder einmal auf eine lange Auswärtsfahrt zugeht und etliche Spiele in den Playoffs noch zu absolvieren sind?

Nein. Eine Sache macht es uns aber wirklich härter: Für uns Amerikaner ist es schwierig zu verstehen, warum die Saison so lange dauert. Werfen wir einen Blick auf die NBA: Dort endet die reguläre Saison Mitte April und im selben Monat startet die Liga in die Playoffs – eine Liga, die eine höhere Anzahl an Spielen herunterspult als jede nationale Liga in Europa. Dabei beginnt die Saison etwa zum gleichen Zeitpunkt, die NBA sogar noch etwas später. Es ist schon frustrierend, dass die FIBA beziehungsweise die nationalen Ligen die Saison derart in die Länge ziehen. Wir sind sieben oder acht Monate von unseren Familien getrennt. Abgesehen davon verspüre ich aber keinen Kummer, denn Basketball ist mein Job. Und ich liebe meinen Job. Es ist nur makaber, dass die Saison so lange dauert, während die NBA in einem ähnlichen Zeitraster mehr Spiele absolviert.

Wie ließe sich in deinen Augen ein Kompromiss schließen?

Das ist schwierig. Ich weiß, dass die Euroleague hohe Anforderungen an ihre Vereine stellt. Bamberg zum Beispiel hat dadurch wenig Einfluss darauf, wann sie ihre Spiele austragen können. Vielleicht sollte man die Länge der nationalen Saison reduzieren. Möglicherweise sollte man auch zwei Spiele pro Woche stattfinden lassen – eines am Mittwoch und eines am Samstag bzw. eines am Donnerstag und das andere am Sonntag. Die Saison könnte dann schon Ende Februar oder Anfang März beendet sein. Das käme auch nur den Klubs zugute, die international vertreten sind. Wenn eine Mannschaft in der Euroleague oder im Eurocup vertreten ist, investiert dieses Team enorm viel Energie darin, um unter die letzten Acht zu kommen oder gar ins Final Four einzuziehen. Das ist den Vereinen wirklich sehr wichtig – alleine aus Respekt vor ihrem Klub und ihren Fans. In so eine Richtung könnte es gehen. Jedoch bin ich nur Mitarbeiter und nicht der Boss.

Bist du also für eine Liga mit etwa vierzehn Klubs?

Eine Verkleinerung der Liga ist eine Möglichkeit. Ich erwäge schlichtweg eine Kürzung der Saison. Aber um das zu betonen: Das sind nur meine Gedanken und Vorschläge dahingehend. Ich kann nicht darüber urteilen, wie und ob das finanziell für die Teams zu vereinbaren wäre. Außerdem weiß ich nicht, wie die Liga Endesa in Spanien oder die Serie A in Italien damit umgehen. Die Auswirkungen auf die Gehälter und TV-Gelder sind dabei zu berücksichtigen. Ich kann nur aus der Sicht von uns Spielern sprechen. Und sehr viele von uns würden es zu schätzen wissen, wenn sich dahingehend eine Lösung finden würde und wir früher zu unseren Familien zurückkehren könnten.

Carlon Brown

In seinen bislang zehn Beko-BBL-Einsätzen der laufenden Saison kam Carlon Brown im Schnitt auf 6,5 Punkte und 2,5 Assists pro Spiel.

Viele Spieler zieht es auch deshalb in letzter Zeit nach China, wo die Saison deutlich kürzer ist und dafür astronomische Gehälter gezahlt werden. War ein Wechsel nach China für dich auch schon eine Option?

Nein, nach meiner Saison in Israel 2014 hatte ich diese Option nicht. Aber wenn sich damals etwas diesbezüglich ergeben hätte, hätte ich definitiv darüber nachgedacht. Die Saison beginnt dort Ende Oktober oder Anfang November und ist im Februar oder März bereits vorbei. Das wäre eine tolle Geschichte für mich – und zwar nicht nur finanziell. Ich könnte meinem Körper mehr Zeit geben, um sich zu regenerieren und dann in der neuen Saison wieder durchstarten. In Europa endet die Saison in der Regel im Mai oder Juni und im August geht es schon wieder los. Dazwischen liegen lediglich zwei Monate.

D-League? „Das kann schon manchmal wie ein Zirkus aussehen“

Als du deine Profikarriere gestartet hast, hattest du sogar die Chance, in deinem Heimatland zu spielen. Nach deinem College-Abschluss wurdest du beim NBA Draft 2012 nicht berücksichtigt, konntest dich aber bei der Summer League für das Trainingscamp der Golden State Warriors empfehlen. Wie hast du die Zeit damals erlebt? Hat es sich so angefühlt, als hättest du deinen Traum fast verwirklicht, oder herrschte eher große Unsicherheit?

Zu Beginn dachte ich, ich wäre kurz davor, mein Ziel zu erreichen. Schließlich war ich einer der letzten Spieler, die beim Trainingscamp aus dem Kader gecuttet wurden. Doch mit der Zeit habe ich realisiert, dass es gar nicht so sehr um das Können ging, sondern eher darum, ob man Beziehungen zu gewissen Leuten pflegt, die Macht haben. Leider hatte ich keinen Draht zu solchen Entscheidungsträgern. Ich habe sehr viel aus den Erfahrungen in der D-League und im Trainingscamp gelernt. Diese Erfahrungen haben mir dabei geholfen, mich darauf zu fokussieren, der Spieler zu werden, der ich immer werden wollte. Ich habe gelernt, mir einen Killerinstinkt anzueignen und jederzeit aggressiv zu sein. Das hat mir folglich auch sehr für meine erste Saison in Israel geholfen.

Du hast während des Trainingscamps auch zwei Monate lang mit Stephen Curry zusammenspielen können. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

Das war eine gute Erfahrung. Er ist ein wirklich freundlicher und bescheidener junger Mann, der sehr hart an sich arbeitet. Alles, was er heute macht, ist das Ergebnis seiner harten Arbeit und der Tatsache, dass er selbst nach einer enorm schweren Verletzung 2011 weiterhin an sich geglaubt und nicht aufgegeben hat. Das zeichnet ihn aus – ebenso wie sein Vertrauen in sich, das abrufen zu können, was er sich im Training erarbeitet hat.

Viele – auch ehemalige – D-League-Spieler erzählen häufig davon, dass sie in der D-League darunter zu leiden hatten, dass in jedem Team in der Regel Spieler waren, die von Anfang an im Fokus für einen Kurzzeit- oder Langzeit-Vertrag standen. Wie hast du diese Situation erlebt?

Ich habe während meines D-League-Aufenthalts zweimal erlebt, dass Portland ein paar ihrer NBA-Spieler in die D-League schickte, um ihnen zu ermöglichen, mehr Einsatzzeit zu erhalten und Erfahrungen zu sammeln. Das ist ärgerlich, gleichzeitig weiß ich aber, dass das ein Teil des Geschäfts ist. In der D-League muss man mit der Einstellung an die Sache gehen, immer auf sich selbst zu schauen und stets bereit für den richtigen Augenblick zu sein. Zu jeder Zeit seinen Job erledigen – das ist das Erfolgsrezept in der D-League.

Wann kam für dich der Zeitpunkt, als dir bewusst war, dass die D-League dich nicht weiterbringt?

Gegen Ende der Saison sagte ich mir, dass ich nie wieder in diese Liga zurückkehre – es sei denn, ich würde von einem Team die Garantie erhalten, hochgezogen zu werden. Diesem Motto bin ich seither treu geblieben. Ich versuche nun in Europa besser zu werden, und wenn sich noch einmal eine Möglichkeit ergibt, werde ich alles tun, um das Beste herauszuholen.

Innerhalb einer D-League-Saison gibt es in den Kadern stets ein wildes Hin und Her. Immer wieder werden Spieler von der NBA in die D-League herabgestuft – und umgekehrt. Andere Spieler wechseln nach Europa. Am Ende haben sich während einer Saison nicht selten mehr als zwanzig Spieler in eine teaminterne Scoring-Liste eingetragen. Wie gestaltet sich bei der ganzen Aufruhr die Trainingssituation in der D-League?

Das hängt von der jeweiligen Organisation ab. Nehmen wir die San Antonio Spurs: Sie nutzen die Austin Toros als Farmteam. Was die Spurs in der NBA machen, zieht sich bis zu den Austin Toros durch. Sie ziehen dasselbe System auf und haben zu großen Teilen dieselben Spielzüge mit denselben Bezeichnungen. Wenn die Spurs dann Spieler von den Toros hochziehen, können sie diese recht nahtlos einfügen und in ihre Line-up integrieren. Es bestehen dann also keine Sorgen darüber, ob ein Spieler diesen und jenen Spielzug kennt. In diesem Fall funktioniert die Kooperation perfekt. Andere Organisationen versuchen ebenfalls auf diesem Level zu operieren, allerdings sind sie noch nicht auf diesem Niveau angekommen.

Was die Trainingssituation betrifft, kann die D-League schon verrückt sein. Da stößt dann jemand für zwei, drei Tage zum Team, währenddessen geht ein anderer Spieler wiederum und dann hängen da noch zwei weitere irgendwo verletzt herum. Das kann schon manchmal wie ein Zirkus aussehen. Gleichzeitig sind die Trainingseinheiten nicht sonderlich hart, weil die Spiele am Wochenende gerne auf einen Schlag nacheinander abgewickelt werden. Die Trainingsintensität ist also ziemlich gemäßigt, sodass man frisch bleibt. Ich muss aber auch anmerken, dass ich inzwischen seit drei Jahren nicht mehr dort spiele. Vielleicht ist die Situation heutzutage besser als damals.

Nach deiner Zeit in der D-League ging es für dich im Sommer 2013 nach Israel. Dort erzieltest du 20 Punkte pro Spiel – in einer unglaublichen Einsatzzeit von 37 Minuten pro Partie. Viele Spieler in Israel stehen über 30 Minuten pro Begegnung auf dem Feld. Schicken manche Agenten ihre Klienten nach Israel, weil Spieler dort ihre Einsatzzeiten vertraglich zugesichert bekommen?

Nein, ich brauche niemanden, der mir meine Einsatzzeit vertraglich zusichert. In Israel nehmen die Teams alles auf sich, was es braucht, um zu gewinnen. Und wenn dazu gehört, dass sie dich eine komplette Partie über spielen lassen, dann lassen sie dich eben wirklich das ganze Spiel lang auf dem Feld. Im Gegenzug schonen sie dich innerhalb der Woche. Dann bekommt man vielleicht sogar mal einen Tag frei oder sie schrauben die Intensität herunter. In Deutschland wiederum wird sehr systematisch vorgegangen. Viele in Deutschland arbeiten seit einiger Zeit zusammen und wissen, was sie auf dem Feld zu tun haben. Es besteht schon ein großer Unterschied hinsichtlich der Einsatzzeiten in Deutschland und in Israel. Außerdem ist der Spielstil unterschiedlich.

Inwiefern unterschiedlich?

In Israel geht es vorrangig darum, eine Show hinzulegen und die Menge zu begeistern. Es geht vor allem um Dunks und Dreier. In Deutschland wird versucht, ähnlich wie in Spanien zu spielen – den Ball zu teilen, zu bewegen und auch stringent ein Inside-Spiel zu etablieren. Die Ergebnisse sind auch ein wenig niedriger als in Israel. Das Spiel an sich ist geordneter.

Trinchieri „zu 50 Prozent“ ein Players‘ Coach

Nach deiner Zeit in Israel bist du im Sommer 2014 nach Bamberg gewechselt. Wie hast du die Zeit an der Seite von Andrea Trinchieri empfunden?

Andrea Trinchieri ist ein sehr talentierter Coach mit einem äußerst ausgeprägten Basketballsachverstand. Ich hatte eine schöne Zeit in Bamberg, aber hätte mir natürlich gewünscht, spielen und dann sehen zu können, wie stark unser Team gewesen wäre, wenn ich gesund geblieben wäre. Leider habe ich mich gleich im ersten Spiel gegen Bremerhaven verletzt. Daraufhin habe ich mich zwar noch durch ein paar Spiele geschleppt, dann aber irgendwann mussten die Ärzte auf Grundlage des MRT feststellen, dass ich mich einer OP an meinem Knie unterziehen muss. Ich habe also etwa einen halben Monat noch mit meiner Verletzung auf dem Feld gestanden.

Andrea Trinchieri wird oftmals auch ‚der italienische Vulkan‘ genannt, weil er an der Seitenlinie immer so emotional mitfiebert. Kannst du eine Anekdote zu ihm erzählen?

Nein, aber dieser Vergleich passt gut. Man muss verstehen, dass seine Emotionen aus seinem Willen heraus entstehen, unbedingt gewinnen zu wollen. Er will, dass seine Spieler erfolgreich sind, und möchte das Beste für die Organisation und seine Spieler. Wenn sich alle auf derselben Wellenlänge bewegen und man auf diese Weise gewinnt, gibt es dazu nichts mehr zu sagen. Ihm geht es nur ums Gewinnen und deshalb ist der Vulkan so explosiv.

Andrea Trinchieri_Brose Baskets_Arme hoch

Manchmal nervt seine Art aber bestimmt auch.

Schon. Er geht sehr harsch mit seinen Spielern ins Gericht. In der letzten Saison gab es Trainingseinheiten, in denen ich nur dastand und dachte: ‚Okay, ich verstehe.‘ Aber du musst mit dieser Art der Beziehung zwischen Trainer und Coach leben können. Im Laufe der Zeit gewöhnt man sich aneinander und man fasst seine Ausbrüche auch nicht mehr als so harsch auf. Ich denke, seine Art ist eher für die Fans und Medien aufregend und lustig, wenn er sich mit ausgestreckten Händen vor dem Schiedsrichter aufbaut, als ob er ihm am liebsten nach dem Spiel wehtun würde.

Er ist also kein Players‘ Coach.

Ich würde schon sagen, dass er ein Players‘ Coach ist. Das ist bei ihm so 50 zu 50 – als was auch immer man die anderen 50 Prozent beziehungsweise das Gegenteil bezeichnen mag. Er pflegt auf jeden Fall besondere Beziehungen zu speziellen Spielern und zu anderen weniger. Das ist aber bei jedem Coach in jeder Liga der Fall.

Vor deiner Station in Bamberg hattest du in vielen deiner Teams eine äußerst dominante Rolle. Dann kamst du nach Bamberg zu einem Trainer mit Andrea Trinchieri, der eine relativ freie, aber sehr variable Offensive bevorzugt, in der mehrere Spieler Spielzüge initiieren. Musstest du dein Spiel umstellen?

Nein, er wollte, dass ich weiterhin mein Spiel spiele und ich selbst bin. Das konnte man auch sehen, als ich in meinem ersten Saisonspiel gegen Bremerhaven 17 Punkte in 25 Minuten gemacht hatte. Er hat mir nie gesagt, dass ich ein Ballhog oder zu dominant sei. Er hat den Spielern den Ball anvertraut, die gerade heiß oder in der Lage waren, Plays zu kreieren. Ihm war wichtig, dass die Spieler, die gerade heiß waren, auch heiß blieben. Zudem hat er immer nach Mismatches Ausschau gehalten. Wir hatten in der Vorbereitung auf die letzte Saison gegen Ulm gespielt und unser erstes Play bestand darin, Brad Wanamaker gegen Per Günther aufzuposten. Und wir haben das so oft gemacht, bis Ulm gezwungen war, eine Änderung vorzunehmen. Coach Trinchieri ging es sehr stark um Mismatches und darum, die richtigen Möglichkeiten in der Offensive zu lesen. Und jetzt hat er alle nötigen Puzzleteile dafür – insbesondere mit Brad Wanamaker und Janis Strelnieks. Es wirkt bei ihnen immer so, als würden sie immer das richtige Play laufen.

Du hast fast ein Jahr lang aussetzen müssen. Dann bist du zum Start der laufenden Saison auf das Parkett zurückkehrt und musstest in der Folge erneut zwei Monate pausieren. War es angesichts dieser Rückschläge für dich zwischenzeitlich schwierig, den Glauben an dich selbst aufrechtzuerhalten?

Das war ein schwieriges Jahr, aber ich habe eine Menge über mich selbst gelernt und auch gelernt, was es braucht, um wieder derjenige zu werden, der ich mal war. Jedoch habe ich keine Zweifel hinsichtlich meines Spiels und meines Talents. Ich brauche einfach die Möglichkeit, das zeigen zu können. Sobald das der Fall ist, wird alles für sich sprechen.

Überdreht? „Das ist einfach mein Spiel!“

Das ist für dich bestimmt noch komplizierter geworden seit dem Ausscheiden aus dem Eurocup. Nun verstreicht mehr Zeit zwischen den Spielen. Außerdem warst du in letzter Zeit meistens der siebte Ausländer im Kader. Hast du mit deinem Trainer Thorsten Leibenath darüber gesprochen, ob er dich demnächst wieder öfter in den Spielkader aufnimmt?

Wir sprechen nicht jeden Tag darüber. Das ist eher etwas, was zur Sprache kommt, wenn das nächste Spiel bevorsteht. Meistens herrscht einen Tag vor der Partie Klarheit darüber, wer spielt und wer aussetzen muss. Und so sind nun mal die Regeln. Ich kann mich nur im Training von meiner besten Seite zeigen und hoffen, dass ich die Möglichkeit bekomme, in den Kader für das Spiel zu rücken. Gleichzeitig muss der Trainer eine Entscheidung treffen, die für das Team die beste ist. Wir müssen jetzt gegen Ende der Saison besser werden. Ich respektiere seine Entscheidung so oder so und bin jederzeit bereit, wenn der Trainer möchte, dass ich spiele.

Bist du nach dieser langen Pause immer noch der Spieler, der du vor deiner Verletzung warst?

Ich bin definitiv noch der Spieler, der ich damals war. Nur brauche ich die Möglichkeit, das auch zeigen zu können. Es ist schwierig, das alles wieder abzurufen in einer so kurzen Zeitspanne – sei es nach dem Training oder in meiner Einsatzzeit. Das ist für alle eine schwierige Situation. Aber wenn sich mir die Möglichkeit bietet, werde ich schon noch unter Beweis stellen, warum Bamberg mich verpflichtet hat und viele Teams an mir interessiert waren.

Carlon Brown 1

Im Sommer 2014 zeigte unter anderem der spätere Euroleague-Vizemeister Olympiakos Piräus Interesse an Brown. In Bamberg wurde er als potenzieller Top-Leistungsträger verpflichtet. Aufgrund eines Knorpelschadens im Knie verpasste er jedoch den Großteil der Saison.

Als du im Januar wieder in die Mannschaft zurückgekehrt bist, hast du auf mich den Eindruck gemacht, dass du dich mehr als zuvor zurückgehalten hast. Siehst du das auch so?

Ja, irgendwann kam der Zeitpunkt, als ich mich mehr daraufhin konzentriert habe, in der Offensive den Ball gut bewegen und der Richtung des Teams zu folgen. Wir hatten gerade eine Siegesserie, da wollte ich nicht den Rhythmus stören. Darüber habe ich mich auch mit unserem Trainer ausgetauscht. Wir wollten weiterhin denselben Kurs fahren und nicht das gefährden, was die Jungs zuvor so erfolgreich erarbeitet hatten.

Zu Saisonbeginn hast du dagegen versucht, alles von dir zu zeigen. Hatte das auch damit zu tun, dass du nach deiner langen Verletzungspause vielleicht ein wenig übermotiviert warst und deshalb oftmals überdreht hast?

Das würde ich nicht sagen. Wer mich kennt, weiß auch, wie ich spiele. Das ist einfach mein Spiel. Entweder gefällt es dir oder du magst es eben nicht. Wenn ich punkte und diese verrückten Aktionen erfolgreich vollende, sagt niemand wirklich etwas dagegen. Wenn das nicht funktioniert, sehen diese Aktionen natürlich schlecht aus. Damit hatte ich aber insbesondere in meiner Profikarriere schon immer umzugehen. Aber so spiele ich nun mal.

Musst du dich im Training immer noch ab und an einen Tag schonen oder bist du inzwischen vollkommen integriert?

Ich trainiere regelmäßig mit dem Team und das inzwischen deutlich konstanter. Ich mache mir über mein Knie nicht mehr viele Gedanken und verspüre auch keine wirklichen Schmerzen mehr. Jetzt geht es wirklich nur darum, mich für meinen Einsatz bereitzumachen.

Dabei viel Erfolg! Vielen Dank dafür, dass du dir die Zeit genommen hast für diese ausführliche Gespräch.

„Das kann schon manchmal wie ein Zirkus aussehen“
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