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Im Museum: Ulm schlägt Bamberg

27.03.2017 || 20:09 Uhr von:
Das lange erwartete Topspiel der Ulmer in Bamberg ist Geschichte. Ins Museum schaffen es ein paar ganz besondere Bilder. Wir wandern durch die Ausstellung und fangen dabei am Ende an.

Erstes Bild: Der Erfahrene. Nikos Zisis, nach dem Spiel.

Der griechische Veteran lehnt an der Bande und blickt zurück auf das Spiel.

Das war eine harte Woche für uns, mit fünf Spielen in 10 Tagen. Aber wir kannten den Spielplan vorher, wir suchen keine Ausreden. Wir haben das Spiel aufgrund unserer Verteidigung verloren. Die Ulmer hatten von Beginn an ein gutes Gefühl für das Spiel. Der Coach hat uns aufgetragen, intensiv zu spielen und physisch dagegenzuhalten. Das haben wir im Prinzip nur zur Mitte des dritten Viertels geschafft, als wir uns freie Bälle gesichert, Pässe abgefangen und Hustle Plays gemacht haben. Ulm hat wirklich ein tolles Team, sie spielen großartigen Offensivbasketball. Außerdem haben sie ein sehr großes Selbstbewusstsein, weil sie noch kein Spiel in der Liga verloren haben. Glückwunsch an die Ulmer. Wir wollen demütig bleiben, weiterarbeiten und in den Playoffs alles geben.

Auf die Frage, wie die Vorbereitung auf das Spiel ausgesehen hat, antwortet Zisis:

Wir hatten ein „Recovery“-Training am Freitag und ein sehr kurzes Training am Samstag. Da hatten wir natürlich wenig Zeit, etwas vorzubereiten, aber so ist unser Leben in dieser Saison. Wir wollen aber nicht nach Ausreden suchen. Wir haben versucht zu gewinnen, aber am Ende haben sie uns geschlagen. Bald ist die Euroleague ja vorbei, dann ruhen wir uns auf und bereiten uns auf die Playoffs vor. Wir werden alles, was wir haben, in die Playoffs legen. In Kürze haben wir Zeit zu arbeiten, mal durchzuatmen und 100 Prozent in Form zu kommen. Das wird ein großer Kampf in diesem Jahr zwischen den drei Teams. Ich denke, alle drei haben die Möglichkeit, die Meisterschaft zu gewinnen.

Zweites Bild: Der Gefallene. Nicolo Melli, 40. Minute.

Dieser Ausschnitt zeigt Nicolo Melli am Boden. Es sind keine zwanzig Sekunden mehr zu spielen, Ulm hat den Ball. Gerade hat Nicolo Melli seinen zweiten Dreier hintereinander verworfen. Er sieht müde aus, abgekämpft, der Bart gibt ihm das Antlitz eines Kriegers. Vier Sekunden braucht er, um sich wieder aufzurappeln. In der Wiederholung sieht man, dass er leicht umgeknickt ist. So gesehen ist es auch Ausdruck seines Kampfgeistes, sich gleich wieder hochzukämpfen. Dann joggt er zurück in die Verteidigung, Bamberg foult nicht mehr und Ulm gewinnt mit fünf Punkten Vorsprung, 84:79. Das Bild des am Boden liegenden Nicolo Melli, es ist auch symbolisch zu verstehen.

Der italienische Power Forward spielte lange eine überragende Saison. Vor allem in der Euroleague glänzte er, wurde unter anderem zum Dezember-MVP des Wettbewerbs gewählt und zog das Interesse einiger NBA-Teams auf sich. Ende Dezember traf er noch 58 Prozent seiner Dreier, dazu hatte er sich körperlich weiterentwickelt und mit seiner Extra-Physis auch unter den Körben viel Schaden angerichtet. Melli war in seiner zweiten Saison in Bamberg zum klaren Anführer gereift. Aber irgendwann folgte der Einbruch. Seine Zahlen gingen nach unten, der Dreier fiel nicht mehr so sicher. Melli wurde zögerlicher im Angriff, die Aussetzer in der Defensive mehrten sich. Lediglich ein Spiel hat der 26-Jährige in dieser Saison ausgesetzt. Er macht den Eindruck, als bräuchte er dringend mal eine Pause.

Gegen Ulm spielte Melli wieder fast 30 Minuten und schaffte es sogar zum Topscorer auf Bamberger Seite. Aber kein Assist, nur zwei Rebounds und zwei Turnover sind eher untypisch für den vielseitigen Power Forward. Und am Ende, als es darauf ankam, verwarf er zwei Dreier in Folge und fiel hin. Als Trinchieri nach dem Spiel gegen Fenerbahce Istanbul auf Nicolo Mellis Form angesprochen wurde, antwortete er: „Auch wenn seine Zahlen aktuell nicht so gut sind, hilft er uns unglaublich viel auf dem Feld. Er ist und bleibt unser Franchise-Player.“ Er wird das wieder beweisen müssen, wenn Bamberg um die Meisterschaft spielt.

Drittes Bild: Der Bizeps. Raymar Morgan, 31. Minute.

Brose Arena, Höhe der Freiwurflinie. Raymar Morgan, der Ulmer Center, schlägt sich mit der linken Hand auf den rechten Bizeps. Er verzieht das Gesicht dabei, sieht trotzig aus. In der Szene vorher hatte ihn Melli geblockt, vergeblich hatte er auf Foul reklamiert. Dann bekommt er den Ball aus dem Einwurf unter dem Korb gegen Theis, der die Arme senkrecht zur Hallendecke streckt. Morgan nimmt kein Dribbling, sondern geht direkt hoch. Es sind seine Punkte 20 und 21 an diesem sommerlichen Sonntagabend.

Der 28-Jährige ist mit großem Abstand der Favorit auf den MVP-Titel in dieser Saison. Mit 19,2 Punkten führt er die Liga an, bei den Rebounds liegt er mit 6,9 auf Rang Vier. Dazu spielt er noch 2,1 Assists, trifft 60 Prozent seiner Zweier und 44 Prozent seiner Dreier. Und all das schafft der US-Amerikaner in nur 25 Minuten Einsatzzeit.

Zwischen Morgan und Bamberg gibt es da noch diese kleine Anekdote aus dem Sommer 2015. In Göttingen hatte der 2,05 Meter große Power Forward ein kongeniales Duo mit Khalid El-Amin gebildet und so das Interesse von Andrea Trinchieri geweckt. Das Jahr zuvor musste Morgan mit einer schweren Knieverletzung komplett pausieren, nun wirkte er fit. Morgan war sogar schon zum Medizincheck in Bamberg, der brachte aber schlechte Nachrichten. Sein Knie war für den Moment zwar stabil, aber er konnte es seit der Verletzung nicht mehr ganz durchstrecken. Bamberg war die Verpflichtung zu riskant. Daraufhin schlugen die Ulmer zu. Es war das ganz große Los. Der US-Amerikaner ist Leibenaths größtes Pfund im Kampf um die Meisterschaft – erst Recht, wenn er mit den Emotionen spielt, die er in Bamberg beim Bizeps-Jubel an den Tag legte.

Viertes Bild: Die Bankspieler. Statistikbogen, Ende 3. Viertel.

Vor Beginn des vierten Viertels werden die Statistikbögen verteilt. Eine Spalte sticht besonders heraus: Das Plus/Minus-Rating. Alle Bamberger Starter haben ein negatives, alle Bankspieler ein positives. Bei Ulm ist es genau andersrum: Alle Starter haben ein positives Rating, alle Bankspieler ein negatives. Hobbs, Babb, Braun, Butler und Morgan sind sowas von spielstark, eingespielt und selbstbewusst, dass sie sich in diesem Jahr wirklich vor keiner Mannschaft verstecken müssen. Mit der Einwechslung von Tadda und Wohlfahrt-Bottermann sinkt dann die Spielstärke. Auch der lange verletzte Per Günther tut sich noch schwer, das Niveau von Hobbs zu halten. Rubit war ebenso länger verletzt, bringt aber inzwischen sehr konstant Entlastung von der Bank. Unter Leibenath kennt jeder seine Rolle perfekt und spürt Vertrauen.

Auf Bamberger Seite haben vor allem die viel geforderten Zisis, Melli und Causeur teilweise Probleme, von Anfang an die Intensität der gut vorbereiteten Gegenspieler mitzugehen. Der Kader ist so tief, dass Spieler wie Miller und Theis von der Bank kommen und so für Entlastung sorgen können. Lo, Heckmann und Staiger spielten gegen Ulm relativ wenig; will man die Starter zu den Playoffs in ausgeruhte Topform bringen, müssen diese Spieler in den nächsten Wochen für Entlastung sorgen. Dafür brauchen sie vor allem das Vertrauen des Trainers.

Fünftes Bild: Der Back-up. Braydon Hobbs, 2. Minute.

Braydon Hobbs war vor zwei Jahren noch in der ProA aktiv, für rent4office Nürnberg. Letztes Jahr überragte er in Gießen mit seiner Spielübersicht, seinen No-Look-Pässen und dem Gefühl für das richtige Play am Ende eines knappen Spiels. Er war das perfekte Puzzleteil für den Ulmer Kader. Lange schon suchte Thorsten Leibenath nach einem Point Guard, der damit zurechtkam, hinter Per Günther die klare Nummer Zwei zu sein – der aber gleichzeitig keinen Bruch ins Spiel bringt. Hobbs startete nicht so gut in die Saison, nach sechs Spielen hatte er im Schnitt gerade einmal 2,1 Punkte erzielt und dabei keinen seiner fünfzehn Dreier getroffen.

1:15 Minuten sind in Bamberg gespielt, da führt Ulm schon mit 6:0. Braydon Hobbs, Starter auf der Position 1, hat zwei Dreier genommen und beide getroffen. Hobbs wirkt immer einer wenig unscheinbar, ohne Stirnband, ohne Sleeves an Armen oder Beinen. Radikal kurze schwarze Haare, eine leicht krumme Nasse, nicht übermäßig viele Muskeln, eine unterdurchschnittliche Athletik. Aber all das täuscht. Nach Günthers Verletzung hat Hobbs das Zepter übernommen und es seitdem nicht mehr abgegeben, auch als der deutsche Franchise-Player der Ulmer Ende Januar wieder auf das Parkett zurückkehrte.

So gut dirigiert Hobbs die Offense, dass es fast schon ironisch ist. Denn als Ulm endlich dachte, einen genügsamen Back-Up für Günther gefunden zu haben, ist der so gut, dass Ulm nach 27 Spielen ungeschlagen auf Platz 1 steht, obwohl Günther nicht richtig in Tritt kommt und nicht mehr startet. Morgan war der Jackpot, Babb ist ein Killer, aber die Königsverpflichtung von Thomas Stoll war Braydon Hobbs.

Sechstes Bild: Der Anfang. Per Günther in Bamberg, September 2008.

Es war der letzte Sieg eines Ulmer Teams in Bamberg, und es war das erste Spiel von Per Günther für sein Herzensteam. Den Weg, den die Ulmer seitdem gegangen sind, konnte damals niemand vorausahnen. Aber jetzt ist es so weit: Nach einigen Finalteilnahmen zuvor wirken die Ulmer nun tatsächlich wie der Titelfavorit. Die Heimserie der Bamberger ist nach 37 BBL- und Pokal-Siegen in Folge gerissen. Gegen Ulm, das nun auch nach 27 Saisonspielen noch unbesiegt ist.

In der Pressekonferenz nach dem Spiel, angesprochen auf die Mehrfachbelastung der Bamberger, reagierte Thorsten Leibenath mit Unverständnis. Er hätte gerne diesen Vorteil, in der Euroleague dreißig Spiele auf höchstem Niveau zu absolvieren, sagte er. Für die nächste Saison ist das nach diesem Sieg in Bamberg nun alles andere als utopisch.

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