BASKETBALL.DE ist Partner von Sportforen.de. Ehemalige Nutzer von crossover-online.de und Nutzer von sportforen.de können sich auch auf BASKETBALL.DE mit ihren bestehenden Login-Daten anmelden.
Anmelden oder registrieren

Brose Bamberg: die Lo-gische Entscheidung

20.09.2016 || 10:36 Uhr von: ,
Nach der EM-Qualifikation wird Maodo Lo nun seine Profi-Karriere bei Brose Bamberg beginnen. basketball.de hat den talentierten Guard etwas genauer unter die Lupe genommen.

Nach einer erfolgreichen Zeit an der Columbia University in New York kehrt der deutsche Nationalspieler Maodo Lo nach Deutschland zurück. Zum Leidwesen der Berliner Basketball-Fans beginnt der 23-Jährige seine professionelle Karriere jedoch nicht in seiner Heimatstadt, sondern schließt sich dem amtierenden Deutschen Meister Brose Bamberg an.

Nach vier Spielzeiten in der NCAA mit den Columbia Lions wird der Combo-Guard in der kommenden Saison in der BBL und in der Euroleague auf Korbjagd gehen. „Ich freue mich darauf, meine professionelle Karriere in Bamberg zu beginnen. Ich bin mir der Herausforderungen bewusst. Ich bin motiviert, bereit hart zu arbeiten, zu lernen und mich zu verbessern“, blickt Lo auf die kommenden Aufgaben voraus.

Wenn Maodo Lo das Trikot von Brose Bamberg das erste Mal überstreift, wird er einen äußerst aufregenden Sommer hinter sich haben, der mit dem Abschluss an der Columbia University und der Anmeldung zum NBA-Draft begann. In seiner letzten Collegesaison mit den Columbia Lions in der Ivy League legte Lo 16,9 Punkte, 3,9 Rebounds und 2,9 Assists in durchschnittlich 33-minütiger Spielzeit auf und erregte dadurch die Aufmerksamkeit der NBA-Scouts.

ERST SUMMER LEAGUE DANN BROSE BAMBERG

Trotz starker Statistiken blieb Lo im Draft 2016 jedoch unberücksichtigt. Einige Wochen lebte der Traum von der NBA dennoch weiter, denn Maodo Lo wurde von den Philadelphia 76ers in den Kader der NBA Summer League berufen. Obwohl alle Augen auf dem Nummer-eins-Pick der 76ers Ben Simmons lagen, konnte Lo mit einigen starken Auftritten überzeugen. Durschnittlich 22 Minuten stand der Deutsche auf dem Summer-League-Parkett und erzielte dabei 7,9 Punkte und 2,4 Rebounds. Auch seine Dreierquote von 39,6% konnte sich sehen lassen.

Nachdem deutlich wurde, dass es für Lo wohl nicht für einen Vertrag in der NBA reichen würde, wurde eine Rückkehr nach Deutschland immer wahrscheinlicher. Angesichts der Leistungen der vergangenen Jahre und dem Potential, welches Maodo Lo mit sich bringt, dürften sich wohl auch die zwei anderen „großen Bs“ der Basketball-Bundesliga um seine Dienste bemüht haben. Doch der Aufbauspieler entschied sich dafür, seine professionelle Karriere in Bamberg zu beginnen, um neben der Bundesliga auch im höchsten europäischen Basketball-Wettbewerb die nächsten Schritte zu gehen.

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=rz8gdeU7UUI]
Für Bambergs Sportdirektor Daniele Baiesi soll Lo das nächste Projekt à la Patrick Heckmann werden, welcher im letzten Jahr ebenfalls vom College nach Bamberg gewechselt war: „Wir sind uns sicher, dass wir sein bereits vorhandenes großes Potential auf das nächste Level bringen werden. Ebenso wie bei Patrick müssen wir aber immer im Hinterkopf haben, dass er zwar ein Spieler mit enormen Fähigkeiten und Ehrgeiz ist, aber noch wenig Erfahrung mit europäischem Basketball hat. Er hat noch nie ein Euroleague-Spiel gespielt, daher müssen und werden wir ihm Fehler zugestehen und verzeihen.“

Dass der amerikanische College-Basketball für den Großteil der deutschen Basketball-Fans wie das sprichwörtliche Buch mit sieben Siegeln ist, wurde im Sommer 2014 deutlich. Als der damalige Bundestrainer Emir Mutapcic Maodo Lo am 10. Juli 2014 gegen Italien zu seiner Premiere im Trikot der DBB-Auswahl verhalf, konnten nur die allerwenigsten Beobachter etwas mit dem Namen Lo anfangen. Auch wenn seine Berufung zur Nationalmannschaft zu diesem Zeitpunkt überraschend kam, hatte sich der damals 21-Jährige seine Nominierung verdient gehabt. Denn Lo verkörpert mit seiner offensiven Variabilität genau jenen Spielertypus, der in den modernen „Skillball“-Zeiten so besonders attraktiv daherkommt.

Ein Zufall, dass sich ausgerechnet die Bamberger – immerhin so etwas wie das BBL-Nonplusultra hinsichtlich des modernen, positionslosen Basketballspiels mitsamt multiplen Ballhandlern und fähigen Schützen – die Rechte an dem aufstrebenden Backcourt-Spieler sicherten? Mitnichten. Der nun folgende Scouting-Report, welcher vor allem auf seine Darbietungen in den beiden vergangenen NCAA-Spielzeiten fußt, soll Aufschluss darüber geben, was die Bamberger-Anhänger von ihrem neuen Spieler erwarten können, wie Lo in das Bamberger Spielsystem integriert werden kann und an welchen Aspekten in seinem Spiel der Jungspund noch feilen muss.

DIE OFFENSIVE ALS „STECKENPFERD“

Nachdem Lo als College-Sophomore bereits erste Ausrufezeichen setzen konnte, folgte in seiner dritten NCAA-Saison der absolute Durchbruch. Aufgrund der Ausfälle der Starter Grant Mullins und Alex Rosenberg, die verletzungsbedingt die komplette NCAA-Saison 2014/15 verpassten, war Lo in erster Linie als Scorer gefordert und musste in der Offensive aggressiver agieren.

Ein Umstand, der dem Nationalspieler in seiner spielerischen Entwicklung entgegen kam. Auch wenn die Columbia Lions ein sehr teamdienliches Offensivspiel pflegen, bei dem schnelle Ballzirkulationen, Cuts und ein hoher Bewegungsfluss aller fünf Spieler das Erscheinungsbild prägen, konnte Lo immer wieder mit seinen Dribble-Drives die gegnerischen Verteidigungen gehörig unter Druck setzen. Denn der 23-Jährige verfügt nicht nur über einen schnellen ersten Schritt, sondern auch über die nötigen Ballhandling-Fähigkeiten, um seine Gegner per Dribbling zu attackieren.

20141114_290x350_Maodo_Lo

Lo kann seine Drives sowohl in isolierten Eins-gegen-Eins-Situationen als auch in Pick-and-Roll-Spielzügen anbringen. Besonders im klassischen „Zwei-Mann-Spielzug“ kommen die verschiedenen offensiven Vorzüge von Lo zur Geltung. Immer wenn die Verteidigungen bei den Lions-Blöcken konsequent switchten oder hart hedgten, attackierte der deutsche Nationalspieler direkt den gegnerischen Big Man, um seine Geschwindigkeitsvorteile im Halbfeld auszunutzen. Andersherum kann Lo auch das tiefe Absinken des verteidigenden Frontcourt-Spielers bestrafen. Obwohl er seine Stärken als Schütze primär im Catch-and-Shoot besitzt, ist Lo auch ein effektiver Werfer aus dem Dribbling heraus.

Gerade aufgrund der genannten Stärken mit dem Ball in der Hand – und hinsichtlich der unterdurchschnittlichen individuellen Klasse der Ivy-League-Konkurrenz -, hat man sich bei den Spielen der Columbia Lions zuweilen noch mehr Aggressivität von Lo in der Offensive gewünscht. Denn der Combo-Guard ließ in einigen Sequenzen immer wieder erkennen, dass er ein sehr gutes Spielgefühl in „Drive-and-Kick-Out“-Situationen besitzt. Einmal in die Mitte der Zone vorgedrungen, erkennt Lo in sekundenschnelle, von wo die Help-Defense kommt, und spielt zielgenaue Kick-out-Pässe zu seinen freien Mitspielern.

„BEI MIR GIBT ES KEINE SPIELMACHER“

In diesem Zusammenhang muss auch darauf hingewiesen werden, dass seine relativ niedrige Anzahl an Assists (2,2 ApG) keinen Rückschluss auf seine Fertigkeiten als „nomineller“ Spielgestalter gibt. Denn Lo ist zweifelsohne ein sehr passfreudiger Spieler, der in seinen Offensivaktionen genauso auf die Korbvorlage aus ist, wie auf den eigenen Korbabschluss. Viel eher war es dem pass- und bewegungszentrierten Offensivsystem der Lions geschuldet, dass Lo nur partiell durch Einzelaktionen für seine Mitspieler erfolgreiche Abschlussoptionen kreieren konnte.

Während vor einigen Jahren noch eine hitzige Debatte in Basketballfachkreisen darüber entfacht wäre, ob Lo nun ein Point Guard oder Shooting Guard sei, so wird seine offensive Variabilität heutzutage – zum Glück – in einem vornehmlich positiven Licht betrachtet. Auch Bambergs Trainer Andrea Trinchieri interessieren solche Positions-Diskussionen nicht. Angesprochen auf die neuen Spielmacher antwortete der Italiener beim Trainingsauftakt schlichtweg mit: „Bei mir gibt es keine ‚Playmaker‘. Unser Sportdirektor [Daniele Baiesi, Anm. d. Red.] meinte einmal zu mir, dass ich diesen Begriff zerstört habe.“

Lo muss den Spalding nicht zwingendermaßen in den eigenen Händen halten, um für die Offensive seines Teams einen Mehrwert zu schaffen. Ob als reiner Spot-up-Schütze, der auf der ballfernen Seite seinen direkten Gegenspieler bindet, oder gar als Blocksteller in Pick-and-Pop-Situationen – seine Gefahr als Distanzschütze macht Lo zu einem optimalen Combo-Guard für das Bamberger Offensivspiel.

Auch Bambergs Trainer Andrea Trinchieri schätzt bereits diese Eigenschaften des Neuzugangs:

„Ich glaube, wenn er zu uns kommt, wird er erstmal sehr erschöpft sein aufgrund seiner äußerst langen Saison. Durch den Versuch seinen Traum von der NBA zu realisieren, hatte er so gut wie keine Pause. Nichtsdestotrotz ist er ein sehr talentierter Spieler, der zudem wirklich schnell auf den Beinen ist. Außerdem gibt es da eine Sache, wegen der er in jedem Fall spielen wird: Jede Mannschaft braucht Schützen, und Maodo Lo ist ein wirklich guter Werfer, vor allem aus Pick-and-Roll-Situationen heraus.“

Manuel Baraniak hat in seinem Taktik-Artikel über die Bamberger herausgestellt, dass Trainer Andrea Trinchieri ein Faible dafür hat, seine Off-Guards in Screen-the-Screener-Aktionen einzubinden. In dieser Hinsicht erscheint Lo ein guter Komplementärspieler zu sein, der einerseits neben Ballhandlern wie Nikolaos Zisis off-Ball spielen kann. Anderseits gibt Lo seinem Trainer die Möglichkeit, in verschiedenen Line-Ups gleich zwei effektive Ballhandler auf das Parkett zu schicken.

Während die Offensive von Lo sicherlich als sein „Steckenpferd“ bezeichnet werden kann und er dort seine größten Stärken besitzt, wird es spannend sein zu sehen, wie sich der 23-Jährige am defensiven Ende des Felds präsentieren wird.

Der Jung-Nationalspieler ist in der Defensive schnell genug auf den Beinen, um seine Gegenspieler durch gute Fußarbeit am Zug zum Korb zu hindern, und vereint darüber hinaus noch eine gute Armspannweite mit dem nötigen Gespür für das erfolgreiche Wildern in Passwegen. Problematisch hingegen – und hier wartet auf Lo wohl die größte Umstellung – könnte es immer dann werden, wenn Lo gegen physisch stärkere Kontrahenten in Post-up-Situationen verteidigen muss. Selbst auf dem Ivy-League-Niveau ließ sich bereits erahnen, dass der Guard nur ungern abseits vom Perimeter verteidigt.

Im Angriff wird viel von seiner Konstanz als Schütze abhängen. Auch wenn der Nationalspieler in den letzten Jahren zu den effektivsten Dreierschützen in der NCAA gehörte, ist Lo noch weit davon entfernt als Kyle-Kover-Double stigmatisiert zu werden. Das liegt daran, dass Lo oftmals Probleme hat seinen Shooting-Rhtyhmus zu finden und er in der Folge dazu neigt, zu „überdrehen“ und sein Shooting-Glück erzwingen möchte.

Sollte es Trinchieri gelingen, die Stärken von Lo in seine Offensiv-Sets zu integrieren, erscheint die Verpflichtung des 23-Jährigen eine sinnvolle Addition zu sein. Ganz im Sinne der Jobbeschreibung für Guards im „Skillball“-Systems des Italieners.

HÄRTETEST EM-QUALIFIKATION

Ohne jegliche europäische Erfahrung ist Maodo Lo jedoch nicht. Immerhin stehen für den 23-Jährigen bereits 36 Länderspiele für die A-Nationalmannschaft zu Buche. Vielen deutschen Basketballfans wird vor allem der Auftritt gegen Spanien bei der EM 2015 in Erinnerung geblieben sein. Im Do-or-Die Spiel um den Einzug in die nächste Runde bewies Lo, dass er bereits in der Lage ist, auf höchstem europäischen Niveau mitzuhalten. Gemeinsam mit Dennis Schröder sorgte Lo in der entscheidenden Phase für wichtige Punkte und kam am Ende auf 14 Zähler. Dennoch ging das Spiel gegen Spanien verloren, und die deutsche Nationalmannschaft schied aus dem Turnier aus.

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=l_lkLjuN_vg]
Bevor Maodo Lo in die Vorbereitung mit Brose Bamberg gehen konnte, lief er auch in diesem Sommer für die Nationalmannschaft auf und schaffte mit dem Team die Qualifikation für die Basketball-EM 2017. Nach den Absagen von Dennis Schröder, Heiko Schaffartzik, Per Günther und Konstantin Klein, musste Lo im dünn besetzten Backcourt viel Verantwortung übernehmen und war als Aufbauspieler in der Startaufstellung gesetzt.

Bereits die ersten beiden Qualifikationsspiele zeigten die bereits angesprochenen Stärken aber auch Schwächen des Guards. Zum Auftakt der EM-Qualifikation gegen Dänemark bot Lo eine starke Leistung. Souverän lenkte er das Spiel der Deutschen und trug mit 17 Punkten (3/5 Dreier) und vier Assists maßgeblich zum 101:74-Erfolg bei. Anders lief es für Lo im zweiten Qualifikationsspiel gegen Österreich. Mit lediglich sechs Zählern (1/6 Dreier) sowie sechs Ballverlusten passte sich Lo der insgesamt mangelhaften Leistung der gesamten Mannschaft an. Auch bei den beiden Niederlagen gegen die Niederlande und im Dänemark-Rückspiel bot Lo eine durchwachsene Leistung. Er konnte sich in den letzten beiden Qualifikationsspielen jedoch wieder steigern und trat vor allem als souveräner Spielmacher in Erscheinung.

Angesichts seines Alters und der noch geringen internationalen Erfahrung scheinen solche Leistungsschwankungen jedoch vollkommen normal und können bei Brose Bamberg angesichts des hochkarätig besetzten Kaders kompensiert werden. Sollte es Maodo Lo gelingen, unter Trainer Andrea Trinchieri den nächsten Schritt in seiner Entwicklung zu gehen, so wird er in der kommenden Saison für einige positive Ausrufezeichen sorgen.

Brose Bamberg: die Lo-gische Entscheidung
5 (100%) 6 votes
Jetzt mitdiskutieren Anmelden oder Registrieren
Basketball.de - Footer-Icon
entwickelt von Markenwirt, Werbeagentur Bamberg
Copyright 1998-2017 BASKETBALL.de. Alle Rechte vorbehalten. Für den Sport!

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklärst Du Dich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.