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Schritt für Schritt

19.03.2017 || 13:01 Uhr von:
Brose Bamberg unterliegt Fenerbahce Istanbul. Das Spiel erzählt viele Geschichten, die schönste aber ist das Spiel selber. Nun wartet Bayern München.

München wartet am Horizont und Bamberg läuft drauf zu. Aber ein Schritt nach dem anderen.

Erster Schritt: Istanbul

Es hätte der perfekte Aufhänger sein können. Luigi Datome, italienischer Nationalspieler mit NBA-Erfahrung, trug im letzten Istanbuler Derby eine Verletzung davon. Ein kleiner Gegenstand krachte ihm ins Gesicht, Blut rann aus der Wunde. Zu Hause machte Datome ein Foto, und siehe da: Er sah aus wie Harry Potter. Der Riss in seiner Haut glich Harry Potters Narbe. Er schickte dieses Bild ins Netz und bat dann darum, dass alle seine Fans dies doch bitte an J.K. Rowling senden mögen, sodass sie Notiz von ihm nehmen würde. Sie tat es und antwortete dem Italiener auf Twitter. Damit bescherte sie Datome, Fenerbahce und dem europäischen Basketball ein wenig Aufmerksamkeit.

Wenn die deutsche Sportwelt ein Pausenhof ist, sitzt Basketball ganz hinten im Schatten der Linde und knabbert einsam an seiner Karotte. Nur ab und zu fällt mal ein Sonnenstrahl auf ihn. Bayern München hat jetzt Dru Joyce verpflichtet, den Trauzeugen von LeBron James, jeder weiß das. Fenerbahce Istanbul hat einen Nummer-1-Pick der NBA im Kader, Anthony Bennett spielt drei Minuten und nimmt zwei Sprungwürfe, dann setzt er sich wieder ans hintere Ende der Bank. Das wäre einer fürs Titelblatt. Und schließlich der Tweet von J.K. Rowling an Luigi Datome: Ein wenig Licht fällt auf den Basketball. Harry Potter bietet diesen gewissen Glanz und Stoff für Metaphern, einen besseren Aufhänger gibt es nicht.

Wie ein Finale

Das Spiel wirft dann aber alle Harry Potter-Pläne über den Haufen. Es braucht schlicht keinen Aufhänger.

Bamberg hat praktisch keine Chance mehr auf das Viertelfinale, am Sonntag wartet München. Wie ein Quidditch-Spiel drei Tage vor dem Endkampf mit Lord Voldemort. Und ganz kurz sieht es tatsächlich danach aus, als würde Fenerbahce Istanbul das Spiel locker und ohne viel Gegenwehr nach Hause spielen, so schnell gehen sie mit neun Punkten in Führung.

Der Blick wandert zum Trainer. Trinchieri raucht und dampft an der Seitenlinie auf und ab, nicht eine Sequenz stimmt ihn zufrieden. Weder offensiv, noch defensiv. Er redet auf Miller ein, während der Angriff läuft, er breitet die Arme aus, er starrt mit furchteinflößendem Blick, er legt die Handflächen aufeinaner und macht eine Geste zum Schiedsrichter, als würde er ihn anflehen, doch bitte das nächste Foul zu pfeifen.

Das Bamberg dieser Saison – das ist nach nur wenigen Minuten wieder einmal klar – gibt kein Spiel verloren. Nicht unter diesem Trainer. 21:24 steht es Sekunden vor Ende des ersten Viertels, als Bobby Dixon noch einmal den Ball an sich nimmt. Er läuft in der eigenen Hälfte los, nimmt Fahrt auf, rennt auf seine Bank zu, steigt hoch, fällt dabei nach hinten und wirft den Ball zum Korb, über den ausgestrecken Arm von Radosevic. Trinchieri wirkt verzweifelt, als der Ball durch den Ring fällt, er braucht ein, zwei Sekunden, um überhaupt zu reagieren. Dann applaudiert er Radosevic für seine Verteidigung.

Es ist dieser Applaus, mit dem sich Bamberg aus der Euroleague verabschiedet. So hat es begonnen, so wird es enden. Mit einem Punkt verlor Bamberg das erste Spiel der Saison, gegen eben dieses Fenerbahce, den letzten Angriff vergab Nicolo Melli. Die Mannschaft hatte sich dennoch ein Lob vom Cheftrainer verdient. Bamberg war stark, manchmal sehr stark, aber am Ende trafen Spieler wie Bobby Dixon eben den einen entscheidenden Wurf und Bamberg nicht.

Im zweiten Viertel zieht Fenerbahce kurz wieder davon. Zeljko Obradovic, die serbische Trainerlegende auf Istanbuler Seite, schimpft mit hochrotem Kopf in seiner Coaching Zone. Trotz Führung. Aber Bamberg kommt wieder ran, die Halle steht auf, gerade, als die Mannschaften zur Auszeit gerufen werden. Ein toller Moment: sieben Punkte beträgt der Rückstand, mit Standing Ovations gehen die Spieler vom Feld. Anthony Bennett, Nummer Eins-Pick der NBA-Draft 2013, verwirft den freien Dreier. Patrick Heckmann, meilenweit entfernt von einer Berücksichtigung in der Draftnacht, holt den Rebound, stürmt nach vorne und spielt einen genialen Pass auf Jerel McNeal für den einfachen Korbleger. Bennett, Heckmann. Die Fans verstehen diese Unterschiede.

Anfang und Ende

Was sie an diesem Abend nicht verstehen, sind die Pfiffe der Schiedsrichter. Diese gehen in der Halbzeit dementsprechend unter lautem Gepfeife und Geschimpfe zum schwarzen Tunnel, der sie abschirmen soll. Vor dem Tunnel stehen Securities, sie spannen schwarze Regenschirme auf, aber irgendwas stimmt nicht, die Schirme überspannen und klappen sich nach oben hin wieder zusammen, wie sonst bei einem Orkan. Unbeschadet laufen die Schiedsrichter darunter hindurch, nur eine Klatschpappe segelt an ihnen vorbei. Auch die kann weh tun. Es ist kein schönes Zeichen, dass diese Schirme notwendig sind.

Das dritte Viertel gewinnt Istanbul deutlich. Im letzten Viertel lässt Bamberg erneut alles auf dem Parkett, Radosevic holt sich aber zwei Technische Fouls nacheinander. Istanbul nutzt diese Phase, um auf 14 Punkte wegzuziehen. Aber Causeur trifft wieder wichtige Würfe und McNeal verteidigt so überragend wie Ron Weasley an dem Tag, als er dachte, dass er den Glücks-Zaubertrank getrunken habe. Es steht 71:76, noch 2:11 Minuten zu spielen. Ungläubige, kopfschüttelnde, strahlende Gesichter auf den Tribünen. Obwohl die Niederlage wohl trotzdem kommen wird, so wie immer in dieser Saison in solchen Spielen. Die Fans stehen jetzt. Dixon trifft eiskalt den nächsten Dreier. Die Fans bleiben stehen.

Es fing in Istanbul an, es endete gegen Istanbul. Auch rechnerisch ist ein Weiterkommen jetzt nicht mehr möglich. Aber nach den Dreiern von Dixon, den Verteidigungsaktionen von McNeal, dem Rebound von Heckmann, den hart erkämpften Punkten von Zisis, der Aufholjagd am Schluss, da möchte man Harry Potter vergessen und seinen Aufhänger in den Müll schmeißen. Denn die schönste Geschichte, die dieses Spiel erzählt, ist wieder einmal das Spiel selbst.

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=lsssdmo-zhA]

Zweiter Schritt: Bayern München

München ist jetzt schon größer zu sehen am Horizont. So viele Geschichten. Bayern-Franken-Derby, die beiden Etat-Riesen im direkten Duell um den zweiten Platz, Revanche für das Pokalfinale. Bestimmt sagt wieder jemand etwas fieses vor dem Spiel, irgendwas mit unfairer Spielweise oder rutschigem Parkett oder hässlichen Trikots. Vielleicht hat Sport1 diesmal alle Namen richtig geschrieben. Halbe Stunde Vorbericht bei der Telekom, es gibt so viel zu erzählen und vielleicht hat LeBron James sogar was zu Joyce‘ neuem Verein geschrieben.

Für Bamberg ist der schnelle Spielrhythmus Alltag in dieser Saison. Meckern gilt nicht, der Kader ist tief genug, um auch Verletzungen aufzufangen. „Wir werden in dieser Saison mehr BBL-Spiele verlieren als im letzten Jahr“, prognostizierte Trinchieri vor der Saison mit Blick auf die Doppelbelastung. Dass es nicht so gekommen ist bisher, hat verschiedene Gründe. Der Etatvorsprung und die Kadertiefe zählen dazu. Aber dann ist da eben noch dieser spezielle Teamgeist und vor allem dieser ungebrochene Wille, jedem Rückstand nochmal hinterherzulaufen, jeden Nackenschlag einzustecken und weiterzumachen. Nach Fenerbahce Istanbul ist vor Bayern München.

Ob er etwas zum Spiel am Sonntag sagen kann, wird Trinchieri am Donnerstagabend auf der Pressekonferenz von der mutigen Journalistin von Radio Bamberg gefragt. Die Stelle ist im youtube-Mitschnitt nicht mehr zu finden, aber Trinchieri sagt sinngemäß: „Heute ist Euroleague, ich spreche jetzt nicht über die BBL.“ Dann geht er. In der Halle steht noch Nikos Zisis mit seiner Frau und seinen Kindern, die wie immer noch ein wenig auf den Korb werfen. Der tschechische Center Jan Vesely nutzt die Gelegenheit für einen Plausch mit seinem ehemaligen Teamkameraden. Am Ende stellt er sich mit Familie Zisis unter den Korb, jemand macht ein Foto mit dem Handy. Zum Abschied kniet sich Vesely zu den Kids hinunter und gibt ihnen noch ein High-Five, Zisis winkt und reckt den Daumen nach oben. Er ist der erfahrenste Spieler im Bamberger Kader: 279 Euroleague-Spiele hat er hinter sich gebracht, nur Juan Carlos Navarro und Felipe Reyes haben mehr. Nikos Zisis weiß, was wann wichtig ist. München wartet schon, aber jetzt ist erstmal die Familie dran.

Schritt für Schritt und nur nicht aus dem Tritt geraten. Und niemanden links liegen lassen.

Schritt für Schritt
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