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„Blöcke stellen und aus dem Weg gehen“

19.05.2016 || 10:05 Uhr von:
Vor sechs Jahren noch in der zweiten italienischen Liga, nun dreimaliger Euroleague-Sieger. Kyle Hines’ Weg geht weiter steil nach oben – auch wegen des Small-Ball-Trends?

Machen wir ein Gedankenexperiment und schreiten zehn Jahre in der Evolutionsgeschichte des Basketballs voran: Wie schon im Jahr 2016 beträgt die durchschnittliche Körpergröße eines Basketballers zwei Meter – doch dieses Gardemaß findet man nun bei der kompletten Starting Five eines Teams vor, vom Point Guard bis zum Center (wobei diese Begriffe nur noch Relikte der Pre-Skillball-Ära sind).

Mit dieser Angleichung der Körpergröße unter den Akteuren hat sich der Werkzeugkasten eines jeden Spielers erweitert: Reichweite des eigenen Wurfs bis zur Dreierlinie, Passfertigkeiten und Spielmacherqualitäten im Halbfeld, Möglichkeit des Switchens bei jedem Pick-and-Roll – nicht Attribute eines Rollenspielers, aber Aufgabenbereich eines jeden. Utopie oder folgerichtige Entwicklung?

Zurück in die Gegenwart: Im Kader des jüngsten Euroleague-Champions findet man einen Spieler vor, der bis auf den Wurf vielen dieser Ansprüche bereits gerecht wird: Kyle Hines, seines Zeichens „nur“ 1,98 Meter groß und Starting-Center von CSKA Moskau. In seinem fünften Final Four in Folge gewann Hines seinen dritten Euroleague-Titel; zweimal hatte er mit Olympiacos Piräus bereits die Trophäe gewonnen.

Im Zuge des Euroleague Final Fours hat sich basketball.de mit CSKA-Coach Dimitrios Itoudis, Euroleague-Legende Theodoros Papaloukas und dem deutschen Rekordnationalspieler Patrick Femerling über Hines unterhalten – und natürlich mit dem Protagonisten selbst –, um sich über dessen Bedeutung für das russische Team, aber auch Hines’ Einordnung in den modernen Basketball zu unterhalten.

„Hines ist einzigartig“

„Hines ist jemand Spezielles, er ist wie…“, sagt Theodoros Papaloukas und kann nach kurzem Zögern nur noch anschließen: „Er ist einzigartig, es ist… Es ist Hines.“ Als nächstes erinnert sich die griechische Euroleague-Legende an Hines’ Euroleague-Karrierestart in Bamberg – wie passend, denn mit der Station bei den Brose Baskets nahm seine Karriere in Europa so richtig Fahrt auf.

In der Saison 2010/11, seiner einzigen in der BBL, gewann Hines mit den Bambergern das Double aus Meisterschaft und Pokal. Nach der fünf Partien währenden Endspielserie gegen ALBA BERLIN wurde Hines zum Finals-MVP gekürt; auch die Auszeichnung zum wertvollsten Spieler des Allstar Games heimste der Big Man ein – mehr geht kaum. Womit der Weg auf eine höhere europäische Bühne geebnet war: Es folgte ein Wechsel zu Olympiacos Piräus.

„Trinchieri ist einer der Hauptgründe für meinen Erfolg“

Hines weiß aber genau, bei wem er sich zu bedanken hat – beim jetzigen Bamberger Trainer Andrea Trinchieri. Beide arbeiteten in der Saison 2008/09 bei Veroli zusammen – in der zweiten italienischen Liga.

„Es ist ein großartiger Coach mit einem erstklassigen Basketballverstand – und eine großartige Person. Er ist einer der Hauptgründe für meinen Erfolg“, wertschätzt Hines seinen ehemaligen Trainer. „Als ich in Veroli war, hat er ständig mit mir gesprochen, mir Videos gezeigt, wie Euroleague-Spieler in verschiedenen Situationen agieren.“ Trinchieri wird schon zu diesem Zeitpunkt geahnt haben, welches Potential in seinem Schützling steckt. Trincheri wechselte nach einer Saison zu Cantu; Hines blieb noch eine Saison in Veroli, ehe er sich den Bambergern anschloss.

In seiner sechsten Euroleague-Saison strich Hines nun auch seine erste individuelle Auszeichnung der europäischen Top-Liga ein: die des besten Verteidigers. Natürlich ist mehr die Defensive als noch die Offensive ein kollektiver Schwerpunkt, das weiß auch CSKA-Coach Dimitrios Itoudis auf die Frage, welche Bedeutung Hines in der Verteidigung auf Grund der Möglichkeiten des Switches und Hedgens beim Pick-and-Roll habe:

„Man braucht zwei, um zu switchen – oder auch fünf. Es geht nicht nur um Kyle Hines, weil ein zweiter Spieler in der Ballaktion involviert ist. Die Weakside muss eventuell auf Switches reagieren. Es hängt davon ab, wieviel Platz der Gegner hat.“ Doch gerade, wenn ein Team einen solch starken individuellen Verteidiger hat, steigert es den Spielraum der Teamdefense.

„Es geht nicht nur um Kyle, aber er ist natürlich gut, weil er eine Menge Spieler verteidigen kann. [Im Halbfinale gegen Krasnodar] haben wir ihn gegen [Ryan] Broekhoff und [Matt] Janning angsetzt. Unser Plan war es, ihnen das Pick-and-Pop wegzunehmen.“

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„Er verteidigt von der Eins bis zur Fünf“

Die beiden Lokomotive-Scharfschützen setzten kaum zum Distanzwurf an, als sie im Halbfinalspiel gegen CSKA von Hines verteidigt wurden. Moskaus Big Man nutzt seine geringe Körpergröße als Center aus und kann sich schneller im Raum und um die Blöcke ballabseits bewegen, wenn er dies mal tun muss. Und auch im Pick-and-Roll verteidigt er stark, weil er die Schnelligkeit und Athletik besitzt, sowohl den Guard vor sich zu halten, als auch den schnellen Closeout zu machen.

Auch im Finale gegen Fenerbahce war ersichtlich, wie zögerlich die Spieler Istanbuls agierten, sobald Hines nach dem Switch gegen sie verteidigte. Oftmals sprang nur ein Pull-up-Jumper mit Hines’ Hand im Gesicht heraus. Im Endspiel zwang Hines seine Gegenspieler zu einer Quote von 26,7 Prozent (4/15 FG) – nach direkten Switches waren es null von sechs. Im Halbfinale trafen Hines‘ Gegenspieler noch indiskutabelere 16,7 Prozent (1/6 FG).

Gegen den 1,98 Meter kleinen Hines das Post-up suchen? Von wegen: Ein einziges Mal während des gesamten Final Fours suchte ein Gegenspieler diesen Weg, den das Kraftpaket Hines selbstverständlich zunichte machte. Apropos Kraft: Man sehe sich Hines‘ Blöcke und sein Ausbox-Verhalten an: Meist agiert er frontal zum Gegenspieler, um diesen mit seiner ganzen Kraft in Schach zu halten – was meistens klappt, auch wenn es nicht ohne Riskio ist (Frage nach Offensiv-Foul, Fehlwurf aus dem Blick verlieren).

Auch Patrick Femerling schätzt Hines als starken Verteidiger ein: „Er holt dir die Rebounds, er verteidigt von der Eins bis zur Fünf. Er ist gut in der Rotation“, macht der deutsche Rekordnationalspieler die Stärken Hines’ deutlich, geht aber auch zur Offensive: „Er versteht das Spiel, weiß, wohin er sich bewegen muss, sieht die freien Leute – und kann auch den Ball selbst in den Korb legen.“

Ein Beispiel für Hines’ Lesen des Raums und der Positionierung seiner Mitspieler ist folgende russische Poesie auf Parkett: Hines rollt nach seinem Flare-Screen für Milos Teodosic hart zum Korb ab, spielt nach dem Pass aber den blitzschnellen Touch-Pass in die Ecke – Teambasketball par excellence.

„Ich muss nur Blöcke stellen und aus dem Weg gehen“

„Ach, es ist einfach für mich – ich muss nur Blöcke stellen und aus dem Weg gehen“, scherzt Hines nach dem Endspielsieg in der Mixed Zone auf die Stärke des Guard-Duos Milos Teodosic und Nando de Colo angesprochen. Nur Blöcke stellen ist einfach gesagt. Denn gerade die Screens, vor allem im Pick-and-Roll-bevorzugtem modernen Basketball, sind essentiell.

Auch Femerling weiß um Hines’ Glue-Guy-Qualitäten und Bodenständigkeit: „Es ist wirklich ein sehr, sehr guter Basketballer, der eigentlich nichts verlangt, aber alles gibt. Er braucht keine Systeme für sich; man muss ihm nicht 20 Blöcke stellen, damit er herauskommt.“

Sicherlich, Hines entspricht dem kompletten Skillball-Paket insofern nicht, als dass er keinen Sprungwurf sein Eigen nennt, mit dem er selbst für Spacing sorgen kann. Doch mit seinen effizienten Abschlüssen am Ring, seinen Blöcken, seinem Bewusstsein, wo er im Raum zu navigieren hat, und seinem Auge für seine Mitspieler erfüllt er viele Qualitäten, die ein moderner Big Man zu erfüllen hat – egal, ob er nun Center-Gardemaße besitzt oder nicht.

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Zu kleiner Center? „Es hat definitiv seine Vorteile“

Besteht vielleicht ein Zusammenhang zwischen seinem Aufstieg im vergangenen halben Jahrzehnt und der immer größeren werden Bedeutung des Small-/ Skillballs?

„So läuft das Spiel heutzutage ab. Die Drei-Punkte-Linie ist gefragter und ein unverzichtbarer Einfluss auf das Spiel geworden. Es gibt viel mehr explosive Guards, die zudem im Pick-and-Roll stärker sind“, erklärt Hines. „Das hat die Rolle von kleineren und athletischeren Center hervorgerufen, um sich mit dem Spiel der Guards auseinandersetzen zu können.“

Ist es also womöglich sogar ein Vorteil, dass Hines ein „zu klein geratener“ Center ist? „Mit der Art, wie der Basketball gespielt wird, ist es das sogar – auch wenn ich lieber 2,10, 2,11 Meter groß wäre. Aber es hat definitiv seine Vorteile.“

Mit drei Euroleague-Titeln rangiert Hines mit einer Vielzahl anderer Spieler nun auf dem zwölften Platz der Euroleague-Historie – mit Mike Batiste und Anthony Parker als die drei einzigen US-Amerikaner. „Er ist ein kompletter Spieler, den man meiner Meinung nach am Anfang ein wenig unterschätzt hat. Er hat einfach gezeigt – sei es bei Olympiacos oder jetzt bei CSKA –, dass er ein Top-europäischer Spieler und jede Mark wert ist“, weiß Femerling um die Rolle Hines’ im europäischen Basketball. Das alles schreit nach einer langen Euroleague-Karriere.

Es sind die schönen Geschichten des Sports, wenn sportlicher Erfolg auf menschlicher Ebene ebenso begrüßenswert erscheint. Und das ist bei Hines der Fall. Im Interview mit dem lettischen Online-Medium sportacentrs.com war Trinchieri einst voll des Lobes: „Kyle Hines ist ein unglaublicher Mensch. Er ist mit Abstand eine der besten Personen, die ich in meinem Leben getroffen habe. Ich sage immer wieder: ,Wenn ich eine Tochter hätte, würde ich mir wünschen, dass sie Hines heiratet.’“

So werden auch die meisten General Manager denken. Von diesem 198 cm kleinen Center, der aber weit als 198 Gramm Herz besitzt. Der mit seinen Anlagen Leib und Seele eines Teams darstellt. Und der vielleicht jetzt schon zeigt, wie die Zukunft des Basketballs aussehen könnte. Und nun zurück in die Zukunft.

„Blöcke stellen und aus dem Weg gehen“
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