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Ernst und Polonaise am Rosenmontag

28.02.2017 || 12:35 Uhr von:
Ali Nikolic Bamberg
Beim Faschingsspiel in Bamberg wehren sich die Löwen aus Braunschweig tapfer. Bleibt die Frage: Müsste man das nicht viel ernster nehmen?

Vor der legendären Stehplatztribüne an der Anfield Road in Liverpool steht eine Bronzestatue von William Shankly. Der ehemalige schottische Fußballtrainer reckt dort beide Fäuste weit von sich. Er steht in Jubelpose, seine Gesichtszüge aber sind angespannt. Den meisten Sportfans ist der Name „Shankly“ vor allem bekannt durch dessen berühmtestes Zitat: Es gibt Leute, die denken, Fußball sei eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann Ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist. Was auf den ersten Blick wie eine humorvolle Übertreibung klingt, war Shankly tatsächlich ernst. Als bekennender Sozialist sah er im Fußball seine politischen Idealvorstellungen verwirklicht.

Rosenmontag

Schnitt. Montag, 27. Februar 2017. Brose Arena. Im Bundesligaspiel zwischen den Löwen Braunschweig und Brose Bamberg sind noch etwa fünf Minuten zu spielen, als sich die im Sektion Südblock formierten Anhänger auf den Weg durch die Halle machen. Die Hände auf den Schultern des Vordermannes oder der Vorderfrau ziehen sie einmal rundrum, vorbei hinter der Mannschaft, vorbei an den Spielerfrauen, vorbei an den VIPs. Aus den Boxen dröhnt der Wendler. Patsch, machen die Pappklatschen, patsch patsch patsch. Es ist das Rosenmontagsspiel. William Shankly hätte wohl die Halle verlassen.

Auf dem Parkett ist in dieser Phase bereits alles entschieden. Bamberg führt mit mehr als 20 Punkten, lange schon stehen die Nachwuchskräfte Louis Olinde und Leon Kratzer auf dem Feld. An diesem Abend treffen zwei Mannschaften aufeinander, deren Voraussetzungen kaum unterschiedlicher sein könnten. Braunschweig kämpft ums Überleben, Brose Bamberg will sich unter den besten Mannschaften Europas etablieren. Heimspiele in der BBL werden grundsätzlich gewonnen.

Auf Bamberger Seite spielen Darius Miller, Nikos Zisis und Nicolo Melli. Sie haben langfristige Verträge abgeschlossen und verdienen damit sehr viel Geld. Ihre Karriere ist in trockenen Tüchern; ihre Motivation sind Titel und europäische Siege, vielleicht die NBA.

Auf Braunschweiger Seite spielt Carlos Medlock. Der 1,83 Meter große Aufbauspieler war früher unter anderem in Chile und Island aktiv, ehe er nach Deutschland kam. Hier führte er erst Crailsheim, im Jahr darauf Würzburg und letzte Saison Vechta zum Aufstieg in die erste Liga – mitgenommen hat ihn aber keine dieser Mannschaften. Braunschweig hat wenig Geld, keine passende Halle, in dieser Saison kaum noch Zuschauer und einen Hauptsponsor haben sie auch nicht. Für sie war Carlos Medlock gerade richtig. Unterstützung erhält er hauptsächlich von Dyshawn Pierre und Geoffrey Groselle. Der eine Kanadier, der andere US-Amerikaner. Sie sind beide noch jung, für gut bezahlten amerikanischen Profibasketball hat es nicht gereicht, aber zum Broterwerb reicht es erstmal. Sie wollen das, was Miller und Zisis längst erreicht haben: sich etablieren in Europa, vielleicht mal für die großen Vereine interessant werden. Mehr Geld verdienen.

Das Spiel

Dementsprechend engagiert legt das Braunschweiger Team auch direkt los. Nach Punkten von Groselle und Medlock führen die Löwen schnell mit 7:4. Erst Mitte des ersten Viertels kommt Bamberg langsam in Gang. Trinchieri verzichtet in diesem Spiel auf Fabien Causeur; Janis Strelnieks und Elias Harris fehlen weiterhin verletzt. Bamberg geht erstmals in Führung. Melli sitzt mit seinem zweiten Foul schon draußen. Irgendwann steht er auf und flüstert Trinchieri etwas zu. Der italienische Trainer nickt und blickt weiter konzentriert aufs Spielfeld. Auch als der junge Nikolic am Ende des ersten Viertels den Angriff verbockt und Trinchieri wütend wird und mit den Armen fuchtelt und auf Nikolic zupoltert, ist es Nicolo Melli, der dem Coach erst eine Hand auf die Schulter legt, sich dann vor den jungen Slowenen stellt und ihm einen aufmunternden Klaps mitgibt. „Wir sehen Ali Nikolic nicht als jungen Spieler“, sagt Trinchieri später auf der Pressekonferenz. Und dann sagt er noch: „Wir konnten neuen Zusammenhalt entwickeln.“

Zu Beginn des zweiten Viertels trifft Medlock bereits seinen vierten Dreier und verkürzt damit für seine Mannschaft. Nikolic klaut den Ball und bedient McNeal für ein And One. Das ist Trinchieri ein High-Five mit dem Slowenen wert. Jerel McNeal tritt mal wieder auf die Auslinie beim Dreierversuch aus der Ecke. Das erinnert an Dawan Robinson, den Außenlinienspezialisten, der einen großen Beitrag zu Bambergs erster Meisterschaft unter Trinchieri leistete. Wie McNeal wurde er während der Saison nachverpflichtet. Der Amerikaner bleibt aber nicht lange glücklos, im Gegenteil. Er macht an diesem Abend sein offensiv bestes Spiel für Bamberg, hat mit 21 den besten Effektivitätswert und mit +23 das eindeutig beste +- der Mannschaft an diesem Tag. Er wirkt richtig erlöst, als im dritten Viertel sein Dreier endlich fällt. Gleich zu Beginn des Spiels hatte ihn Trinchieri zwei Mal ins Post-up geschickt – von McNeal muss offensiv mehr kommen als zuletzt, wenn Strelnieks‘ Ausfall kompensiert werden soll. An diesem Abend klappt das.

Zur Halbzeit führt Bamberg mit 12 Punkten. Das dritte Viertel gehört dann endgültig den Hausherren. Radosevic, am Vortag 27 geworden, erkämpft sich mehrere Offensivrebounds und punktet. Bei seiner Auswechslung wird er von den Fans mit Standing Ovations belohnt. In der ersten Halbzeit hatte Leon Kratzer beide Freiwürfe verworfen. Als er nun an die Linie tritt, spricht Melli nochmal kurz zu ihm. Der Nachwuchscenter trifft beide Würfe sauber, Wurftrainer Stefan Weissenböck strahlt neben der Bank sein breitestes Grinsen.

Das letzte Viertel nutzt Braunschweig, um das Ergebnis nochmal aufzuhübschen. Frank Menz bescheinigt seiner Mannschaft anschließend ein gutes Spiel und ist zufrieden, wie sein Team die speziell trainierten Schwerpunkte im Spiel umgesetzt hat. Andrea Trinchieri lässt vor seinem Statement einen kurzen Moment der Stille. Dann lobt er sein Team für die gute Verteidigung über weite Strecken der zweiten Halbzeit und zeigt sich zufrieden mit Nikolic, Kratzer und Olinde. Seine interessanteste Aussage aber bezieht sich auf den Gegner: „Ich denke, dass sie (Braunschweig) das meistverbesserte Team der ganzen BBL sind.“

Das Hinspiel hatte Bamberg mit 96 zu 48 gewonnen. Die Braunschweiger galten als sicherer Abstiegskandidat. Aber dann trug Frank Menz‘ Arbeit Früchte. Vier Siege haben die Niedersachsen schon gesammelt, das sind drei mehr als der Abstiegskonkurrent Vechta. Jenes Vechta, welches von Carlos Medlock zum Aufstieg geführt wurde. Die Siege allein sagen aber nicht alles: Auch gegen Topmannschaften wehrten sich die Löwen in den letzten Wochen immer wieder beachtlich. Gegen Berlin verloren sie lediglich mit 10 Punkten, in München mit 15, gegen den Tabellenvierten Bayreuth gelang dann sogar ein Sieg mit 19 Punkten Vorsprung. Simon Linder zollte Frank Menz danach in seiner Kolumne Respekt.

Die Karawane zieht weiter

Am Ende des Spiels sind alle Fans wieder an ihrem Platz, die Polonaise ist vorbei, die Faschingsplaylist durchgelaufen, die schwarze Natascha nach Hause gegangen. Mit 95:75 gewinnt Bamberg schlussendlich. Heut‘ ist so ein schöner Tag, schalalalala. Mindestens acht Fans hatten sich sogar verkleidet. Oder neun. Kaunas, Braunschweig, Belgrad. Immer wieder den Gegner ernst nehmen. Da hat das rote Pferd, sich einfach umgekehrt! Immer wieder anfeuern. Malle ist nur einmal im Jahr! Immer wieder vorfreuen. Geh‘ mal Bier hol’n! Immer wieder Pappklatschen. Jajaja jetzt wird wieder in die Hände gespuckt! Immer wieder Brose E-Bike-shoot. Drei Tage wach! Immer wieder ein müder Trinchieri auf der Pressekonferenz. Schatzi, schenk mir ein Foto!

Die Karawane zieht weiter. Immer weiter. Es ist und bleibt ein irres Programm, das Spieler, Trainer, Mitarbeiter und Fans in dieser Saison abspulen. Und auch wenn jeder seit Kindertagen weiß, dass eine Faschingsparty Mist ist, wenn dir die Schwerter und Plastikpistolen am Eingang abgenommen werden, so ist ein Rosenmontagsspiel als Monotoniebrecher vielleicht trotzdem nicht das schlechteste.

In den Sockel der Statue von William „Bill“ Shankly an der Anfield Road ist eine Inschrift graviert: He made the people happy. Und dass, obwohl Fußball für ihn ernster war als Leben und Tod. Möglicherweise wäre er an diesem Montagabend ja doch in der Halle geblieben. Dann hätte er sich ein Autogramm von Nicolo Melli geholt, weil der offensichtlich verstanden hat, was es heißt, wenn jeder für den anderen arbeitet. Anschließend wäre er noch zum Braunschweiger Bus geschlendert und hätte sich von der gesamten Mannschaft Unterschriften geben lassen – aus dem gleichen Grund wie bei Melli.

Ernst und Polonaise am Rosenmontag
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